„… und dann sah ich plötzlich viel Blut.“

Harry Bergmann befand sich am Donnerstag in unmittelbarer Nähe zum Attentat in der Dizengoff Street im Zentrum von Tel Aviv. Ein Augenzeugenbericht


HARRY BERGMANN

10.04.2022

"Terror auf Dizengoff" | Die Titelseite der Zeitung "Israel Hayom" | Foto: Harry Bergmann

Wenn man – höchstwahrscheinlich aus einer Mischung von Wichtigtuerei, Mitteilungsdrang, Liebhaberei und Selbstüberschätzung – glaubt, als Laie regelmäßig Kolumnen schreiben zu müssen, und wenn man ständig von einer Heimat in die andere fliegt, um der einen Heimat auszurichten, was sich in der anderen Heimat tut, dann kann man nicht gerade das auslassen, was sich am Donnerstag am Abend hier abgespielt hat. Hier ist Tel Aviv. Und „abgespielt“ hat sich der vierte – tödliche – Terroranschlag innerhalb weniger Wochen.

Haben Sie die israelische Netflix-Serie „Fauda“ gesehen? Sicher haben Sie. Jeder hat „Fauda“ gesehen. Aber nicht jeder weiß, was „Fauda“ bedeutet. Es ist arabisch und bedeutet Chaos.

Chaos, wie Donnerstag um ungefähr 22 Uhr auf der Dizengoff Street im Zentrum von Tel Aviv. Die Dizengoff ist eine der belebtesten Straßen einer an Belebtheit kaum zu übertreffenden Stadt. Und der Donnerstag ist einer der belebtesten Abende, einer ständig belebten Woche.

Warum ich das weiß? Ganz einfach, weil ich dort war. Etwa einen halben Kilometer von der Bar entfernt, wo der Täter das Feuer eröffnete, wo drei Passanten oder Gäste – ich weiß nicht genau, ob es Passanten oder Gäste waren, also sage ich besser „drei unschuldige, junge Männer, einer davon, trotz seiner Jugend schon dreifacher Vater“ – starben und viele weitere verletzt wurden.

Irgendwie habe ich schon ein bemerkenswertes Talent, dort zu sein, wo man zu diesem Zeitpunkt nicht unbedingt sein sollte. Sozusagen ein Wehrschütz wider Willen. Im vergangenen Mai waren es die Raketenangriffe der Hamas, die mich schnurstracks in den Luftschutzkeller befördert haben. Gestern waren es das Attentat und die Jagd auf den Attentäter, die in einem Tohuwabohu von hunderten aus allen Richtungen in alle Richtungen rasenden Einsatzfahrzeugen endete. Fauda eben.

Im Originalwortlaut liest sich das, was sich am Ort des Attentats zugetragen hat, so: „I was sitting at the Tzina Bar. Outside the bar the shooting started. I saw the window shatter and started running. Suddenly everyone started to run, and I felt that I was hit in my back. I didn`t know what was going on, I simply ran and then saw a lot of blood.“

Wieder Blut. Blut, wohin man schaut. In welcher Zeit leben wir? In welcher Welt leben wir? Ist die Welt, in der wir zu leben glauben, ist das, was wir sehen und hören, was wir wissen oder zu wissen glauben, überhaupt real? Ist es real oder ist es medial? Ist es noch analog oder nur mehr digital?

Ich lese überall, dass Selenskyj den medialen Krieg gegen Putin gewonnen hat. Aber was soll das heißen, den medialen Krieg zu gewinnen? Sind die kleinen Videos, die Selenskyj täglich dreht und die von Millionen gesehen und geteilt werden tatsächlich das, was man „the equalizer of power“ nennt. Ist es nicht vielmehr die letzte Illusion eines Sieges, die einem Verlierer bleibt?

Wann werden wir aufhören den ganzen Tag auf unser Handy zu schauen und begreifen, dass es keine zwei Kriege – den echten Krieg und den Medienkrieg – gibt. Die Inszenierung hört dort auf, wo echtes Blut fließt. Die Toten von Butscha werden ihren Präsidenten nicht als Sieger feiern, das steht schon einmal fest. Krieg ist archaisch, nicht digital. Krieg wird immer noch durch Töten oder Getötetwerden entschieden und nicht durch Tweeten oder Retweeten.

Stellen wir doch einmal eine etwas abgewandelte Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast Du’s mit der Schuld?“ Gleich einmal vorweg: die einzige Schuld der Toten von Tel Aviv ist, Israelis zu sein. Die einzige Schuld der Toten von Butscha ist, Ukrainer zu sein. In der medialen Welt, in der sogar das relativ Einfache komplex wird – damit man es von allen Seiten beleuchten, kommentieren, analysieren und diagnostizieren kann – wird Schuld immer geteilt. Wir kennen alle die Teilschuld, vom letzten Mal, als uns die Versicherung erklärt hat, dass sie nicht bereit ist, alles zu zahlen. Ja, der Mörder ist ein Mörder, aber es gibt einen guten Grund, warum er zum Mörder geworden ist. Es muss einen Grund geben und jemand muss daran schuld sein. Ja, Putin ist ein kaltblütiger Mörder, aber hätte ihn die Nato oder der Westen nicht in die Enge getrieben, dann gäbe es heute den Krieg höchstwahrscheinlich gar nicht. Ja, der palästinensische Attentäter ist ein etwas weniger kaltblütiger Mörder, aber gäbe es die Unruhen (ich sage „Unruhen“, Palästinenserpräsident Abbas sagt „Provokationen“) am Tempelberg in Jerusalem nicht, würde die Situation nicht ständig eskalieren. Das macht den Schuldigen natürlich nicht unschuldig, wie jeder sich sofort beeilt hinzuzufügen, aber der Unschuldige kriegt auch sein Fett ab.

Ich weiß leider zu wenig, wie die digitalen Medien wirklich funktionieren, wie sie wirken. Ich meine, nicht auf den einzelnen User, sondern auf die Gesellschaft und damit auf den Lauf der Geschichte. Okay, wir sind besser und schneller informiert, als irgendeine Gesellschaft zuvor. Wir sind aber auch besser und schneller desinformiert. Selbst wenn die Information stimmt, was machen wir konkret mit diesem Wissen? Nur weil man etwas weiß, heißt das noch lange nicht, dass man etwas – dafür oder dagegen – tut. Das digitale Entsetzen, die digitale Betroffenheit hilft genau niemanden. Wir sind eine Welt von digitalen Voyeuren geworden. Das sehen wir gerade jetzt mehr denn je.

Ich frage anders: wie wäre der 2. Weltkrieg verlaufen, wenn es Soziale Medien gegeben hätte? Auf der Täterseite kann ich mir ausmalen – nein, ich will es mir gar nicht ausmalen – was Goebbels mit Facebook, Twitter & Co., die sofort arisiert worden wären, alles zustande gebracht hätte. Ich bin mehr an der Opferseite interessiert. Hätte es Auschwitz gegeben? Ich fürchte schon,

meint Ihr Harry Bergmann.

Das nächste Mal erzähle ich Ihnen, wie das Attentat von Tel Aviv die Regierungskrise in Israel beschleunigt. Das wird Sie auf den ersten Blick nicht interessieren. Aber was, wenn Benjamin Netanjahu zurück an die Macht kommt? Und was bedeutet das für Donald Trump und Sebastian Kurz? Sehen Sie, es interessiert Sie schon mehr.


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

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