Elektronische Musik ohne Elektronik

KATHARINA SEIDLER | 28.03.2019   

Elektronische Liveacts, das sind hauptsächlich Männer, die auf Laptops starren“, dieses Vorurteil über Clubmusiker enthielt lange Zeit sehr viel Wahrheit. Die Gegebenheiten haben sich aber geändert. Nicht nur die Sichtbarkeit von elektronischen Musikerinnen hat im letzten Jahrzehnt deutlich zugenommen, auch findet man auf Festival- und Clubbühnen eine Vielzahl an kreativen Ansätzen, die einen Live-Act auch zu einer spannenden Performance abseits vom Klicken eines Play-Buttons machen. Ein paar der einnehmendsten Shows im Clubmusik-Kontext haben wir in letzter Zeit gar mit Soloinstrumenten ganz ohne Elektronik erlebt. Der kanadische Experimentalmusiker Alex Zhang Hungtai, ehemals bekannt als Dirty Beaches, reiste letzte Woche nur mit seinem Saxofon zum Club Struma+Iodine ins Rhiz. Während der hauchige Sax-Sound auf Hungtais Alben eher als Nebelwolke durch die Spuren schwebt, wurde er auf der rhiz-Bühne in ausgiebigen Melodie-Eskapaden zu etwas Konkretem. Klangkörper und Körper im Club, Rhythmus und seine Abwesenheit, Tanzen und Schweben: Alles eins.

VORSCHAU

FREITAG: In der Grellen Forelle prescht Johannes Heil mit Techno nach vorne, Detroit-Techno-Legende Kenny Larkin besucht die Pratersauna und der holländische Clone-Records-Gründer Serge nimmt den Namen der Nacht, Funkoom, im Werk mit oldschooligem Techno und Konsorten wörtlich. Bei der Reihe On Fleek zeigt die Londoner DJ und NTS-Radiohost Aqwea im Club Titanic ihre beeindruckende Bandbreite zwischen House, Techno und Footwork, Hip-Hop, Soul, R’n’B und Afrobeat (ja, wirklich), bei der Queer-Base-Party im Celeste setzt Amy.G.Dala auf Deep- und Slow-House und die Nu-Rave-Popper Digitalism pogen im Horst.

SAMSTAG: Elvin Brandhi und Alessandra Eramo manövrieren sich in der Zentrale durch Stimm-Kunststücke, Singsang-Streams-of-Consciousness, Noise, Pop und anarchistische Beats, der Zagreber Musiker Iv/An bespielt das Rhiz mit düsterem Wave-Synthpop und Dustin Evans alias Textasy verwandelt das Werk in einen „Motor Bass“-Hexenkessel aus Ghetto House, funky Electro und wildem Rave. Im Opera Club wirbelt der Portugiese Branko von Buraka Som Sistema globalen Pop, Kuduro, Hip-Hop und Tanzmusik aus allen Kontinenten zusammen und Zuckerwatt feiert elf Jahre im Clubmusik-Zirkus mit elf Stunden Techno im Sass.


Flyer der Woche ausgesucht von Lisa Kiss

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