Casino Royale

Harry Bergmann überbrückt das Sommerloch mithilfe phantasierter Infektionsketten, von Kärnten bis in die Bundesgärten


HARRY BERGMANN

03.08.2020

Nichts los. Gar nichts los. Da, wo vor kurzem noch ein bisschen was war, ist nichts. Ein klaffendes Loch.

„Was redet der?“ werden jetzt einige sagen „Das ist das ganz normale Sommerloch.“

Kann man so sehen, muss man aber nicht. Wir leben schon seit Mitte März in einem Loch. Man hat uns zwar ab Mitte Mai erklärt, dass wir langsam aber sicher aus dem Loch herauskriechen sollen, aber mental sind wir noch immer drinnen. 2020 ist eben alles anders, sogar die Löcher.

Solchen sommerlöchrigen Gedanken kann man natürlich nicht in der Loge 17 nachhängen. Da muss man nach draußen. Dort wo die Luft vielleicht besser, der Kaffee aber sicher schlechter ist.

Ich bin nicht nach Griechenland zurückgefahren. Ich halte mich brav an das, was unsere liebe Regierung schon seit Wochen propagiert. Abenteuerurlaub in Österreich. Clusterhopping statt Inselhopping. Nichts für schwache Nerven, aber ein gesunder Patriotismus hält die Urlaubsstimmung hoch.

Ich sitze an einem Seeufer und schau aufs Wasser. Ich liebe es hier und komme jedes Jahr wieder. Man darf sich nicht alle Gewohnheiten vom Virus nehmen lassen, sonst hat es gewonnen, ob es einen erwischt oder nicht.

Gewohntes beruhigt. Ich brauche diese Beruhigung, denn die Nachbargemeinde ist vom großen Casino-Skandal eingeholt worden. Also nicht vom ganz großen Casino-Skandal, der mit dem Aufsichtsrat, der nach einem amikalen Gespräch im Justizministerium kein Aufsichtsrat mehr sein will.

Jedem Casino sein Skandal | Foto: Benjamin Lambert / Unsplash

Es ist mehr so eine Dependance des ganz großen Skandals. Aber dem Bürgermeister dieser Nachbargemeinde ist er groß genug.
Schuld daran sind wiedermal die Medien, also zumindest der Boulevard. Warum bauschen die immer alles so auf und machen aus Einzelfällen kilometerlange Infektionsketten? „Hauptsache aufrechte und anständige Politiker drangsalieren, das können sie!“ jammert der Bürgermeister vor sich hin.

Ich muss Ihnen was gestehen. Manchmal, wenn ich so aufs Wasser schaue und meine Ruhe und Gelassenheit langsam in Langeweile übergehen, dann erfinde ich – nur so für mich – Infektionsketten. Ja, Infektionsketten. Ketten von einfachen, ehrlichen, kurzarbeitsberechtigten, hilfspaketempfangenden Menschen. Ich bin der lebende Beweis, dass Tracking nicht digital sein muss. Es gehört nur ein bisschen Phantasie dazu.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Casino und haben Ihrer Frau nichts davon gesagt. Sie haben schon etwas gesagt, aber eben ganz was anderes. Sie wollen nur ein bisschen Luft schnappen, um sich von den schreienden Kindern zu erholen.

Sie haben es unerkannt ins Casino geschafft, und es beginnt der Lauf der Dinge. „Lauf“ ist vielleicht ein wenig übertrieben, denn Sie verspielen in kürzester Zeit das ganze Urlaubsgeld.

Es war wirklich Pech. Sie hatten einen cleveren Plan. Sie setzen immer auf Schwarz, weil Schwarz die Farbe der Gewinner ist. Türkis gibt es ja im Casino nicht. Und wenn Sie auf Zahlen setzen, dann in der Reihenfolge 11 (=K), 21 (=U), 18 (=R) 26 (=Z), also KURZ, weil der der Obergewinner ist.

Und was kam? 18 (=R), 5 (=E), 14 (=N), 4 (=D) und 9 (= I). Ausgerechnet RENDI. Und natürlich Rot.

Am nächsten Morgen, Sie überlegen gerade krampfhaft, wie Sie die Hotelrechnung bezahlen sollen, lesen Sie in der Zeitung, dass Sie gemeinsam mit ungefähr 700 anderen, die auch im Casino waren, behördlich gesucht werden. Das Schlamassel haben Sie einer Vorarlberger Hypochonderin, die am gleichen Tag das Casino besucht hatte, zu verdanken. Die hat sich doch glatt, nur weil ihr ein bisschen schlecht war, auf Corona testen lassen. Und dann behauptet auch noch dieses Vorarlberger Labor in seiner fast schweizerischen Überkorrektheit, dass sie positiv ist. Also, wir wissen ja, was man von der Sicherheit solcher Tests zu halten hat.

Aber die Vorarlbergerin ist jetzt eine viel kleinere Sorge, als Ihre Frau. Wenn die auf alles draufkommt, dann „rien ne va plus“. Andererseits kommt der Stein ja nur dann ins Rollen, wenn Sie sich bei dieser Vorarlbergerin angesteckt haben. Sie rufen also 1450 an, warten einen halben Tag in der Leitung und beschließen dann, auf eigene Faust ein Labor zu finden. Sie schleichen sich wieder aus dem Hotel weg, finden ein Labor und lassen sich mit 2 überlangen Ohrenstäbchen die Nase aufspießen.

Jetzt das große Warten auf den Befund. Die Stunden kriechen so langsam vorbei wie ein Song von Tom Waits (vertrottelte Metapher!) Das Warten hat sich nicht gelohnt. Sie sind positiv. Sie haben Corona und wenn Sie es haben, dann hat es Ihre Frau und vielleicht auch die Kinder.

Wie heißt es so schön? Wenn die Stunde der Wahrheit kommt: lügen, lügen, lügen.

Gerade wie Sie glauben, das Kartenhaus vielleicht doch irgendwie vor dem Einsturz zu retten, taucht dieser entsetzliche, alles vernichtende Gedanke auf. Die Landwirtschaftsministerin, die ja auch Tourismus-Ministerin ist! Die, der Sie zu verdanken haben, dass Ihre Frau auf einen Österreich-Urlaub bestanden hat. Diese Tourismus-Ministerin ist eine Schulfreundin Ihrer Frau, und die beiden wollten sich nächste Woche treffen.

Nicht auszudenken, wenn Ihre Frau die Ministerin ansteckt. Ausgerechnet die, die so vorsichtig war, dass sie alle Bundesgärten hat schließen lassen, nur um selbst nicht in Versuchung zu kommen, auf einer der vielen verschwiegenen Parkbänke ein Rendezvous mit dem Virus zu haben.

Es ist furchtbar. Es ist wie Casino-Skandal, Untersuchungsausschuss, Ibiza-Video, BVT-Skandal, mehrfacher Verfassungsbruch, Doskozil, Klosterneuburger Meldezettel und die neue Haarfarbe von Anschober in Einem.

Wer sagt, dass nichts los ist? Man muss nur lustige Infektionsketten erfinden.

Das nächste Mal schreibe ich dann über den gendarmerieschlauen Doskozil, der das Sommerloch nutzt, um eine ganze Partei darin verschwinden zu lassen oder über etwas wirklich Interessantes. Natürlich können Sie auch mir schreiben. Sie erfinden sicher bessere Infektionsketten als ich.

Ihr Harry Bergmann  

PS: Ich sitze noch immer und schaue aufs Wasser. Aber ich sage Ihnen nicht, wo das ist. Ich brauche meine Ruhe.


Harry Bergmann. Früher der Nachname von Demner, Merlicek & Bergmann. Jetzt einfach Bergmann. Weiß nach 4 Jahrzehnten ganz genau, was er alles über Werbung noch immer nicht weiß. Hobby-Schreiber. Da weiß er noch viel weniger und findet das gerade deshalb so spannend. Lebt in Wien und Herzlia/Israel.

Bisher erschienen:

1 Loge 17
2 Der Stunk
3 Der Elefant und die rote Vespa
4 Der mit den Wölfen tanzt
5 Der Himmel blau, das Meer türkis
6 Das Rätsel der Träume
7 Der junge Mann, die junge Frau und ihr Eigentum
8 Mord aus sicherem Abstand
10 Die Selbstgespräche des Herrn D. aus E.
11 Die Tante aller Schlachten
12 Die Dreisten und die Aberdreisten
13 Der lange Schatten von Sparta
14 Das Gegenüberchen und andere Verkleinerungen
15 Die Rede zur Schieflage der Nation
16 Die Gespräche eines kurzen Sommers
17 Leben in Zeiten des Konjunktivs
18 Ich ist der Andere
19 Der Himmel über den Kelten
20 Die Hälfte der Wahrheit
21 Der Sommerschlaf und andere Gründe wach zu bleiben.