Return the Gift

Gang Of Four


Keine Entspannung

Die Punk-Funk-Legende Gang Of Four feiert ein eindrucksvolles Comeback. Sänger Jon King sprach mit dem "Falter" über Feminismus, Aufrichtigkeit und die Zukunft des Rock 'n' Roll

.Viele Leute beschreiben uns als die britischen Velvet Underground", meint Sänger Jon King ohne falsche Bescheidenheit. Und tatsächlich zählt "Entertainment!", das 1979 erschienene Debüt von Gang Of Four so wie die Bananenplatte der US-Kollegen zu den bedeutendsten Alben der Rockgeschichte. "Sie haben auch nie viel verkauft, waren aber enorm einflussreich. Ich glaube es war Brian Eno, der einmal sagte: Jeder, der sich eine Platte von Velvet Underground kaufte, gründete anschließend eine Band."

Die Palette prominenter Fans des 1977 im Umfeld der Kunsthochschule in Leeds gegründeten Post-Punk-Quartetts war seit jeher nicht eben schmal und reicht von U2 über R.E.M. und Helmet bis zu den Red Hot Chili Peppers. In den letzten zwei, drei Jahren wurden Gang Of Four und ihre Mischung aus ungemein reduziertem, radikal unrockistischem Rock, tanzbarer Funkrhythmik und ungewöhnlichen, von der Beschäftigung mit linker Theorie geprägten Songtexten schließlich zu einer Referenzgröße, an der niemand vorbei kam. Nahezu jede aufregende junge Band der Abteilungen "Punk Funk", "Dance Rock" oder "Neo Post Punk" sah sich umgehend mit Gang Of Four verglichen oder bezog sich gleich direkt auf sie, ob es nun Franz Ferdinand (siehe Kasten) oder Radio 4 waren, The Rapture oder Bloc Party, The Futureheads oder LCD Soundsystem.

Jon King erklärt sich das Interesse so: "Die Leute hatten die Schnauze voll von Bands, die in erster Linie auf ihr Outfit Wert legten, während die Musik aus reiner Nachäfferei und die Texte aus Belanglosigkeiten bestanden. Sowohl unsere neuen Hörer als auch durch uns beeinflusste Musiker schätzen wohl die Aufrichtigkeit von Gang Of Four; man merkt, dass kein kommerzielles Kalkül dahintersteckt."

Abgesehen von dem als Produzenten tätigen Gitarristen Andy Gill, mit dem gemeinsam King in den Neunzigern zwei vernachlässigbare Alben unter dem Namen Gang Of Four veröffentlichte, sind die Bandmitglieder längst im bürgerlichen Leben verankert: Hugo Burnham unterrichtet an der Kunsthochschule, Schlagzeug hatte er angeblich seit 1985 nicht mehr gespielt; Bassist Dave Allen leitet eine Multimediafirma, und King selbst arbeitet beim Nachrichtensender World Television.

Dass Gang Of Four jetzt erstmals seit 1981 wieder in der ursprünglichen Besetzung auftreten, ist ähnlich sensationell wie die Reunion der Pixies; die Vorzeichen aber sind ganz andere. Ging es der US-Indierock-Ikone letztes Jahr vorrangig darum, im großen Stil Kapital aus ihrem Legendenstatus zu schlagen, scheint es bei Gang Of Four tatsächlich einen künstlerischen Antrieb zu geben. "Als wir vier erstmals seit einer Ewigkeit wieder gemeinsam in einem Raum saßen, war schnell klar, dass uns eines verband: Wir alle vermissten es, miteinander live zu spielen."

Die Reaktionen auf ihre jüngsten Konzerte in England und den USA sind durchwegs euphorisch. "Wirklich toll ist, dass rund drei Viertel unseres Publikums unter 25 sind", freut sich King. "Der Rest ist zwischen vierzig und fünfzig, lediglich zwischen 25 und vierzig haben wir anscheinend keine Fans." Sein persönliches Comeback-Highlight sei das Heimspiel in London gewesen: "Gemeinsam mit meiner Tochter und meinem Sohn bin ich mit der U-Bahn zum Konzert gefahren. Der Wagon war voll mit Kids aus ihrer Schule, die ebenfalls zum Konzert wollten - und sie hatten keine Ahnung davon, dass der Vater ihrer Schulkollegen in der Band singt!"

Ihr künstlerisches Initialerlebnis hatten Jon King und Andy Gill 1976 noch vor der Bandgründung in New York. "Wir besuchten eine Freundin, die mit dem Schlagzeuger von Patti Smith zusammen war und ums Eck vom CBGB's wohnte. So lernten wir Richard Hell & The Voidoids, Television und Blondie kennen. All diese Artrockbands, die einfach ihr Ding machten, haben uns stark geprägt und dazu inspiriert, ganz eigene Ausdrucksweisen zu suchen. Wir wollten Musik spielen, die in dieser Form noch nicht existierte." Hilfreich waren dabei so unterschiedliche Einflüsse wie Jimi Hendrix und Can, Funkadelic und MC 5, Robert Johnson und die Produktionsweisen des Dub Reggae.

"Wir haben uns gegenseitig permanent angestachelt, die Musik noch extremer, noch eigenständiger zu machen", erinnert sich King. "Dadurch war es auch ziemlich hart, Teil der Band zu sein: Alle waren extrem selbstkritisch und du hattest noch drei genauso harte Kritiker an deiner Seite. Es war unmöglich, sich auch nur einen Moment zurückzulehnen und zu entspannen."

Dementsprechend rieb sich das Quartett auch bald auf. Allen verließ Gang Of Four nach dem zweiten Album "Solid Gold" (1981) und feierte mit Shriekback Hitparadenerfolge; Burnham klinkte sich nach "Songs of the Free" (1982) aus, und nach dem vierten Album "Hard" war 1984 vorläufig überhaupt Schluss.

Dass kaum ein Artikel über die frühen Bandjahre ohne Hinweis auf Gang Of Fours marxistischen Background auskommt, amüsiert King. "Tatsächlich waren wir durch Frauen in unserem Freundeskreis vor allem von feministischer Theorie beeinflusst, wir beschäftigten uns stark mit alltäglichen Unterdrückungsmechanismen. Es ging im Feminismus ja nicht nur um Frauen, sondern auch um eine Auseinandersetzung mit Männlichkeit. Zu dieser Zeit kam politisch überhaupt einiges zusammen: Die Homosexuellenbewegung sorgte für eine neue Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben, es gab Initiativen wie ,Rock against Racism', und alternative Lebensentwürfe schienen generell leichter realisierbar."

Dogmatischer Kommunismus sei dagegen trotz des Bandnamens - die einst um Mao Tse-Tungs Frau gruppierte Viererbande erlangte im maoistischen China vor allem infolge der Kulturrevolution politischen Einfluss - kein Thema gewesen: "Das stalinistische osteuropäische Modell hatte damals jegliche Attraktivität verloren. Die Linke orientierte sich neu und fand das Politische im Persönlichen. Bei mir kam noch ein starkes Interesse am Situationismus und all den verrückten Ideen hinzu, die in der Folge von 1968 aus Paris kamen." Das Ergebnis war unter anderem das berühmte Cover von "Entertainment!", das Imperialismuskritik in Form eines Cowboy-und-IndianerComicstrips betreibt.

Am Cover ihrer demnächst erscheinenden Comebackplatte "Return the Gift" taucht dieses Comicsujet in modifizierter Form wieder auf. Auch die Platte selbst besteht aus Neuaufnahmen alter Stücke: "Während es uns damals um einen möglichst trockenen Sound ohne jegliche Studiotechnik ging, wollten wird diesmal dem speziellen Drumsound unserer Konzerte möglichst nahe kommen", erklärt King. Schaden hat der neuartige Krawumms den Stücken erfreulicherweise keinen zugefügt, und auch die als Bonus-CD mitgelieferten Remixes junger Acts wie Ladytron, Yeah Yeah Yeahs oder The Others funktionieren erstaunlich gut.

Den entscheidenden Unterschied zwischen der Popmusik von damals und heute sieht King vor allem in den veränderten Rahmenbedingungen. "Es ist derzeit fraglich, ob das Album als solches überhaupt überleben wird. Für ,Entertainment!' haben wir damals um zwölf großartige Songs gerungen und, wie ich heute meine, zumindest acht auch wirklich hinbekommen. Heute hingegen geben sich Bands schon mit zwei, drei tollen Stücken zufrieden, weil die Downloadkultur nur Songs und keine Alben kennt."

Gang Of Four-Bassist Dave Allen hatte sich kürzlich im Rolling Stone über die Langweiligkeit der zeitgenössischen Rockmusik beklagt und gemeint, dass selbst sehr gute Bands wie Bloc Party oder die Futureheads den Rock 'n' Roll nicht retten würden. King widerspricht seinem Bandkollegen: "Was kümmert mich die Rettung des Rock 'n' Roll?! Du kannst versuchen, eine aufregende neue Richtung einzuschlagen, und gerade die Futureheads sind darin ziemlich gut. Aber ob jemand jemals wieder etwas so Spektakuläres wie Dylan hinbekommen wird, als er ,Like a Rolling Stone' veröffentlichte? Keine Ahnung. Der Tod des Rock 'n' Roll wurde schon oft verkündet. Für John Lennon etwa starb er in dem Moment, als Elvis zur Army kam, also ..."

Gerhard Stöger in FALTER 39/2005



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