Licht ins Dünkel

Ganz Österreich sitzt im Lockdown, während die Regierungsspitze ihrer sozialen Ader auf einer Spendengala frönt. Muss das sein?


HARRY BERGMANN

29.11.2021

Kanzler und Vizekanzler bie der Gala | Foto: ORF/Screenshot

Es gibt ja nicht so viele Möglichkeiten. Entweder, keiner liest, was ich schreibe, oder ein paar lesen hie und da, was ich schreibe, aber es ist ihnen völlig wurscht, oder ein paar lesen, was ich schreibe, sind aber total gegensätzlicher Meinung und sinnen auf Rache. Je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird es mir: keiner von denen liest, was ich schreibe.

Von denen? Na ja, die, über die ich seit Wochen schreibe. Die, die es einfach nicht können. Denn wenn sie es könnten, wenn sie es nur ein ganz klein wenig könnten, würde Österreich nicht zum vierten Mal in der Scheiße (pardon) sitzen.

Da versammeln sie sich Woche für Woche um einen großen Tisch und nennen das „Ministerrat“. Was kommt dabei heraus? Schlechte Minister und schlechter Rat.

Jetzt haben sie es aber echt übertrieben. Jetzt sind Ihnen die noch verbliebenen Sicherungen endgültig rausgesprungen. Das muss man sich einmal vorstellen: sie sperren uns alle ein, ob geimpft oder nicht geimpft, erklären uns, wie wichtig es ist, die sozialen Kontakte um mindestens ein Drittel zu reduzieren, damit die überquellenden Spitäler nicht überüberquellen, wir sollen ordentlich Abstand halten, dort wo notwendig Masken tragen und überhaupt auf uns und andere aufpassen. Und was machen sie selbst? Sie feiern sich und ihre soziale Ader auf der „Licht Ins Dunkel“-Gala. Von Abstand keine Rede, von Masken keine Rede, von Respekt den Millionen Eingesperrten gegenüber keine Rede. Haben die sie noch alle? Spüren sie sich und das, was um sie herum passiert, überhaupt noch? Wie abgehoben kann dieser Polit-Dünkel sein?

Ich hatte die Ehre, 16 Jahre lang die „Licht Ins Dunkel“-Kampagnen mitzugestalten und zu verantworten. Ich weiß also – ausnahmsweise – wovon ich rede. Es ging – und ich nehme an, es geht noch immer – um die Inklusion von behinderten Menschen in die Gesellschaft. Aber was ist das für eine Gesellschaft, wenn die Spitzen dieser Gesellschaft den Unterschied zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und Unrecht, nicht mehr kennen?

Ich schreibe es einfach noch einmal und noch einmal und noch einmal, auch wenn Sie Ihr Abo abbestellen, wofür ich ohnehin volles Verständnis hätte.

Können es bitte einmal andere probieren? Können es bitte einmal andere probieren? Können es bitte einmal andere probieren?

Eine andere Konstellation. Eine andere Koalition. Vielleicht können die das dann auch nicht, aber vielleicht können sie es doch. Vielleicht können sie es nur ein bisschen besser, aber immerhin ein bisschen besser. Alles, was wir dazu machen müssten, wäre wählen. W-ä-h-l-e-n. Vielleicht kommt eh wieder die gleiche Konstellation, die gleiche Koalition, heraus. Aber vielleicht auch nicht. Was haben wir – die Wähler – denn schon groß zu verlieren? Einen Sonntag Vormittag oder einen Sonntag Nachmittag. Da haben uns die, um die es hier geht, schon wesentlich mehr Zeit gestohlen. Ich wollte hinzufügen: „Und mit jedem Lockdown auch Geld gestohlen“, aber meine Rechtsschutzbeauftragte hat gemeint, dass ich das so nicht sagen darf. Also sage ich einfach, dass uns die Lockdowns das Geld gestohlen haben.

Jetzt kommen natürlich die, die nicht nur alles wissen, sondern auch alles besser wissen und sagen: „Wer eine Neuwahl anzettelt, wird sie verlieren.“ Interessant. Hat Kurz die Wahl, die er angezettelt hat, verloren?

Ich bin wirklich für jede Anti-Corona Maßnahme zu haben. Ich bin dreimal geimpft. Ich besitze einen österreichischen und einen israelischen Impfpass und zeige ihn auch dann her, wenn man das gar nicht von mir verlangt. Ich halte zwei Babyelefanten Abstand. Ich trage Maske. Ich wasche mir öfter die Hände als Jack Nicholson in „As Good As It Gets“. Ich finde Anti-Corona-Demos unsäglich, vor allem weil Nazis mitmarschieren und „Leute aus dem Familiensektor“ – wie sie Florian Klenk vorauseilend beschützend nennt – bedenkenlos mit den mitmarschierenden Nazis mitmarschieren.

Aber dass wir von einem Chaos ins nächste schlittern, dass sich unsere Minister ohne Rat gegenseitig das Haxl stellen, dass keiner weiß, ob die heute beschlossene Maßnahme nicht schon morgen ins Gegenteil verkehrt wird, dass dadurch Impfgegner und Verschwörungstheoretiker noch mehr Zulauf bekommen, dass Kickl kaum vom Krankenlager (wenn es denn eines war) aufgestanden, sofort wieder mitten auf der Bühne krakeelen darf und dass wir in vielen Ländern sehen, dass es auch anders geht, ist schlichtweg unerträglich.

Aber was soll ich denn machen, wenn keiner von denen liest, was ich Woche für Woche schreibe? Soll ich es vielleicht singen?

Ok, dann singe ich es eben:

„Du verstehst mi ned, Du verstehst mi ned,
mir kummt sogoa vua, du huachst goa ned zua.

Des begreif i ned, des begreif i ned,
des kann do ned sein, des geht ma ned ein,
des kann do ned sein, dass es immer so weiter geht.“

„Du schaust nur bled, ja Du schaust nur bled“ habe ich auf Anraten des befreundeten Anwaltsbüros der oben bereits erwähnten Rechtsschutzbeauftragten weggelassen.

Auf Ihre Nachsicht hoffend,
Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, Werbedilettant (gar nicht einmal so schlecht), Kolumnisten-Dilettant (na, ja…). Hat durch das Schreiben einige Freunde verloren, aber mehr gewonnen (glaubt er zumindest). Denkt seit einiger Zeit darüber nach, ob der Flug Wien – Tel Aviv ein Hinflug oder ein Rückflug ist.

Zuletzt erschienen:

Nr. 135 Wenn einer eine Regierung umbilden tut (13.05.2022)
Nr. 134 Ein Brief über zwei Briefe (09.05.2022)
Nr. 133 Innere Dialoge an den Rändern (06.05.2022)
Nr. 132 Als x noch kein y war (18.04.2022)
Nr. 131 Schleimspur im Gegenwind oder Der Homo Politicus Zachiens (11.04.2022)
Nr. 130 „... und dann sah ich plötzlich viel Blut.“ (10.04.2022)
Nr. 129 Am anderen Ende des Seins (04.04.2022)
Nr. 128 Schuster, bleib bei deinen Leisten (29.03.2022)
Nr. 127 Die wachen Augen des Herrn R. (19.03.2022)
Nr. 126 Der Staat gegen mich (13.03.2022)
Nr. 125 Die Bananen der Republik (07.03.2022)
Nr. 124 Kann Neutralität mutig sein? (04.03.2022)
Nr. 123 Noch zappenduster oder schon stockfinster? (26.02.2022)
Nr. 122 Es ist 5 vor 12 (23.02.2022)
Nr. 121 Die Pimperl-Troika oder Meine Sorgen möchte ich haben (17.02.2022)
Nr. 120 Es gibt kein Warum (10.02.2022)
Nr. 119 Meistens bedeutet Ausschuss nichts Gutes (03.02.2022)
Nr. 118 Die sauberen Hände (31.01.2022)
Nr. 117 Zeit der Antisemiten (25.01.2022)
Nr. 116 Was hat dieser Krugman gegen mich? (20.01.2022)
Nr. 115 Über das Impfpflichterl und den Hang zur Verkleinerung (18.01.2022)