Sobotka und die neue Sachlichkeit

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 129


ARMIN THURNHER

23.07.2020

Als Kolumnist steht man manchmal vor einem Dilemma. Man will nicht stur erscheinen, gar monothematisch, verbohrt, eingleisig. Obwohl man es ist. Und so etwas kann man nicht hinschreiben, da es, aus dem Zusammenhang gerissen, einem eines Tages als Bekenntnis präsentiert wird. Die Verzweiflung wächst, aber sollen Ironiker und Satiriker deswegen von ihrem schmalen, schwankenden Floß ins weite Meer der Dummheit springen, um Erlösung durch Ertrinken zu finden?

Dieses Text-Bild-Schere des Grauens schockiert derzeit die österreichische Öffentlichkeit
Foto @ orf.at

Ich tue ja eh das Möglichste, um den Eindruck zu verstärken, ich sei stur und unbelehrbar, indem ich mich selbst in diese repetierenden Fallen locke, aus denen ich dann die längste Zeit nicht mehr herausfinde, was ich schon wusste, als ich sie betrat. Zwanzig jahre Ceterum censeo, und die Mediaprint gibt es noch immer. Herr Sobotka, treten Sie zurück, und frisch gibt der Kerl ein gutgelauntes Bilanzinterview, nein, ein Bilanzhintergrundgespräch. Ich war naturgemäß nicht zu diesem Hintergrundgespräch eingeladen. Diese Art der Gespräche nenne ich Hintergrunzgespräche und nehme nicht an ihnen teil.

Weil ihnen die Trauben zu sauer sind!, ruft mir an dieser Stelle das wachsame Publikum zu, das weiß, dass der Falter von so etwas gern ausgeschlossen wird. Aber das stimmt nicht immer, und die wirklich Klugen grunzen sowieso derart hintergründig, dass die Veranstaltung erst gar nicht öffentlich als Gespräch sichtbar wird.

Wir leben im Zeitalter der Verhunzung des Gesprächs. Öffentliches Gebell träfe eher auf das zu, was Donald Trump zum Beispiel veranstaltet, um nicht auf näher liegende Persönlichkeiten verweisen zu müssen. Auch gekläfft und gewinselt wird ausreichend. Womit ich dem Hund unrecht tue, diesem von mir keineswegs unterschätzten, meist segensreichen Lebewesen.

Die kynische Vernichtung der öffentlichen Rede ist insofern bedauerlich, als mit der Erfindung des Vordergrundgesprächs, des Dialogs, die westliche Zivilisation anfing. Zumindest behaupten wir das noch, aber die gängige Logik des Denkmalsturzes wird dazu führen, dass wir uns von Agora und Demokratie verabschieden müssen, weil sie zuerst nur für Männer da waren. Was für eine schreckliche Erfindung sexistischer Whiteness!

Sokrates, dieser Reaktionär, war es, der mit der Fetischisierung des Dialogs anfing. Wes Geistes Kind er war, erkennt man an seiner Ansicht, die schriftliche Aufzeichnung von Gedanken sei vom Übel, da sie den Geist schwäche, der sich nun nichts mehr merken müssen oder so (ich zitiere aus dem Gedächtnis, das durch die Erfindung des Digitalen so ausgelaugt ist, dass es bereits zu faul wird, um zu googeln.)

Sobotka, nicht Sokrates, ist unser Thema! Ein Mann, der vergebens auszusehen versucht wie sein eigenes Denkmal. Seine markige Pose missrät zur Karikatur, weil er sich selbst schon in Marmor oder Erz phantasiert. Ich hingegen denke, sein Denkmal müsste ein österreichisches Patisserieprunkstück sein: rund und in dünne, bedruckte Alufolie eingeschlagen, außen eine zartbittere Hülle, innen Marzipan und Nougat; außen Mussolini, innen Mozart und mieselgrünes, süßliches Türkis (wobei, Mozart und Marzipan/Nougat, das habe ich nie verstanden). Das Ganze erträglich gemacht durch den Aufdruck auf der Hülle: „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“

Sehen Sie, so untergriffig kann man über Personen des öffentlichen Lebens nicht schreiben! Was hat Sobotka aus mir gemacht? Nichts Gutes, zugegeben. Aber diese Wirkung beschränkt sich nicht auf mich. Sie beschränkt sich auf die ganze Politik, auf unser gesamtes öffentliches Leben. Und ich habe diesen Sobotkismus einfach satt. Ich habe nicht mehr so lange zu leben, dass ich mich in dieser Restzeit von Leuten, deren Bedeutung sich umgekehrt proportional zu ihrem aufgeblasenen Ego verhält, unbegrenzt verhöhnen lassen will.

Man möge bitte den Umfang der hier stattfindenden Bemühungen nicht als Versuch missverstehen, diesen Leuten mehr Bedeutung zu geben. Nein, es sind Versuche, bei Verstand zu bleiben. Pure Notwehr. Ich halte überhaupt nichts von Anweisungen wie „der Klügere gibt nach“ oder „der Einsichtsvollere hält das Maul“, oder „du schreibst die nur hinauf“, wie sie mir von klügeren jungen Kollegen souffliert werden. Nein, ich schreibe, so viel ich will und folge keiner Taktik.

Natürlich ist Sobotka nicht befangen. Natürlich hat er nie etwas von Anscheinbefangenheit gehört. Der Ausschuss soll sich mit der Topografie von Ibiza auseinandersetzen, wenn es nach ihm geht, nicht mit der „mutmaßlichen Käuflichkeit der türkis-blauen Regierung“, wie er tatsächlich heißt. Deswegen winkt Sobotka lustige, gedächtnisschwache Regierungsmitglieder lachend durch. Jedes Argument der fragewilligen Opposition, wisch und weg.

Und dann sagt er glatt, „man habe den Eindruck, dass ,Dirty Campaigning‘ schon der Grundmodus der Alltagskultur geworden sei, so Sobotka, der auch nicht mit kritischen Blicken Richtung US-Präsident Donald Trump oder zum brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro sparte. ,Wir müssen wieder zu einer neuen Sachlichkeit kommen‘, so Sobotka.“

So, so. Sobotka könnte damit anfangen, sein eigenes Dirty Campaigning gegen die Regierung Kern-Mitterlehner zu thematisieren, der er als Innenminister angehörte. Oder das unverschämt freche Dirty Campaigning aus dem ÖVP-Parlamentsklub zur Sprache bringen.

Aber „neue Sachlichkeit“ aus dem Mund Wolfgang Sobotkas, das ist wirklich der Knüller. Nach der „neuen Normalität“, die der Phrasenkanzler proklamierte, fordert der parteiischste Nationalratspräsident der Zweiten Republik eine neue Überparteilichkeit. Darauf ist nur eine Reaktion möglich: man gibt sich die Sobotkugel. Mahlzeit. Und guten Rücktritt.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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