Zeit der Antisemiten

Am 27. Jänner ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Er erscheint heute wichtiger als je zuvor.


HARRY BERGMANN

25.01.2022

Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin | Foto: Andrea Nardi

Ukraine also. Ich weiß natürlich wieder einmal zu wenig, um richtig mitreden zu können, geschweige denn, um etwas zu schreiben, das Sie nicht besser wüssten als ich. Aber zusehen kann ich zumindest. Und so sah ich sie im Fernsehen, die beiden Außenminister. Den amerikanischen und den russischen. Der eine, Antony Blinken, mehr ein Hendl, der andere, Sergej Lawrow, mehr ein Hüne. Der eine, Antony Blinken, seit einem Jahr im Amt, der andere, Sergej Lawrow, seit achtzehn Jahren im Amt. Der eine, Antony Blinken, als ob er kein Wässerchen trüben könnte, der andere, Sergej Lawrow, mit allen Wodkas gewaschen.

Und erst Ihre beiden Chefs! Der eine, Joe Biden, „der Führer der freien Welt“, der die Ukraine um Kopf und Kragen schwurbelt, der andere, Vladimir Putin, der, wenn er gerade imperialistische Lust verspürt, sich überlegt, welchen prorussischen Führer er in der Ukraine einsetzen könnte.

Wobei, wer weiß schon genug über Putin? Karl Schranz vielleicht. Ihm hat Putin seine Kreuzschmerzen geklagt, worauf sich der Karl in Putins Büro nicht nur in die Schranz-Hocke, sondern gleich in die Rückenlage begeben hat, um Putin ein paar Übungen zu zeigen. Und was macht Putin? Er zieht sich das Sakko aus, legt sich auf den Boden und turnt mit. Stellen Sie sich vor, die Sekretärin wäre in dem Moment hereingekommen. Nicht auszudenken. Der Mann, der die Welt in Atem hält, liegt flach und macht Atemübungen.

Das Säbelrasseln zwischen der USA und Russland wird jedenfalls immer lauter und lauter. Und wenn in der Politik lange gesäbelt und gerasselt wird, dann geht es am Ende vor allem darum, wie die beiden Kontrahenten ohne Gesichtsverlust da wieder herauskommen.

Da wir uns nicht irgendwo befinden, sondern nur ein Stückerl östlich der EU, mischt natürlich auch Brüssel mit. Brüssel-Rasseln, sozusagen. Damit das aber nicht, wie üblich, ungehört verhallt, springt unser Karl – wenn schon nicht mit dem Säbel, dann eben mit dem Taschen-Feitl – in die Bresche. In dem Fall nicht Schranz, sondern Nehammer. „Der Bundeskanzler richtet deutliche Worte an Moskau.“, wird verlautet. Ui, da werden dem Putin wieder die Kreuzschmerzen einschießen.

Und mittendrin die Ukraine. Ich möchte jedenfalls nicht in der Haut der Ukraine stecken. Wobei diese Haut ohnehin einer der letzten wäre, in der ich stecken möchte. Ich sollte das vielleicht – zum besseren Verständnis – umformulieren: ich wäre im Jahre 1941 in der Ukraine nicht gern in meiner Haut gesteckt.

Da es bei der Erinnerungskultur der offiziellen Ukraine ein bisserl hapert, darf ich vielleicht ein paar höchstpersönliche, Anmerkungen machen. Von den 2,7 Millionen Juden, die vor dem Krieg in der Ukraine lebten, wurden 1,5 Millionen im Holocaust ermordet. Die kulturelle Blüte einfach ausgelöscht. Die Ukrainer beteiligten sich nicht nur in großer Zahl an Pogromen, sondern waren auch treue Helfer bei der Organisation und der Durchführung von Massenerschießungen. „Die Ukrainer waren die schlimmsten Antisemiten“, sagten meine Eltern und die wussten leider genau, wovon sie reden.

Damit habe ich nichts zur Beilegung des Ukraine-Konflikts beigetragen, aber das haben Sie ja auch nicht wirklich von mir erwartet, oder?

Wie geht es eigentlich den Antisemiten in Österreich? Da ich ja nicht alle kenne, nehme ich einfach die FPÖ als Indikator. Da ich so vieles nicht weiß, weiß ich auch nicht, ob ich das so sagen darf. Und ich höre auch schon den Chor aufheulen: „Nicht alle in der FPÖ sind Antisemiten und die, die die FPÖ wählen schon gar nicht!“ Also gut. Da ich mich heute ohnehin im Umformulieren übe, formuliere ich es um: „Ich gehe davon aus, dass der Anteil an Antisemiten in der FPÖ ein signifikant höherer ist, als in anderen politischen Parteien oder Bewegungen.“ Ach was, pfeif drauf, ich sage es so: „Wenn ich ein Antisemit wäre, würde ich die FPÖ wählen.“

Der FPÖ, die sich gerade selbst als Impfgegnerin verharmlost, geht es gut. Das sage nicht ich, sondern eine auf profil.at erschienene Sonntagsfrage. Da kommt die FPÖ nämlich auf 20 Prozent. Wenn ich die 6 Prozent der eigentlichen Impfgegner mit freundlichen Grüßen dazurechne, sind das ein Viertel der Bevölkerung. Ein Viertel der Bevölkerung! Einem der Objektivität verpflichteten Meinungsforscher dreht sich bei meiner Addition höchstwahrscheinlich der Magen um, aber ich bin ja nicht der Objektivität verpflichtet.

Ich verstehe es einfach nicht. Der irrlichternde Kickl – der nur den Irrlichternden spielt – kommt auf ähnliche Werte wie Strache. Und ich konnte schon nicht glauben, dass Strache auf ähnliche Werte wie Haider gekommen ist. Was ist da los in diesem Land? Man kann doch nicht ständig eines Schlechteren belehrt werden. Ich dachte, dass das Virus nur die oberen Atemwege und die Lunge angreift.

Ich verstehe, dass die ÖVP auf 25 Prozent herunter-säbel-gerasselt ist. Aber dass sie nur 5 Prozent über der FPÖ liegt, hat nicht einmal sie verdient. Ich verstehe, dass die 25 Prozent der SPÖ nichts, aber auch schon gar nichts, aussagen, weil sie sich keinen Millimeter bewegt hat. Ich verstehe die (nur) 11 Prozent der Grünen als gerechte Strafe für Mückstein, aber als zu harte Strafe für den Rest der grünen Riege. Ich verstehe die (nur) 11 Prozent der Pinken nicht, aber vielleicht will ich sie einfach nicht verstehen.

So, jetzt schalte ich ORF2 ein und sehe mir „Die Wannseekonferenz“ an.

Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 142 Krankenstand, der neue Rücktritt (27.06.2022)
Nr. 141 Das Loch aller Löcher (13.06.2022)
Nr. 140 Eine Kurzgeschichte über Kurz und Geschichte (07.06.2022)
Nr. 139 Die Entdeckung der grundlosen Hysterie (03.06.2022)
Nr. 138 Kommt Strauch von straucheln? (30.05.2022)
Nr. 137 Tod in Venedig (25.05.2022)
Nr. 136 Was ist schon 100%ig? (18.05.2022)
Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
Nr. 123 Noch zappenduster oder schon stockfinster? (26.02.2022)
Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)