Die wachen Augen des Herrn R.

Bin ich für einen vorlauten Tweet bestraft worden?


HARRY BERGMANN

19.03.2022

Ich schreibe heute so lange, bis mir der Sprit ausgeht. Das hat weniger mit den hohen Spritpreisen zu tun, als mehr mit meinem persönlichen Treibstoff. Ich laufe seit drei Tagen auf Reserve. Ich bin nämlich Corona-positiv und von „mild“ keine Rede.

Und das mir, der ich zwei Jahre lang aufgepasst habe, wie ein Haftlmacher, der dreimal geimpft ist und den feinen Plan hatte, sich Anfang September zum vierten Mal impfen zu lassen, um für die nächste Welle, die alle schon sehen, die sehen wollen (also nicht die Bundesregierung oder besser gesagt: der eine Teil der Bundesregierung) gewappnet zu sein, der in Skigondeln einen Wickel nach dem anderen hatte, wenn jemand seine Maske nicht oder als Kinnschutz getragen hat, der seit Urzeiten nicht mehr ins Kino geht, der am Eingang eines Lokals auch dann den Impfnachweis hergezeigt hat, wenn es geheißen hat „Geht schon, ich kenne Sie“, der selbst im Freien einen Slalom zwischen den Menschen gegangen ist, um niemanden zu nahe zu kommen. Also so einer halt.

Bevor jetzt irgendein Impfgegner, der gerade nicht für Putin demonstriert, aufspringt, und auf mich zeigt: „Schaut Euch diesen Schmock an, er glaubt, alles richtig gemacht zu haben, und was hat es ihm geholfen?“ Ich habe leider nicht das Glück eines milden Verlaufs und die nächsten Tage werden sicher hart werden, aber ich bin überzeugt, nicht ins Spital gehen zu müssen und genau das „hat es geholfen“. Und genau das ist auch alles, was zählt. „Selber Schmock!“ wollte ich gerade schreiben, aber das verbraucht zu viel Sprit.

Am Anfang der Woche habe ich getwittert: „60.000 Neuinfektionen. Mein ausdrücklicher Dank gilt der sehr geschätzten Bundesregierung mit Ihrer bemerkenswerten Weitsicht.“

Patsch, bumm, krach: am Mittwoch begannen die Halsschmerzen, die Schluckbeschwerden, das Fieber stieg langsam an, Husten war unerträglich (eine Million Glasscherben in der Brust), Nießen etwas besser (nur eine halbe Million Glasscherben im Hals). Dann der Testbefund: POSITIV. Mein CT-Wert ist 20. Seit der Winter-Olympiade glaube ich zu wissen, dass 30 und mehr die Teilnahme an den Spielen ermöglicht. Also Medaille kann ich vergessen.

Bin ich für meinen vorlauten Tweet bestraft worden? Bin ich das Opfer des Pandemie-Managements dieser Halawacheln da oben? War ich doch zu unvorsichtig, oder ist es einfach Pech?

Oder ist es Glück im Pech? Denn die schlimmste meiner drei Vorerkrankungen ist sicherlich die Hypochondrie. Und die steht bekanntlich auf keinem Beipackzettel als Contra-Indikation.

Und die beiden anderen Vorerkrankungen, Bluthochdruck und allergisches Asthma, haben mir den Zugang zu dem neuen Wundermittel „Paxlovid“ verschafft. Also eigentlich hat mir Professor Wenisch den Zugang verschafft, nachdem ich vorher an einem Amtsarzt auf 1450 krachend gescheitert war. Aber egal. Jetzt habe ich es und hoffentlich geht es bald bergauf.

Gestern am Nachmittag konnte ich schon fernsehen, und was war das Erste, was ich sah? Die Pressekonferenz von Gesundheitsminister Rauch. „Ha, Schurke!“ dachte ich und vergaß einen Augenblick lang, dass ich niemals so tief sinken wollte wie diese unsäglichen Corona-Demonstranten. So tief kann mein CT-Wert gar nicht sein.

Also ich sah Herrn R. in einer Situation, in der ich niemals sein würde wollen, ganz abgesehen davon, dass ich niemals Politiker oder gar Gesundheitsminister in einer Pandemie sein will und schon gar nicht in so einer Pressekonferenz. Herr R. musste nämlich eine Maßnahme, die sein Vorgänger Herr M. beschlossen oder zumindest mitbeschlossen hatte, bevor er sich auf den leisen Sohlen seiner Turnschuhe aus dem Staub gemacht hat, jetzt öffentlich zurücknehmen. Hochnotpeinlich.

Ja, es war hochnotpeinlich, aber er war es irgendwie nicht. Zumindest nicht für mich. Er kann Sätze sprechen, also nicht Wortklumpen, die irgendwo von sinnlosen Pausen unterbrochen werden. Er kann Sätze sprechen, die einen Sinn ergeben, auch wenn man nicht unbedingt seiner Meinung ist. Er kann alles, was Herr M. nicht konnte und das allein ist schon eine Wohltat.

Und dann die Augen. Ich liebe es Menschen in die Augen zu schauen, dann da erfährt man um so viel mehr als von den Worten, die aus ihrem Mund kommen. Bei Herrn M. war es egal, weder der leere Blick noch die leeren Worthülse, sagten irgendetwas. Herr R. aber hat wache Augen. Er spielt mit ihnen. Bei manchen Fragen wandern sie nach oben. Das kann natürlich heißen „Oh Gott, schon wieder diese Frage!“ mir kam es aber eher so vor, als ob er an der Decke nach der besten Antwort suchen würde. Wenn die Augen nach unten wandern, dann kann man – bei etwas Goodwill – das so deuten, dass es ihm echt leid tut.

Sie könnten jetzt natürlich sagen, dass das Fieber aus mir spricht. Aber so hoch ist es auch wieder nicht, dass ich halluziniere.

Natürlich sollte ich mich jetzt fragen: wenn er gegen die Öffnungen war, warum hat er sich diesen Rucksack umhängen lassen? Warum hat er keine Bedingungen gestellt, als ihm Vizekanzler K. den Job angeboten hat? Aber vielleicht ist das einfach so in einer Partei und höchstwahrscheinlich ist man auch nicht in die Politik gegangen, um einen Ministerposten abzulehnen. Und schließlich die Killer-Frage: was haben wir von einem Politiker, dem Fehlentscheidungen leid tun, auch wenn es nicht seine waren?

Ich hoffe, dass Herr R. aus diesem Schlamassel lernen wird, und diese Hoffnung verbinde ich mit kaum einer seiner Ministerkollegen oder -kolleginnen. Ich vertraue im Moment seinen Augen.

Der einzige Vorteil einer Covid-Erkrankung ist der, dass man von einem Moment zum anderen sagen kann, dass man müde ist und schlafen geht. Und genau das tue ich jetzt.

Bleiben Sie gesund. Alles andere ist nicht sehr lustig.

Meint Ihr
Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 158 Gehen auf dünnem Eis (29.11.2022)
Nr. 157 Kalte Füße im heißen Sand (25.11.2022)
Nr. 156 Die Erdkrümmung (11.11.2022)
Nr. 155 Konzentration des Grotesken (24.10.2022)
Nr. 154 „Heb‘ die Füße beim Gehen!“, sagte meine Mutter (17.10.2022)
Nr. 153 Die Kragenweite (08.10.2022)
Nr. 152 Ein Potemkin kommt selten allein (04.10.2022)
Nr. 151 Die Welt als Schießbude (26.09.2022)
Nr. 150 Was bleibt? (16.09.2022)
Nr. 149 Ich lese Hemingway! (02.09.2022)
Nr. 148 Ich, das Sommerloch (22.08.2022)
Nr. 147 Zwischen Humus und Hummus (09.08.2022)
Nr. 146 Die Spatzen, die Tauben und der grüne Kakadu (03.08.2022)
Nr. 145 Die Energie folgt der Aufmerksamkeit (25.07.2022)
Nr. 144 Send in the Clowns (12.07.2022)
Nr. 143 Die überdrüber Super-Demokratie (05.07.2022)
Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)