Klaviertrios/Celloson.

Rachmaninov Trio Moscow, Dmitri Schostakowitsch


Dissident und Diener

Vor hundert Jahren wurde der Komponist Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch geboren. In seiner Musik spiegelt sich ein ambivalentes Leben in der Sowjetunion wider.

Wer genau hinhört, wird bald einen Schimmer des Mondscheins aus Beethovens Sonate erahnen können. Ruhig und gleichmäßig funkeln gebrochene Dreiklänge in den wohl vertrauten Harmonien durch das Adagio aus Dmitri Schostakowitschs Sonate für Viola und Klavier, ehe nach einem kurzen Aufflackern die Bratsche auf einem langen Ton zu liegen kommt und das Stück sein gefasstes Ende findet.

Schostakowitsch hatte noch viele Pläne, als er - wenige Tage nach Fertigstellung seines Opus 147 - am 9. August 1975 in Moskau starb. Es mag also Zufall sein, dass ausgerechnet ein so entlegenes Stück wie eine Bratschensonate zu seinem letzten Werk wurde. Aber es ist ein schöner Zufall. Gerade in der Intimität der Kammermusik fand der prominenteste Komponist der UdSSR regelmäßig die in seinem Leben so seltene Gelegenheit, frei von den Repressalien der sowjetischen Kulturpolitik, ausschließlich nach eigenen Vorstellungen zu arbeiten. Kaum ein anderes seiner Werke gilt als so offen und bekenntnishaft wie das Streichquartett Nr. 8, op. 110 (1960); in kaum einem anderen formulierte er sein Entsetzen über den Holocaust so erschütternd deutlich wie im 2. Klaviertrio, op. 67 (1944) - wobei kein Zweifel daran bestehen kann, dass damit nicht nur der Nazi-, sondern auch der Sowjetterror gemeint war.

Die strenge Beobachtung, unter der das großformatige Schaffen des am 25. September 1906 in Sankt Petersburg geborenen Komponisten seit seinen ersten Erfolgen mit atonalen und vom Jazz beeinflussten Werken stand, machte solch persönliches und künstlerisch freies Arbeiten schwer, manchmal gar unmöglich. Die von Nikita Chruschtschow eingeleitete Tauwetterperiode um 1960 blieb nur ein kurzes Intermezzo zwischen den rigiden Eingriffen der Kulturpolitik unter Stalin und Breschnew.

Von der heiklen Bühne des Musiktheaters hatte sich Schostakowitsch schon früh zurückgezogen. Der Schock, der ihm am 28. Januar 1936 mit seiner Oper "Lady Macbeth von Mzensk" (1934) widerfahren war, prägte ihn zeit seines Lebens. An diesem Tag war in der Prawda ein ungezeichneter, also quasi amtlicher Verriss der bis dato von Publikum wie Kritik gleichermaßen gefeierten Oper erschienen. Unter dem Titel "Chaos statt Musik" hieß es darin: "Die Fähigkeit guter Musik, die Massen mitzureißen, wird hier kleinbürgerlichen, formalistischen Anstrengungen (...) geopfert. Dies ist ein Spiel mit ernsthaften Dingen, das böse enden kann."

Das unverhohlen drohende Urteil kam einer Vernichtung gleich, kein anderer Vorwurf wog so schwer wie der des Formalismus und der Volksferne. Der unter anderem an Alban Bergs "Wozzeck" orientierte Expressionismus der "Lady Macbeth" widersprach der brutal durchgesetzten Doktrin des sozialistischen Realismus; zudem dürfte Stalin selbst, der wenige Tage zuvor eine Aufführung besucht hatte, keinen Gefallen an der Geschichte eines Tyrannenmordes gefunden haben. Nach dem Prawda-Artikel soll Schostakowitsch wochenlang mit seiner Verhaftung gerechnet haben, und es dauerte Monate, ehe er eine Strategie fand, die ihm das stete Lavieren zwischen der Durchsetzung eigener Vorstellungen und Zugeständnissen an die Doktrin ermöglichte. Seine erschreckend bildhafte, den Staatsterror der folgenden Jahre vorwegnehmende 4. Sinfonie (1936) zog er aus Furcht vor Repressalien noch zurück; doch bereits mit der 5. Sinfonie (1937) gelang ihm beispielhaft jene sarkastische Doppelbödigkeit, die sein Werk fortan kennzeichnen sollte. In ihrem klassischen Formaufbau, ihrem klar formulierten Pathos und ihrer Dur-Apotheose im glücklichen Finale ging die Sinfonie als Muster des Sozialistischen Realismus durch und wurde in diesem Sinne auch offiziell als Rehabilitation eines vom rechten Wege Abgekommenen anerkannt.

Wer wollte, konnte diese Musik aber auch ganz anders hören. Ein tonal vom Hauptgeschehen abgesetztes Zitat einer Puschkin-Vertonung, die von Kunstschändern und der Unvergänglichkeit der Kunst handelt, gab entsprechende Hinweise. Auch das extrem verlangsamte Tempo sowie die unerbittlich sich wiederholenden Akkordschläge im Finale tönten dem Publikum der Uraufführung nachweislich eher furchterregend als feierlich in den Ohren. Schostakowitsch nutzte die Wortlosigkeit der Musik, ihre vom Hörer abhängige Mehrdeutigkeit - und blieb damit für die Staatsmacht schwer angreifbar.

Diese Doppelzüngigkeit konnte Schostakowitsch sogar in seiner 9. Sinfonie (1945) fortsetzen. Sie sollte den Sieg der Roten Armee verherrlichen, vermittelte statt des bestellten Jubels aber eher Erleichterung über das Kriegsende - und unterwanderte zudem den offiziellen Zweck durch ihre miniaturisierte Dimension: Stalins Triumph war dem Komponisten nur knappe zwanzig Minuten Musik wert.

Solche Aufmüpfigkeit hatte ihren Preis. Bei aller musikalisch dokumentierten Dissidenz war Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch auch ein - freilich widerwilliger - Diener des Systems. In seinem umfangreichen Werkkatalog finden sich neben den bis heute hoch geschätzten 15 Sinfonien, zahlreichen Orchesterstücken und Konzerten, Streichquartetten, Sonaten und Klavierwerken auch Chöre für die Geheimpolizei NKWD und die Rote Armee, linientreue Musiken zu Propagandafilmen ("Der Fall von Berlin") und ungebrochen optimistische Oratorien und Kantaten unter Titeln wie "Die Sonne strahlt über unserer Heimat". Schostakowitsch war Mitglied der KPdSU und hatte als Erster Sekretär des Komponistenverbandes der RSFSR einen einflussreichen Funktionärsposten inne.

Geschwächt von mehreren Herzinfarkten, einer Lähmung des rechten Armes und vom Lungenkrebs beugte er sich gegen Ende seines Lebens dem Druck und unterschrieb ein offizielles Papier, das den prominenten Physiker und Dissidenten Andrej Sacharow verdammte. In seinem eigenen Verständnis betrachtete der Komponist solche Zugeständnisse als unumgänglich, als in einem grundsätzlichen Sinn unwahr und daher letztlich unbedeutend. Seine ethische Aufrichtigkeit bewahrte er sich in der Musik. Dass er darin ebenso wie im privaten Leben zunehmend in den Sarkasmus flüchtete, scheint kaum verwunderlich.

Eine beliebte Floskel Stalins war das Versprechen, dass das Leben in der UdSSR besser würde. Ein beliebter Trinkspruch Schostakowitschs war der Wunsch: "Auf dass das Leben nicht besser werde!"

Carsten Fastner in FALTER 38/2005



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