Magic Numbers

The Magic Numbers


"Haare auf meinem Rücken"

Drei Bands und eine transatlantische Achse: Ween und Dr. Dog aus Philadelphia begrüßen England, während sich in den Wurzeln der Magic Numbers Trinidad, New York und London vereinen.

Eigentlich sollte diese Kolumne ja auf dem Straßenpflaster Londons dem Herzschlag des Pop hinterherhetzen. Gelegentlich aber ist es legitim und opportun, sich stattdessen nach New Jersey einzuwählen, um mit Aaron Freeman von Ween über deren neueste Kompilation "Shinola Vol. 1" zu konferieren. Wie man hört, sei der Titel dieser Sammlung erlesener Ausschussware aus ihrer zwanzigjährigen Bandkarriere ein Slangausdruck für Scheiße, doch Freeman belehrt uns eines Besseren: "Shinola war eine Schuhcreme, und das Sprichwort war: You can't tell shit from shinola. Du kannst Scheiße nicht von Shinola unterscheiden. Wir hatten uns ein Jahr Auszeit genommen und brauchten ein bisschen Einkommen. Diese Platte soll uns helfen, unserem Publikum was zu geben, und dabei nebenher auch ein bisschen Shinola zu verdienen."

Aufgrund ihrer chronologisch gemischten Herkunft sind die Stilsprünge auf "Shinola" noch wilder als sonst, vom Prince-Funk von "Monique The Freak" über den infantilen Easy Listening-Jam "Boys Club" oder den Thin-Lizzy-Verschnitt "Gabrielle" bis hin zu einem mit einem Saxofonthema kollidierenden Gebetstext in "Israel": "Ich bin Jude, aber ich praktiziere meinen Glauben nicht", erläutert Freeman. "Dann sehe ich das Haar, das auf meinem Rücken wächst, und fühle mich wieder ungemein jüdisch. Das hat mich immer schon beschäftigt."

Wie es die erfrischende Unlogik des Zusammenspiels von Musik und ethnischer Herkunft will, teilt Freeman alias Gene Ween gemeinsam mit seinem italienischstämmigen Partner Mickey Melchiondo alias Dean Ween einen nicht unbeträchtlichen Verdienst an der Öffnung der weißen US-Post-Punk-Generation gegenüber dem in jener Sozialisation lange verkannten Zauber des Soul: "Mir gefällt der Gedanke, dass wir dem Boogie im Rock 'n' Roll ein bisschen den Weg geebnet haben könnten", zeigt sich Freeman stolz, "Soul war immer schon eine unserer Stärken. Wir sind schließlich aus Philadelphia, da wirst du mit Soul geboren." Im Übrigen, meint Freeman, stehe er gerade am Strand und werde sich nach unserem Telefonat augenblicklich in den Ozean stürzen.

Am anderen Ende des Atlantiks kreuzten indessen fünf andere Söhne Philadelphias in ihrem mit allerhand Postern ausstaffierten Bandbus durch London und hielten an, wo ihr sprechendes Navigationssystem es verlangte. Kaum hatten Dr. Dog sich vor dem Dublin Castle Pub am Parkway in Camden eingeparkt, lauerte ihnen der Falter auch schon mit Fragen zu ihrem berückenden Album "Easybeat" auf. Nein, versicherte Sänger Scott McMicken, der Titel des ebenso benannten Songs verberge keine Referenz auf die fulminante australische Sixties-Band Easybeats, vielmehr sei er eines Tages in seinem Bett gelegen, "und da hatte ich diesen Panikanfall, im Zuge dessen sich aus dem Geklapper des Ventilators ein vollständiges Songarrangement formte, über das ein Frauenchor diese Worte sang: ,Es ist ein Easybeat aus nichts, und wir brauchen keine Gitarren. Wir können stattdessen singen und unsere Autos zuschanden fahren.' Ich würde die Absurdität dieser Geschichte überhaupt nicht bestreiten."

Dann ist ja gut. McMicken besteht darauf, dass seine Band kein obsessives Verhältnis zur Popgeschichte pflege, so wie auch die an Ob-la-Di-Ob-la-da erinnernde Bass/Klavier-Kombination am Anfang von "The World May Never Know" nicht als Zitat zu verstehen sei. Die für außenstehende Beobachter jedenfalls unleugbare Affinität von Dr. Dog zu den Beatles der Abbey-Road-Phase (und dem melodiösen Pathos ihrer damaligen Busenfreunde Badfinger) paart sich allerdings mit einer sympathisch an Pavement gemahnenden Wurschtigkeit in Sachen Sound.

Was bisweilen wie der auf einem Dachboden gefundene, verschollene Kassettenmitschnitt einer legendären Band klingt, ist auch genau das. Laut McMicken fungiert die Wohnung eines ehemaligen Dr.-Dog-Gitarristen als schwarzes Loch, in dem Sessionbänder unauffindbar verschwinden, ehe sie spontan in Form unbeschrifteter Kassetten in den Handschuhfächern der Bekanntschaft wieder auftauchen. Den Ohrwurmqualitäten der Songs, die sich da ihren Weg durchs Bandrauschen bahnen, haben die fünf Gelegenheitsarbeiter aus West Philadelphia nun zu verdanken, dass sie Europa mit seinen "tollen Häusern und wirklich gutaussehenden Frauen" kennen lernen können. "In London zu sein ist das Atemberaubendste, was uns je passiert ist. Sogar das Essen war bis jetzt gut." Endlich was für die Postkarte an die Eltern.

Derart überschwänglich würde ein stattlicher bärtiger Mann namens Romeo Stodart sein Leben zwar nicht loben, doch sollte jemand gerade zufällig die Wolken zählen, würde er ihn zweifellos auf der siebten antreffen. Am Tiefpunkt seines Lebens schrieb Stodart einen Song namens "Forever Lost". In den Händen seiner Band Magic Numbers wandelte sich das Klagelied zu einer der infektiösesten Pophymnen des vergangenen Sommers: "Ich muss mir jedes Mal an den Kopf greifen, wenn bei unseren Konzerten immer alle ganz euphorisch in den Text einstimmen: ,Sieht so aus, als wäre alles schief gelaufen. Was soll ich nur tun?' Zehn Jahre träumte ich davon, dass die Leute meine Songs singen. Und jetzt, wo ich's geschafft hab, ergibt der Text keinen Sinn mehr. Es ist nicht schief gelaufen, alles ist gut!"

Im Gegensatz zu den Scheinbrüdern von Ween bestehen die Magic Numbers aus zwei echten Geschwisterpaaren: "Wenn wir vier zusammen sind, versuchen wir einander durch unsere Texte zu bereichern und über Seelenschmerzen hinwegzuhelfen." Das sei eine ganz spezielle Gruppendynamik, meint Stodart.

Das titellose Magic-Numbers-Album entstand übrigens im Studio von Ray Davies, einem der berühmtesten traumatisierten Brüder der Rockhistorie. "Er probte im Raum nebenan mit seiner Band alte Kinks-Songs", erzählt Stodart, "dann kam er vorbei und sagte: ,Klingt gut, klingt gut.' Angeblich hat er die Angewohnheit, Bands während der Aufnahmen einfach rauszuwerfen, damit er seine eigenen Songs aufnehmen kann." Die Magic Numbers dagegen ließ Onkel Ray ungestört schaffen. Weil er sich auskennt.

Robert Rotifer in FALTER 39/2005



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