Sobotka – ein Zwischenspurt

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 127


ARMIN THURNHER

21.07.2020

Gern werde ich auf Twitter, wo ich seit mehr als einem Monat täglich eine Rücktrittsforderung an Herr Sobotka richte, einen Rücktrittsforderungsmarathon laufe sozusagen, unter zunehmender Zustimmung eines durchaus einseitigen Publikums, aber auch mit erwachendem Troll-Echo dagegen, das jedoch nur einen kümmerlichen Bruchteil aller sobotkakritischen Twitterati und Twittteratae (!) ausmacht, gern also werde ich dort, auf Twitter gefragt, wovon denn Herr Sobotka zurücktreten solle.

Nun, das ist einfach. Von allen Ämtern. Der Mann hat der Republik genug gedient, sodass man die Summe seiner Tätigkeit als Bärendienst bezeichnen kann. Er soll aufhören, sich uns als Bären aufzubinden, indem er so tut, als sei er zum Nationalratspräsidenten geeignet.

Gestern erschien in der Presse – in der Presse! ­ – eine sobotkakritische Glosse. Iris Bonavida wies trocken darauf hin, dass der U-Ausschussvorsitzende Sobotka im Herbst dortselbst als Auskunftsperson erscheinen soll. Das wollen SPÖ und die Neos, die FPÖ schwankt noch (sie möchte so gern zurück an die Futternäpfe der Koalition). Die ÖVP will es nicht. Können sich die Parteien nicht einigen, entscheidet der Vorsitzende: Sobotka.

Der Verfahrensrichter des U-Ausschusses hat Sobotkas Rolle insofern problematisiert, als er behauptete, trete dieser als Auskunftsperson auf, könne er kaum noch Vorsitzender sein, denn er sei dann auch für den Endbericht verantwortlich, indem er über sich selbst Rechenschaft ablegte.

Die ÖVP heulte auf und bezeichnete das als Fehlinformation. Der Verfahrensrichter mache den Bericht. Jörg Leichtfried (SPÖ) stellte richtig: der Verfahrensrichter hat recht, der Verfahrensrichter konzipiert den Bericht, der Vorsitzende verantwortet dessen Endgestalt. Sein Name: Sobotka.

„Es wäre wohl an der Zeit, die Vorgangsweise in so einem Fall rechtlich festzulegen“, schreibt Frau Bonavida in der Presse. „Bis es so weit ist, entscheidet – erraten! – Sobotka.“

Figaro la, Figaro qua – sempre, sempre Sobotka!

Das alles habe ich geschaffen, und hier soll dafür mein Denkmal stehen: Wolfgang Sobotka
Foto Apa @ Hans Klaus Techt

Der Presseglosse war ein Foto beigegeben, das den ganzen Sobotka zeigt. Er hat gerade über eine Budetüberschreitung bei den Renovierungsarbeiten des Parlaments berichtet, die er bisher immer ausgeschlossen hatte. Einen Sozi schösse man dafür durch Sonne und Mond. Die ÖVP, die Partei der Sparsamen, spart an allem gern, außer an sich und den ihren. Sobotka hat ein lockeres Händchen bei öffentlichen Geldern, das hat er mit seiner missglückten Veranlagung von niederösterreichischen Wohnbaugeldern gezeigt.

Nun posiert er in der Haltung des Diktators einer Schmalspur-Bananenrepublik vor seinem Werk, das er uns so schön an die Ringstraße hingestellt hat. Wir danken dir, o Sobotka, für dieses Parlament, und dass du es uns offenhältst! Ein milder Hauch von Mussolini-Pose umweht den militanten Musensohn, männlich-markig ist ihm zumute. Eine Zumutung.

Wie Bauherr und Architekt, Planer, Kontrollor und Financier in einem sieht er auf dem Foto aus, der Sobotka. Er hat offensichtlich vom Partiturlesen eine Neigung zur Vielstimmigkeit angenommen, die er nicht nur auf die Vielstimmigkeit außer ihm, sondern auf die in ihm bezieht. He contains multitudes. Whitman – Dylan – Sobotka lautet die genealogische Reihe. Man wird diesem Ego-Multi ein Denkmal errichten müssen, sagt uns seine im Foto festgehaltene Geste, und zwar hier, an der Ringstraße.

Ich teile diese Ansicht ganz und gar nicht. Ich meine, Sobotka sollte subito seinen Talenten in Waidhofen an der schönen Ybbs frönen. Die beliebte Tante Elfi, Lyrikerin vom Dienst auf meinem Twitter-Account, hat ihm die legendären Zeilen gewidmet: „Ihren Schädel göss man dort in Gips. / Sie ham Manieren, Charme und Grips, / hinweg mit Ihnen an die Ybbs!“

Wobei, ich gebe es zu, die Zeile „Sie ham Manieren, Charme und Grips“ mindestens zwei Notlügen enthält, um den Musensohn fortzulocken. Dies misslang bis jetzt. Demnächst folgt hier eine Zwischenbilanz aller meiner Versuche, dem Sobotkismus per Aufforderung ein Ende zu bereiten; nach 50 solcher Aufforderungen werden sie noch einmal alle hier veröffentlicht. Das heißt aber nicht, dass sie dann aufhören.

Inzwischen tröste ich Sie und mich mit einem weiteren Gedicht, das für Twitter etwas zu lang geraten ist, und das ich mit einem Trost verbinde: demnächst gibt es hier Seriöseres zum Thema Lyrik.

Mittlerweile gebe ich Entwarnung. Nicht jeden Tag endet diese Kolumne gereimt. Heute aber schon, und zwar so:

Grüssi Gott, Herr Sobotka,
was, Sie sind noch immer da?
Sagen Sie, Herr Pilnacek,
sollten sie nicht auch, äh weg?

Blümel, Nehammer und Kurz
Aschbacher, Fassmann – a scho schnurz.
Edtstadler, Köstinger und Raab:
samt Fleischmann, Grasl gehts bergab.

Gerstl, Wöginger und Schmid,
Rothensteiner, Pröll gleich mit,
Tanner, Brunner, Schallenberg:
Zwergin reiht sich da an Zwerg.

Löger, Schramböck, tutti quanti
nervtötende Dilettanti
wie wir sie noch niemals hatten
werfen semmellange Schatten,

agiern politisch ziemlich mies –
wie man das nennt? Genau: Türkis.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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