Siech sucht Seuche. Lexikalisches

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 47


ARMIN THURNHER

02.05.2020

Seuchen schaffen extreme Situationen. Sie werfen einen auf sich selbst, stellen Gesellschaften in Frage, fordern aber auch das Beste an ihnen und an einem heraus. Auf einmal steht alles zur Disposition, zumindest scheinbar, zumindest für den Moment. Man befasst sich mit Medizin, Geschichte, Politik, Ethik. Man stellt fest, dass das scheinbar Ungewöhnlichste jeder Situation historische Vorläufer hat, die noch viel extremer sind. 1918 schoss während der Spanischen Grippe in San Francisco ein Hilfspolizist einen Mann in Arm und Bein, weil der sich dem offiziellen Maskenzwang widersetzte. Verglichen damit, besteht Nehammers Seuchengarde aus Milchbubis und -mädchen.

Wie konnte ich 46 Seuchenkolumnen schreiben, ohne mich dem Wort selbst zu widmen? Höchste Zeit für einen Blick in den Grimm. Dieses „Deutsche Wörterbuch“, begonnen 1838, beendet 1961, ist ein Work in progress. 1971 erschienen 33 grüne Bände als Paperback-Reprints der insgesamt 34.824 Seiten. Sie stehen in Wien hinter meinem Schreibtisch, gleich neben dem Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens.

In diesem von mir vor allem für Fragen österreichischer Innenpolitik konsultierten Werk findet sich übrigens kein Eintrag unter dem Stichwort „Seuche“. Zwischen den Heiligen Servatius und Severinus nicht einmal eine Leerzeile.

Servatius ist am 13. Mai zu feiern, als einer der Eisheiligen, an denen es alten Bauernregeln zufolge friert. Als Waldviertler Gärtner setzte man vor diesem Datum (11.-15. Mai) keine zarten Pflanzen. Am besten gar nichts. Selbst in Zeiten der Klimakrise haben die Eisheiligen Gültigkeit. Schauen wir, was sie heuer machen. Servatius rief eine Quelle hervor, indem er mit den Fingern ein Kreuz auf den Boden zeichnete. Alles Vieh, das am 13. Mai auf die Welt kommt, wird verunglücken, heißt es  in Westfalen. Servatius’ Grab grünt selbst im Winter und wird nie mit Schnee bedeckt.

Auch der Grimm ist erfreulicherweise seit langem online. Dieses Monumentalwerk der beiden, meist nur als Märchensammler bekannten Brüder Jacob und Wilhelm Grimm

Elisabeth Jerichau-Baumann  (1819–1881): Doppelporträt der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm (rechts: Jacob Grimm; links: Wilhelm Grimm). Öl auf Leinwand, 1855. Berlin, Nationalgalerie

war ein modernes Werk, das zur Zeit seiner Konzeption dem deutschen, progressiven Nationalismus diente und auch „misfällige Wörter“ nicht verschmähte (man lese das Vorwort). Vielleicht sind Seuchenzeiten Zeiten, in denen man das eine oder andere Wort länger ansehen mag, unter der Gefahr, dass es dann zurücksieht, oder gar zurückredet, um ein Wort von Karl Kraus zu paraphrasieren: „Je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es zurück“.

Ursprünglich bedeutet das Wort „Seuche“ nur Krankheit, abgeleitet vom mittelhochdeutschen „siech“, mir als Alemannen aus dem Vorarlberger Dialekt vertraut: Ein „Siech“ ist, ähnlich wie ein „Krüppel“ dort ein schlauer, durchtriebener Mensch. Sprich, ein Hund.

Grimm wörtlich, leicht gekürzt, der progessiven Kleinschreibung und der Quellenangaben für die Beispiele beraubt:

„Wirklich volksthümlich ist das Wort nicht in den hochdeutschen Mundarten, schon in Luthers Bibelübersetzung klang Seuche den Oberdeutschen fremdartig ; aber in niederdeutschen Gegenden bezeichnet noch wie in alter Zeit „Süke“ jede Krankheit „Süke, jede schleichende Krankheit, besonders hektischer Natur, die Schwindsucht“. Zunächst wird das Wort also in allgemeinem Sinne für Krankheit gebraucht, diese Anwendung ist aber in der ausgebildeten neuhochdeutschen Schriftsprache aufgegeben. 

Die Einschränkung des Begriffes geht in verschiedner Weise vor sich ; in älterer Sprache wird z. b. auf das Langwierige der Krankheit Gewicht gelegt: morbus curabilis est, sed diu durat (die Krankheit ist heilbar, dauert aber lange). Allmählich wird die Vorstellung der Ansteckung, des heftigen Auftretens in einem Zeitabschnitte der Ausbreitung bestimmend: Lues, eine gemeine Seuche oder Kranckheit, so beyde Menschen und Viehe betrifft (…) mit der Seuche anstecken, mit einer bösen Seuche behaftet, die leidige Seuche regiert daselbst. (…) die Seuche breitet sich aus, legt sich, hört auf (…) Schweiszseuche;  eine schreckliche Seuche wüthet (…)  Klauenseuche, Lustseuche …“

Wobei die Grimms nicht vergessen, zum letzten Beispiel anzumerken: „Die Zusammensetzung Lustseuche gebraucht Luther im Sinne von Libido“. Unter den zusammengesetzten Wörtern stechen die Adjektiva „seuchenvoll“ und „seuchenfrei“ hervor. Ob uns dieser Zustand hieniden je wieder beschieden? Ein „Seuchenjahr“ ist uns schon sicher.

Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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