Hat die Regierung zu spät gehandelt? Nein, es kommt zu gut an, dass sie alles laufen lässt

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 250


ARMIN THURNHER

22.11.2020

Heute ist weder Virologe Robert Zangerle am Wort. Er fasst das Geschehen zusammen, erklärt, was wir über Corona wissen und was wir nicht wissen, und hat eine überraschende These: Schuld am Schlamassel ist weniger das späte Handeln der Regierung, sondern, dass es zu gut ankommt, wenn sie die Dinge laufen lässt.    A.T.

»Es ist schon alles gesagt, und zwar von (fast) allen. Mehrfach auch noch. Ipsedixitismus, bis zum Ersticken am Erbrochenen. Diese Kolumne ist keine Ausnahme davon. Was also tun? Ich versuche es mit einer Zusammenfassung. Wie ist die jetzige Lage entstanden? Warum bleiben die Aussichten schlecht, solange an bestehenden bzw. fehlenden Zielen unverändert festgehalten wird?

  1. Fehlende Abkehr vom „konzeptlosen Köchelkonzept“. Dieses lässt nicht sehr kontrollierte Verbreitung von SARS-CoV-2 einfach geschehen, mit der Einschränkung, die intensivmedizinische Versorgung nicht schwerwiegend und anhaltend zu überlasten. Wo wurde zugestanden, dass ein Reagieren, wenn die Intensivstationen sich zu füllen beginnen, definitiv zu spät ist, und deshalb in Zukunft anders gehandelt wird? Hat irgendjemand der Verantwortlichen den Aufruf der finnischen Ministerpräsidentin an Europa gelesen, gar verstanden?
  2. Inadäquate Risikoeinschätzung durch die „Ampel“. „Die Einschätzung der Corona-Kommission erfolgte wie immer unter Berücksichtigung des Übertragungsrisikos, der Rückverfolgbarkeit der Übertragungsketten, der Testaktivität und der Ressourcenauslastung der Spitäler.“ Das ist schlicht nicht wahr, in der Ampel ist alles der „Resourcenauslastung“ untergeordnet, geradezu grotesk die Adjustierung der Fallzahlen („Übertragungsrisiko“), das den jeweiligen Beginn einer Welle systematisch schönfärben muss. 
  3. Für die Beendigung des Lockdown fehlt der Öffentlichkeit ein Ziel, eine Zahl, was immer. Wo bleibt die Zahl der neuen Infektionen Anfang Dezember, mit deren Erreichen Lockerungen beginnen sollen? Lassen Sie mich das kurz anreißen: wenn vor Beendigung des Lockdowns 3500 neue Infektionen (im 7-Tage Schnitt) oder weniger gefunden werden, dazu müsste der Reproduktionsfaktor Reff auf 0,8 fallen. Das Schwierige wird sein, den Reproduktionsfaktor dort für 3-4 Halbwertszeiten zu halten (0,8 entspricht 14 Tagen), um TRIQ (Testen, Rückverfolgen – Contact tracing, Isolation und Quarantäne) funktionstüchtig gestalten zu können (in Finnland sind 80% der positiv Getesteten rückverfolgbar). Nach zwei Halbwertszeiten (weniger als 1750 neuen Infektionen pro Tag) würden wir dem Gesundheitsökonomen Thomas Czypionka zufolge etwa 10.000 Contact Tracer benötigen. Wie viele gibt es in Österreich? Wir wissen es nicht, höchstwahrscheinlich weniger als die Hälfte.

Wenn man über Covid-19 nicht besonders gut informiert ist, konnte man über die Heftigkeit der 2.Welle überrascht sein. Aber Grosso Modo war die Überraschung vorgeschoben, ein Nebelwerfen, nicht zuletzt in Form einer Entschuldigung gegenüber den enorm belasteten Beschäftigten in Heimen und Krankenhäusern. Auch wenn jetzt das verspätete Handeln vielstimmig beklagt wird, kann man doch auch den Standpunkt vertreten, dass die Regierung nicht unbedingt zu spät gehandelt hat, sondern dass das „späte“ Handeln eine nicht unlogische Folge dessen widerspiegelt, dass sie die Belegung der Intensivstationen als zentralen Indikator für die Pandemie ansieht. Irritierend daran finde ich, wie dieses „Geschehenlassen“ in der Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert und so wenig hinterfragt wird. Woher kommt diese Akzeptanz? Ist es Fatalismus, Berechnung oder doch auch Ahnungslosigkeit? Ich habe darauf keine Antwort, möchte aber mit ein paar Beispielen die Verrohung in der Diskussion (oft Entindividualisierung von Leid) um Covid-19 aufzeigen, die dann als Basis für die allgemeine Akzeptanz des Geschehenlassens dienen kann.

Marianne Raiger, Direktorin der Akademie für Gesundheitsberufe Steiermark, berichtete in einer TV Diskussion am 8. November  über eine massive Zunahme an Covid-19 Patienten in den Krankenhäusern und die daraus entstandene Belastung für die Krankenhäuser. Ebenfalls an der Diskussion beteiligt war Christian Schubert, Leiter des Labors für Psychoneuroimmunologie an der Medizinischen Universität Innsbruck und bekannt für seine Forderung nach Rücknahme der Corona-Maßnahmen Er fragte hier nach: „Darf ich Sie was fragen? Mich würde interessieren, sind das jetzt die Vorerkrankten, die Risikogruppen, die Sie sehen? Oder sind das jetzt Menschen, die infiziert sind, die ihre Symptome haben, ihre Beschwerden haben? Könnten Sie das noch einmal differenzieren zwischen denen, die jetzt wirklich gefährdet sind, die jetzt gerade auf der Intensivstation sind? Oder könnte das sein, dass wir es mit einer Covid zu tun haben, die ja eigentlich jetzt gar nicht die Mortalität erhöhen wird in den nächsten Wochen und Monaten?“

Da war ich baff, Verstorbene, die eigentlich die Mortalität nicht erhöhen? Weil sie eh bald sterben würden? Übrigens, ein häufig gehörtes „Argument“. Kümmert es denn gar nicht, dass durch Covid-19 Männer 13 Jahre und Frauen 11 Jahre früher sterben?  In der Woche, als diese Diskussion stattfand, starben fast doppelt so viele Menschen an Covid-19 wie zur Spitzenzeit Anfang April, was als Übersterblichkeit national und innerhalb Europas zu sehen ist. Kann man wirklich so uninformiert sein? Herr Schubert, „hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist!“ (Karl Valentin)

Wenn ein erfahrener Psychologe den Begriff Risikogruppe, Terminus technicus der Epidemiologie, im Alltag verwendet, und so die ihm innwohnende Konnotation Stigmatisierung transportiert, regt mich das auf, auch wenn es noch das Harmloseste dieser Wortmeldung war.

Immer noch gibt es die würdelose und in vielen Fällen absichtsvoll relativierende Diskussion, ob jemand an oder mit dem Coronavirus gestorben ist. Sie ist zwischenzeitlich abgeflaut, nachdem italienische Behörden aufgrund von umfangreichen post mortem Analysen klarmachten, dass 89 Prozent tatsächlich an Covid-19 verstorben waren . Jetzt dominiert dieser unselige, und fachlich falsche, Sprech viele Medien, nicht nur den ORF. Verharmlosungen sind für die Prävention alles andere als zweckdienlich. Auf dem Boden solcher Verharmlosungen gedeihen dann auch makabre, zynische Scherze, wo die Todeszahlen vieler tragischer Ereignisse in Frage gestellt werden, weil sich da ja jeweils „Vorerkrankte“ darunter befunden hätten.

Vergessen wir nicht das noch sehr wenig erforschte „Long Covid“. Davon Betroffene firmieren in den Tabellen des Gesundheitsministeriums als „Genesene“, in der AGES gelten sie als „geheilt“. „Recovery“ im Englischen ist keinen Deut besser. Die Sprache der Epidemiologen ist oft unsensibel. Der vielzitierte Public Health Experte Martin Sprenger beklagt sich, dass auf dem offiziellen Dashboard „positiv Getestete bis vor Kurzem als Erkrankte bezeichnet wurden“ , während es ihn offensichtlich nicht stört, dass durch Covid-19 chronisch Kranke als „Genesene“ oder „Geheilte“ bezeichnet werden. Das ist eine krasse Asymmetrie in der Sensibilität zu Lasten von Kranken.

Der Begriff „Treiber der Pandemie“ ist nicht aus der Epidemiogie entlehnt (so wie „Lockdown“), er kennt kein Äquivalent im Englischen wird nicht selten als Kampfbegriff verwendet, wer jetzt nun „Treiber der Pandemie“ sei oder eben nicht. Vor allem in der Beurteilung von Schulen bzw. Schulkindern war das eine Dichotomisierung  zu viel. Es ist hinlänglich durch Studien erhärtet, dass bei extrem hohem Infektionsgeschehen kein Bereich der Gesellschaft geschützt werden kann, weder Schulen, noch die ältere Bevölkerung oder andere gefährdete Personen. Das wurde auch durch eine Studie aus Österreich bestätigt. In Orten mit vielen Infektionen bestand eine höhere Wahrscheinlichkeit für positive Tests an den Schulen. „Was dabei was treibt, also das Infektionsgeschehen im Ort jenes an der Schule oder umgekehrt, wissen wir aber nicht“ Die Verbreitung von SARS-CoV-2 war wesentlich höher in Schulen mit hoher oder sehr hoher sozialer Benachteiligung. Ein Faktum, das wenig Resonanz fand, auch die Verdoppelung der Verbreitung unter den 5-14jährigen in der ersten Novemberhälfte in Wien (siehe Tabelle), trotz Untertestung dieser Altersgruppe, ging in der heftigen Schuldiskussion unter. Wann werden endlich die Postivitätsraten (wie viele positive Tests unter allen Tests) der jeweiligen Altersgruppen erfasst/bekannt gegeben?

Quelle: AGES

Am dramatischsten war die Entwicklung der 7-Tages Inzidenz bei den Ältesten in Vorarlberg, weil dort besonders lange eine niedrige Inzidenz zu beobachten war. Am 18.10. wurde hier gefragt, ob in Vorarlberg besonders viel und lange anhaltendes Glück dazu beigetragen hat, oder ob das Ländle doch in der Lage waren, diese Altersgruppe effektiv zu schützen. Vorarlberg hat immer noch die beste Situation in seinen Pflegeheimen, eine Erinnerung daran, dass die meisten Älteren natürlich nicht in Pflegeheimen wohnen.

Noch etwas ist dieser Tabelle zu entnehmen: Wien hatte Mitte September eine vergleichsweise starke Aktivität des Infektionsgeschehens und ich musste meinen Seuchenheiligen Armin Thurnher warnen. Damals machte ich ihn auch darauf aufmerksam, dass für seine im November geplante Operation sicherlich wieder Einschränkungen für elektive Eingriffe gelten werden, obwohl ich gleichzeitig noch leidenschaftlich dagegen ankämpfte, aber ahnend, wie unsere „Strategen“ das konzeptlose Köchelkonzept sich entwickeln lassen. Was unerklärt bleibt, und ich so nicht erwartet hatte, ist die vergleichsweise langsamere Verbreitung des Coronavirus in Wien. Wir wissen nicht, ob das damalige „Wienbashing“ die Verantwortlichen auf Trab zur Bekämpfung der Pandemie brachte, oder ob die Bevölkerung unabhängig vom Politzank den „Lärm“ nutzte, ihr Präventionsverhalten zu optimieren, oder ob der stärker fehlende Tourismus schützte. Oder, oder….Niederösterreich hat ebenfalls vergleichsweise bessere Zahlen. Eine Erklärung dafür gibt es (noch?) nicht.

Gedankensplitter zur Massentestung:

Maßnahmen wirken nur in Kombination (Modell des Schweizer Käses), weil jede einzelne Maßnahme isoliert, unzulänglich wirkt. Es gilt jede einzelne Maßnahme zu optimieren, z.B. Masken. Das gilt auch für eine „Massentestung“, deren Einbettung in ein Konzept derzeit sehr zu wünschen übrig lässt. Man möge sich hüten, sich aber eine Lösung von einem „magic bullet“zu erwarten. Selbst eine erfolgreiche Impfung, so optimistisch dürfen wir sein, würde eine Einbettung in ein umfassendes Präventionskonzept über 2021 hinaus notwendig machen.«         R.Z.

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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