Epochenplauschrausch

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 95


ARMIN THURNHER

19.06.2020

Man kann das hier jetzt abonnieren. Wenn Sie das Ihnen zuwinkende, Sie anheimelnde Kästchen anklicken, bekommen Sie diese Kolumne sofort nach Erscheinen zugestellt. Ob mich das hemmen wird, muss sich herausstellen. Ich hatte vor, sie hundertmal hintereinander zu schreiben. Nach einer Schrecksekunde von drei Tagen begann ich am 19. März damit, und bald ist das Pensum voll. Es wird danach weitergehen, Sie klicken also nicht vergebens, wenn Sie klicken.

Corona hat so etwas wie einen Epochenplauschrausch ausgelöst. Das Wort „Epochenrausch“ stammt vom Kulturkritiker Joseph Vogl. Ich habe es für meine Bedürfnisse adaptiert. Epochenplauschrausch trifft’s besser. Wie figura zeigt, hat auch mich zwar nicht das Virus, aber das Mitteilungsbedürfnis erwischt.

Das Virus ist immer noch da, die Dramatik ließ sich nicht aufrechterhalten, die zweite Welle interessiert bald nur mehr Epidemiologen und Freunde der Möglichkeitsform. Das Virus geht aber nicht weg, wie auch viele andere Viren nicht weggehen. Zumindest dafür ist das Bewusstsein gewachsen. 

Das drastische Wort Seuche ist bei uns nicht zum katastrophalen Ernst geworden, anderswo und weltweit durchaus. Eine Kolumne habe ich dem Wort selbst gewidmet. Inzwischen ist klargeworden: Seuchen, also heftig auftretende, ansteckende, sich epidemisch oder pandemisch ausbreitenden Krankheiten sind der Stoff unserer Zivilisation. Das Bild einer gesunden Natur bildet nicht einmal das Gegenbild oder die Kontrastfolie, es ist einfach eine unerreichbare Schimäre.

Intellektuelle Moden wie der aktuelle Denkmalsturm sind Seuchen, sie treten heftig auf und sind ansteckend. Alles, was errichtet wird, um zu bleiben, ist ja ein Denkmal, meist von unerfreulichen Tatbeständen. Man könnte zum Beispiel auf die Idee kommen, unsere Städte als Denkmäler zu betrachten. Vor Jahrzehnten ging ich durch Rom und verachtete, die antiken Denkmäler direkt vor Augen, die plumpen, angeberischen Barockkirchen als aufdringlich und roh. Hätte ich die Möglichkeit gehabt, ich hätte sie ohne mit der Wimper zu zucken, aus dem Stadtbild eliminiert.

Nach Aufenthalten in Renaissancestädten, ihrerseits keine Originale, hielt ich den Anblick der Wiener Ringstraße kaum mehr aus. Die hiesigen Gründerzeitbauten schienen mir wie billige dritte Aufgüsse. Man könnte auf die Idee kommen, sie als Denkmäler des Habsburgerimperialismus und des Vielvölkerkers einfach zu schleifen. Wie schaut uns dann der Rest an? Barocke Palais: meist Denkmäler eines beispiellosen religiösen, antiaufklärerischen  Raubzugs an Protestanten, errichtet mit dem böhmischen Adel gestohlenem Geld. „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein.“

Auch er hat sein Denkmal: Walter-Benjamin-Memorial von Dani Karavan vor dem Friedhof in Portbou/Spanien. Foto @ Wamito

Sie kennen den Satz Walter Benjamins. Soll nicht heißen, weg mit der Zivilisation, soll heißen, schärfen wir unseren Blick und benennen wir die Differenzen. Sie auszumerzen bedeutet nicht immer, aber meistens, dass die Barbarei gesiegt hat. Warum leben wir nicht überhaupt in Neubauten, ökologisch korrekten, menschlich dimensionierten, zentral geplanten, gleichförmigen Siedlungen und putzen den Rest von der Platte?

Nur eines hält: der Verblendungszusammenhang. Die Zerstörungen in Sprache und Denken fallen den wenigsten ins Auge; der Rest neigt zum barbarischen Denkmalsturz. Barbarei als ansteckende Krankheit. Was fängt Europa mit seiner Geschichte an, wenn die Seuche der Bildungslosigkeit Platz greift? Ist das auch wieder so eine pseudohumanistische, bildungsbeflissene Klage? Eher nicht. Die Bildungsschwätzer von einst sind fast ausgestorben, heute rufen die Schwätzer nach Digitalisierung.

Und Denkmäler von Winston Churchill wollen sie stürzen, da jubelt der rechte Mob mit. Jörg Haider nannte einst in einem Falter-Interview Churchill einen Verbrecher, und er wisse nicht, ob er ihn oder Hitler für den größeren halten solle, sagte er. Er hielt Churchill deswegen für einen Verbrecher, weil dieser wesentlich am Sieg der Alliierten gegen die Nazis mitwirkte. Churchill war Kolonisator, Kriegstreiber, Kapitalistenknecht, aber er war auch ein gebildeter Mann, konnte malen und schreiben. So gut, dass er für seine Autobiografie den Literaturnobelpreis erhielt, verdientermaßen. My early life ist ein Meisterwerk:

„But when hope had departed, fear had gone as well. I formed a plan. I would find the Delagoa Bay Railway. Without map or compass, I must follow that in spite of the pickets. I looked at the stars. Orion shone brightly. Scarcely a year before he had guided me when lost in the desert to the banks of the Nile. He had given me water. Now he should lead to freedom. I could not endure the want of either.“

Das Denkmal eines Mannes, der so schreibt, stürzt man nicht.

Kürzlich ich las auf Twitter die Prosa unseres für seine „Rhetorik“ geschätzten Bundeskanzlers und war erschüttert. 90 Jahre nach dem Erscheinen von „My early Life“ liegt hier ein Verfall vor, für den es sonst ein Millennium braucht. Über die Idee, Schülern Computer günstig zu geben oder zu schenken, sagt Kurz: „Wir machen als Republik Österreich einen weiteren wichtigen Schritt durch diese Ausstattung, aber auch durch die Lehrerausbildung in diesem Bereich.“

Solche Sprache zeigt unerbittlich, was dem Sprecher an Inhalt fehlt. Das Ergebnis ist marktverbrämtes, unartikuliertes Gestammel ungedachter Gedanken. Mehr dazu demnächst hier.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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