„Es lebe der Widerspruch! Fotos aus dem FALTER-Archiv“

Die Ausstellung im Wien Museum am Karlsplatz (1.6.-27.8.2017)
Eröffnungsrede, 31.5.2017
(Werner Michael Schwarz, Susanne Winkler)

Foto: Florian Klenk

Fotos in einer Zeitung sind wie Tiere in einem Käfig. Ihre Bewegungen sind eingeschränkt, sie werden eingefasst, erklärt und auf Distanz gehalten. Ihre Wirkungen und Bedeutungen vermitteln sich im komplexen Zusammenspiel der verschiedenen Bedeutungsträger einer Zeitung, Texten, Schrift, Druck, Satz, Layout und anderen grafischen Elementen.
Pressefotos sind omnipräsent, sie prägen unsere Vorstellungen der Welt maßgeblich mit, sie schaffen Aufmerksamkeit, und dennoch schaut man sie oft nicht genau an.
Aber vorweg noch, was ist das besondere an Fotos, die für den Falter in den letzten 40 Jahren aufgenommen wurden?
„Es lebe der Widerspruch!“ haben wir die Ausstellung genannt und dabei das erste Editorials aus dem Jahr 1977 zitiert. Der Plural Editorials statt Editorial bezieht sich auf den Anspruch der jungen ZeitungsmacherInnen auf Pluralismus und Kollektiv, auf den Verzicht auf traditionelle Arbeitsteilung und Hierarchien.
Der Falter war und ist offen parteiergreifend, ebenso wie seine Fotos.
In der Frühphase waren aktivistische, partizipatorische Bilder prägend. Bilder von AktivistInnen für AktivistInnen, aus dem Innenleben der Bewegungen der Zeit, die vom Falter unterstützt wurden und die Alternativen zu den herrschenden Verhältnissen anstrebten. Es ging um Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung, um Mitbestimmung, um selbstbestimmtes Leben, um mehr Spaß in der Stadt. Wir befinden uns in der Phase des „g´fäuden“ Wien.
Bewusst wurde in dieser Fotografie im Gegensatz zur traditionellen Pressefotografie auf Dramatik und Zuspitzung verzichtet, es ging um Auseinandersetzung, Debatte, ums Miteinander.
Von Beginn an war der Falter auch in der Fotografie polemisch, frech und satirisch. Anfangs trifft das vor allem die RepräsentantInnen der damals in Wien allmächtigen SPÖ (Stichwort Arenabesetzung), die meist als alte, müde Männer karikiert wurden – weniger gefährlich als ratlos. 1986 dann die Waldheim-Debatte, in der jenes Foto entstand, das wir als Plakatsujet ausgewählt haben. Robert Newald zeigt Kurt Waldheim bei seiner Angelobung als Bundespräsident. Ein polemisches und dämonisierendes Bild, übrigens das sehr wahrscheinlich am häufigsten wiederverwendete Foto im Falter über die lange Zeit.
Hatte der Falter, dort wo es um Politik im engeren Sinn ging, Anti-Atomkraft, Besetzung der Hainburger Au, Hausbesetzerszene, Gründung der Alternativen Liste bzw. der Grünen seine Stärke in der Unterstützung und Verstärkung der AktivistInnen, so zeichnete sich ein markanter Wechsel ab: der Fokus richtete sich nun unmittelbar auf den politischen Gegner, insbesondere auf die FPÖ und den Rechtspopulismus. Dazu zählen insbesondere Heribert Corns Kompositionen, abgeschnittene, aus dem Bild gedrängte Köpfe, starke Ober- und Untersichten, beängstigende Paarungen, kontrastierende, karikierende und polemische Montagen in einer Einstellung.
Widerspruch hieß und heißt im Falter immer auch Medienkritik und vor allem das Interesse für Themen und Menschen, die nicht oder unterrepräsentiert waren und sind.
Der Falter berichtete mit großem Engagement über die zunehmende Verschärfung der Asyl- und Zuwanderungsgesetzgebung, die damit verbundene polizeiliche Praxis und den latenten Rassismus und gab den Betroffenen Stimme und Gesicht. Dabei entstanden aufdeckende, aufklärende und aufrüttelnde Bilder u. a. von Andreas Schwarzer, Katharina Gossow, Felicitas Kruse oder Heribert Corn. Diese Bilder zeigen Polizeirazzien, Schubhaftgefängnisse oder Flüchtlingsunterkünfte und versuchten die brutale Wirklichkeit hinter den politischen Debatten sichtbar zu machen. Das Dilemma dieser Bilder ist nicht zu lösen: zwischen ihrer Stärke, eindrücklich zu kommunizieren und ihrer Gefahr, Sachverhalte und Betroffene zu stereotypisieren.

Ein Modus der fotografischen Darstellung, den wir für die letzten Jahre prägend finden, könnte man konstruktiv und reflexiv nennen: es ist ein Verzicht auf starke Kontraste, den wir als Einsicht in die Komplexität der Welt verstehen, als Sorge um die weitere Zuspitzung gesellschaftlicher und politischer Konflikte, als Wissen um die Uneindeutigkeit von Codes und die Unauslöschbarkeit der digitalen Bilder, als Warnung vor schnellen Urteilen. Das betrifft vor allem die Menschenbilder mit ihrem Augenmerk auf die Integrität des Individuums, seinen Anspruch auf sein eigenes Image und dessen Wandelbarkeit. Bemerkenswert ist die Vorsicht vor Zu- und Festschreibungen, die Eingrenzung der Bedeutung eines Bildes auf seine konkrete Zeitlichkeit und Oberfläche, wie wir das etwa in Christopher Mavric´ Fotos sehen und seinem Spiel mit den Möglichkeiten des Digitalen.

Zeitungsmachen ist Auswahl und Montage. Wie Fotos gemacht wurden und wie sie in der Zeitung gezeigt werden sind zwei verschiedene kreative Vorgänge: also „Fotos für den Falter“ und „Fotos im Falter“. So gehörten lange Zeit filmische Montagen zu den Besonderheiten des Falter, also die Anordnung von Fotos in Filmstreifen oder in Doppelporträts. So wurden von Interviewten, von Köpfen, zwei Bilder nebeneinander gezeigt, die wir im Sinn von Godards berühmter Gleichung zur Montage interpretieren. „Eins plus eins ist drei“. Ein Bild und ein zweites ergeben ein Drittes. Zwei Bilder eines sprechenden, gestikulierenden Menschen ergeben als Drittes „Denken“.
Die Begriffe Freiheit und Unterordnung fassen die Bandbreite der Verwendung von Fotos in einer Zeitung. Meistens ist es die Unterordnung unter die redaktionellen Interessen. Seltener erhalten FotografInnen einen selbstständigen Auftritt und die Freiheit bei der Gestaltung mitzuwirken. So sind etwa Katharina Gossows Fotosessay über die Wiener Bahnhöfe entstanden, Christian Fischers Serien „Wien peripher“ und „Wien multikulturell“ oder Mathias Kremers Donaukanal Studien, die 1986 vom Wien Museum angekauft wurden.

Ausstellungsmachen bedeutet ebenfalls Auswahl. Wie wählt man aus? Bzw. wie reduziert man 200.000 Fotos, so viele etwa waren im Pool auf ca. 500? Roland Barthes hat in seinem Text „Die helle Kammer“ aus der Perspektive der BetrachterInnen drei Arten von Fotos unterschieden. Die, die nicht über die Zeit kommunizieren, die also verstummt sind, weil unsere Verbindung zu ihnen abgebrochen ist. Davon gibt es in einer Zeitung, die es 40 Jahre gibt, sehr viele. Dann die, die wir noch mit unserem Wissen einordnen können. Ereignisse, Menschen, die in Erinnerung geblieben sind. Und dann gibt es noch die, über die wir ev. auch wenig wissen, aber die uns ansprechen, etwas erzählen, das über ihre Zeitgebundenheit hinausgeht. So gibt es ein Foto in der Ausstellung, vielleicht entdecken sie es später, von Lui Frimmel, einem der frühen Falter-Fotografen. Es zeigt einen Polizisten neben seinem Motorrad. Im Hintergrund ist eine Nonne zu sehen, die auf diese Maschine blickt und verträumt lächelt. „Papstbesuch in Wien 1983“, so der Bildtitel. Vielleicht hat die Nonne auch etwas ganz anderes gesehen, vielleicht den Papst selbst, aber das Foto erzählt uns diese Geschichte. Es zeigt uns etwas von der Wirklichkeit und klammert sie zugleich aus.

Ausstellungsmachen ist auch Montage. Wir haben uns für eine, wie wir sagen, typologische Hängung entschieden: also eine Anordnung der Fotografien nach ihren Oberflächen, nach dem, was man sieht, im Sinn einer Einladung „Schau genau“! So sind Tableaus entstanden, von Porträts, von Köpfen, guten, bösen und jenseitigen, in unterschiedlichen Einstellungsgrößen, von Gesten (nebenbei bemerkt die einzige rein männliche Gruppe in der Ausstellung), Tableaus von PartnerInnen, Uniformen oder Parolen. Diese Hängung erlaubt eine Zusammenschau über die Zeit und ihre Veränderungen, aber auch ein Spiel mit Nachbarschaften. Wer hängt neben wem, wer schaut wen an, wer schaut weg?

Um das Bild des Käfigs noch einmal aufzugreifen, die Fotos werden in der Ausstellung freigelassen, um ihre Qualitäten jenseits des Korsetts der sie umgebenden Zeichen einer Zeitung zu zeigen. Ob sie dazu in der Lage sind, also ob Falterfotos tatsächlich fliegen können, beurteilen sie bitte selbst!


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