Was fängt da an? Bitte keine schnellen Antworten!

Was passierte als plötzlich die Linken rechts von mir und die Rechten links von mir waren?


HARRY BERGMANN

08.03.2021

Ich bin glücklich, sehr belesene Freunde zu haben. Der Belesenste unter diesen Belesenen hat mich unlängst mit einer Textstelle von Edmond Jabès bekanntgemacht. Ich sage ganz bewusst „bekanntgemacht“, weil ich weder den Autor, geschweige denn die Textstelle kannte. Ich hoffe, dass auch Sie, werte Leserin und Sie, werter Leser den Autor nicht kennen. Wenn Sie ihn kennen, kennen Sie vielleicht auch die Textstelle, und dann kann ich Ihnen erstens nichts Neues erzählen und zweitens werden Sie sich wohl von mir abwenden und sich umgehend nach einem Kolumnisten auf Augenhöhe umsehen.

Edmond Jabès (1912-1991) war ein französischer Schriftsteller und Dichter, und der besagte Text befindet sich in dem Buch „Le livre des questions“ („Buch der Fragen“). Und genau darum geht es, um Fragen. Nein, eigentlich geht es um Antworten.

„Die einzig richtige Antwort auf eine Frage ist eine weitere Frage.“ Ein wunderbarer Gedanke. Nur weitere Fragen lassen uns tiefer und tiefer in ein Thema eindringen. Nur weitere Fragen lassen uns Neues, vielleicht noch nicht Gedachtes, entdecken. Nur weitere Fragen lassen uns andere Perspektiven in Betracht ziehen. Zu schnelle Antworten beenden einen Weg, der noch nicht zu Ende gedacht, zu Ende gegangen ist. Wann aber ist der Weg zu Ende? Wann ist die richtige Antwort eine Antwort und eben nicht eine weitere Frage? Ich weiß es nicht. Ich werde den Belesensten unter den Belesenen fragen.

Was ich aber weiß – und dazu brauche ich Jabès nicht – ist, dass wir in einer Zeit leben, in der uns die Fragen über den Kopf wachsen. Als wären die drängenden Probleme des 21. Jahrhunderts nicht schon genug, haben wir jetzt auch noch diese Pandemie an der Backe.

In der Panik umarmen wir allzu gern die erstschnellste Antwort, den erstbesten Rettungsring und kommen viel zu spät drauf, dass der nur eine schaumgeschlagene Rolle ist. Und Schaumschläger gibt es genug.

Wenn wir dieses Problem nicht haben, dann haben wir ein anderes, nämlich zu viele Antworten. Es gehört zum guten Ton, dass schon jeder etwas weiß. Und dann gibt es „Kuratoren“, die nach eigenem Gutdünken ein paar Antworten für uns arme Bürger-Würschtln aussuchen und sie für alle gut sichtbar ausstellen. Je populistischer und radikaler, desto besser.

Nicht unerwähnt sollte die Cousine der schnellen Antwort bleiben. Die schnelle Lüge. Sie begleitet uns mittlerweile tagtäglich. Sie ist zum Alpha und Omega der Politik geworden. Alle Lügendetektoren dieser Welt scheinen gleichzeitig außer Betrieb gesetzt worden zu sein und es wird ungeniert und unverfroren gelogen und betrogen, dass sich die Demokratie-Balken biegen. Sie, die schnelle Lüge, hat keine eindeutige Nationalität und sie hat auch keine präferierte Parteifarbe. Außer in Österreich, da hat sie einen Blaustich.

Haben Sie Kickls Aschersamstag-Rede gehört? Aschermittwoch-Reden versuchen ja noch ein bisschen Fasching in den Hass zu mischen, aber diese Rede sprengte alle Grenzen des bisher Dagewesenen. Zumindest der letzten 90 Jahre. Im blauen Freizeit-Oberteil, der – das kann aber nicht seine Absicht gewesen sein – an DDR-Einheitstrainingsanzüge erinnerte, übertraf er die kühnsten Erwartungen seiner vornehmen Zuhörerschaft. Und da war sie wieder, die schnelle Antwort auf alle Probleme: KURZ MUSS WEG.

Rot-Weiß-Rote Transparente führten diesen charmanten Spruch durch die ganze Stadt und auch bis zu dem Ort, an dem ich – höchst unfreiwillig – ins Geschehen eintrat. Es war die Prater Hauptallee. Als ich an die große Kreuzung mit der Straße, die zum Prater-Stadion führt, kam, bot sich mir ein geopolitisch höchst verwirrendes Bild: rechts von mir waren die Linken und links von mir die Rechten. Dazwischen Polizisten, bei denen augenscheinlich die Rechte nicht wusste, was die Linke tut.

Ein Inferno. Einerseits Dantes Inferno, in dem man durch alle Formen der angstmachenden Hölle schreitet, andererseits die Umkehrung von Dantes Inferno, weil die Schuldigen mit ihrem Corona-Verhalten die Unschuldigen, die sich an die Regeln halten, bestrafen. Jedenfalls war es alles andere als eine „Göttliche Komödie“.

Die KURZ-MUSS-WEG-Transparente waren wie unzählige politische Warntafeln, dass man nie ins rechte Eck schielen soll, denn von dort wird einem eines Tages ins schielende Auge gespuckt. Hoffentlich wird zumindest das verstanden.

Mitten drin wieder die Juden. Ich meine damit nicht mich, oder zumindest nicht nur mich. Ich meine von glatzköpfigen Rechtsradikalen getragene, gelbe Judensterne auf denen zu lesen stand „Ungeimpft“. Ich meine judenfeindliche Parolen, die mit vor Erregung roten Backen, skandiert wurden. Ich bin einäugig? Nein, nein, keine Angst. Die von den Linksradikalen angestimmten Anti-Israel-Chöre waren auch nicht ohne. Die schnelle Antwort von links und von rechts war gleich: die Juden sind schuld. Woran eigentlich? Tut leid, in diesem Fall sind weitere Fragen nicht zugelassen.

Da wäre noch etwas: ich kann den Einwand nicht mehr hören, dass nicht alle, die bei diesen Perchtenläufen mitmachen, Rechtsradikale sind. Es geht um die persönliche Freiheit, gegen den Impfzwang, gegen die verfassungswidrigen Einschnitte, die der Staat vornimmt und um die Demonstrationsfreiheit….. ja, ja, haben wir schon verstanden!!

Ich habe in ihre Gesichter geschaut, näher als mir lieb war, und ich sage das einfach einmal so: „Sag mir, mit wem Du gehst und ich sage Dir, wer Du bist.“

Die Frage ist: was fängt da an? Die weitere Frage muss sich jeder selbst stellen: wo wird das enden? Und bitte: keine schnellen Antworten.

Ihr Harry Bergmann


Dr. Harry Bergmann, kein Studienabbrecher, aber in der Werbung dennoch Autodidakt. Seit 2 Jahren nicht mehr in der Werbung, aber schon wieder Autodidakt. Diesmal beim Schreiben. Lebt in Wien und in Israel, außer es ist gerade in einem der beiden Länder ein Lockdown.

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