Ethik : Die Xenobots-Revolution

Seit Kurzem sorgen sie in den Medien für Furore, werden als “neue Spezies” gefeiert und als “lebende Maschinen” kritisch beäugt: Xenobots. Das sind winzige, nicht einmal einen Millimeter große, autonome und programmierbare Roboter, die aus embryonalen Stammzellen des Afrikanischen Krallenfrosches (lat. Xenopus laevis, daher der Name der Roboter) bestehen. Da es sich bei besagten Stammzellen um Vorläufer für Haut- und insbesondere Herzmuskelzellen handelt, sind die kleinen Maschinen in der Lage, sich selbstständig fortzubewegen. Sie sollen zukünftig zum Beispiel im Mikrokosmos des menschlichen Körpers oder im Makrokosmos der Ozeane Aufräumarbeiten übernehmen und irgendwann sogar Lasten wie etwa Wirkstoffe transportieren.
Joshua Bongard von der Universität Vermont, der die Xenobots gemeinsam mit einem interdisziplinären Team entwickelt hat, ist sich in der Tat nicht ganz sicher, ob wir mit ihnen nicht sogar einer vollständig neue Spezies gegenüberstehen. Schließlich handelt es sich um die ersten Maschinen aus lebensfähigem Material.
Zweifelsohne stellen die Xenobots eine Sensation dar – auch deshalb, weil sie (zumindest legt das der erste Eindruck nahe) sehr viel nachhaltiger sind als ihre traditionellen Verwandten aus Blech und Metall. Denn nicht nur sind sie vollständig abbaubar, können sich also nach erfolgreich erfülltem Auftrag im menschlichen Körper einfach in ‘Wohlgefallen’ auflösen, sondern ihr Energiehaushalt reicht, da er sich aus den embryonalen Reserven der Zellen speist, für mehrere Tage oder sogar Wochen.
Aber schauen wir uns die Xenobots aus ethischer Perspektive mal ein bisschen genauer an. Die mediale Aufregung um sie ist natürlich verständlich und ebenso nachvollziehbar wecken sie große Hoffnungen dank ihrer vielversprechenden Einsatzmöglichkeiten. Aber ebenso klar ist auch, dass Xenobots als Technologien, also als Produkte menschlichen Handelns, nicht ethisch neutral sind, und deshalb eine einseitige Wahrnehmung lediglich der mit ihnen einhergehenden Chancen nicht vertretbar sein kann. Ebenso wenig übrigens wie ein einseitiger Fokus auf mögliche Risiken.
Denn menschliches Handeln ist nie ethisch neutral. Menschen handeln nach Intentionen und nach Gründen, die ihren Handlungen Richtung, Ziele und Zwecke geben. Auf diese Weise gelangen (ethische, politische, ökonomische, religiöse, ästhetische und andere) Werte in eine jeweilige Handlung hinein. Über Intentionen und Gründe unterscheiden wir eine menschliche Handlung vom bloßen Verhalten, das unüberlegt und quasi automatisch geschieht, sowie von den Instinkten und Trieben der Tiere.
Deshalb sind auch die Produkte menschlichen Handelns – also etwa Technologien wie in diesem Fall die Xenobots – nie ethisch neutral. Ob sie es wollen oder nicht: die Kreateurinnen (im Folgenden werden alle Geschlechter in der weiblichen Form mit gemeint) technologischer Artefakte geben ihre moralischen Vorstellungen bewusst oder unbewusst an ihre Schöpfungen weiter. Deshalb fordert die Einschätzung jedweder Technik immer auch eine kritische Reflexion der ethischen Herausforderungen, vor die wir uns mit einer konkreten Technologie gestellt sehen.
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Im Folgenden möchte ich einen Vorschlag machen, wie jede von uns – nicht nur die Ethiker unter den Lesern – zu einem solchen ethischen Urteil gelangen können. Alle Produkte menschlichen Handelns lassen sich hinsichtlich der vier im Folgenden genannten Fragenkataloge auf ihren ‘ethischen Gehalt’ hin überprüfen: (1) Herstellung und Design, (2) Autonomie und Aufgabenbereich, (3) Daten und Sicherheit, (4) Kontext und Einsatzbereich. Sicherlich stellen sich einige (wenn nicht alle) Fragen in mehreren (oder gar allen) vier Bereichen und vermutlich gibt es auch solche, die sich keinem der vier Themen zuordnen lassen. Den Schematismus des Folgenden möchte ich also gar nicht bestreiten. Aber es wäre bereits viel gewonnen, wenn wir es uns angewöhnen würden, die ethische Perspektive im Alltag zumindest anhand dieser vier Komplexe einzunehmen.
(1) Herstellung und Design: Zunächst hat der Deep Green Supercomputer der Universität Vermont anhand zahlreicher Simulationen die beste Zusammensetzung der Zellen für die beste Form, die die Xenobots schließlich haben sollten, ermittelt. Die Umsetzung im Labor war der nächste Schritt. Bereits bis hierher lassen sich zahlreiche ethische Fragen stellen, wie etwa danach, wer den Algorithmus des besagten Supercomputers programmiert hat und zu welchem Zweck dies geschehen ist. Wer also hat festgelegt, nach welchen Kriterien die ‘beste’ Zusammensetzung der Zellen bzw. das ‘tauglichste’ Design der zukünftigen Xenobots zu definieren ist? Damit hängen auch Fragen hinsichtlich des Einsatz- und Aufgabenbereichs der Roboter zusammen, auf die ich gleich zurückkomme, die aber natürlich in der Programmierung des Algorithmus bereits implizit enthalten sind. Weiterhin stellen sich ethische Fragen mit Blick auf die Herstellungsbedingungen für Menschen und Tiere in den Laboren für die Produktion der Xenobots. Und auch Fragen der (Daten-)Sicherheit, der Nachhaltigkeit sowie des Preises des Endprodukts gehören hierher.
(2) Autonomie und Aufgabenbereich: Hier müssen wie hinterfragen, wer ihren genauen Einsatzbereich definiert und ihre Befugnis begrenzt. Sprich: Wer legt fest, was die Roboter wo machen dürfen und was nicht? Wer ist dafür zur Verantwortung zu ziehen, wenn sie ihrem jeweiligen Auftrag nicht gerecht werden, wenn Fehler passieren, es zu Unfällen kommt oder ähnliches? Wie gerade bereits angedeutet, spielen Überlegungen hinsichtlich Autonomie und Aufgabenbereich der Xenobots bereits in ihrer Herstellung eine wichtige Rolle.
(3) Daten und Sicherheit: Was für Daten erheben die Xenobots in ihrem Einsatz und wer kann über diese verfügen? Auch hier klingt der zweite Fragenkomplex nach Autonomie und Aufgabenbereich an, was uns wiederum an den ersten Fragenkomplex zu Herstellung und Design verweist.
(4) Kontext und Einsatzbereich: Wie beeinflusst der Einsatz der Xenobots die Arbeit der Menschen etwa in Medizin und Umweltschutz? Welche gesellschaftlichen Auswirkungen könnte die Herstellung und serienmäßige Produktion von Xenobots haben? Erneut stellt sich die Frage aus dem ersten Fragenkomplex nach der Autorität, die den Preis für die Xenobots festlegt und damit auch die Frage nach dem Kreis potenzieller Nutzerinnen.
Wir sehen, dass alle vier Fragenkomplexe aufs Engste mit einander verzahnt sind und es nahezu unmöglich erscheint, eine jeweilige Frage so zu stellen, dass sie mit Eindeutigkeit dem einen, aber nicht einem anderen Bereich zugeordnet werden kann. Sicherlich ist es keine neue Erkenntnis, dass alles auch eine ethische Seite hat und dass (um die These ein bisschen weiter zu fassen) es keine distinkten Kategorien wie Natur, Kultur, Wirtschaft, Politik, Ethik usw. gibt (mir sei an dieser Stelle ein kurzer Verweis auf Denkerinnen wie Karen Barad oder Bruno Latour gestattet).
Einerseits hilft uns das Systematisieren in Kategorien, Disziplinen und Fragenkomplexen in der Ordnung unserer chaotischen Welt, in der Festlegung, wer wofür in welchem Ausmaß Verantwortung hat. Andererseits wird der sich damit einstellende Schematismus spätestens dann problematisch, wenn sich niemand mehr zuständig fühlt. Denn dann können wir uns dazu eingeladen fühlen, Verantwortung auf andere zu schieben – von einer akademischen Disziplin in eine andere, von dort in die Industrie, von dort in die Politik, von dort ins Gewissen der einzelnen moralischen Individuen.
Dann verweisen die Unternehmen, die die Xenobots vertreiben, auf diejenigen, die sie programmiert haben, und die wiederum auf diejenigen, die den Algorithmus des Supercomputers entwickelt haben, und die wenden sich schließlich an die mündigen Konsumenten, deren eigene Entscheidung es ja schließlich sei, welche Produkte sie kaufen und welche nicht. Das alles hilft uns nicht weiter. Wir müssen lernen, die Herausforderungen der Gegenwart als etwas zu begreifen, dass sich nur transdisziplinär angehen lässt, dass wir in unserem Handeln und auch in der Erschaffung von Technik, also indem wir ganz buchstäblich Ontologie betreiben, auch immer ethisch, politisch und ökonomisch sind. Das heißt es, sich verantwortlich zu zeigen.