Paradise

Stereo MCs


Die englischen Hip Hopper Stereo MCs melden sich nach längerer Krise zurück: gut erholt und mit verblüffend einfachen Weisheiten für komplizierte Zeiten.

Die Furchen in Rob Birchs Gesicht nehmen langsam Keith-Richards-Dimensionen an. Ähnlich dem Stones-Gitarristen scheint der Rapper der englischen HipHop-Institution Stereo-MCs dennoch unverwüstlich zu sein. Auch ohne die finanziellen Möglichkeiten zum Blutaustausch in Schweizer Privatkliniken geht es ihm offenbar ausgezeichnet - jedenfalls signalisiert das sein Optimismus, den er während des Interviews verströmt.

Tatsächlich kommen Birch und sein glatzköpfiger Partner Nick Hallam alias The Head nach einer mehr als zehn Jahre währenden Serie an Krisen gerade erst langsam wieder in die Gänge. Noch mehr zugesetzt als toxische Substanzen haben den beiden in dieser langen Zeit kreative Blockaden sowie Probleme mit der Major-Plattenindustrie und deren mitunter an Geiselhaft erinnernden Verträgen, die sich mit dem Freiheitsdrang der Stereo MCs nicht auf ewig vereinbaren ließen. "Wir haben unseren Manager rausgeschmissen und Island Records verlassen", berichtet Birch stolz. Die erfolgreichste englische HipHop-Formation aller Zeiten hat mit ihrem neuen, fünften Album den späten Schritt in die Unabhängigkeit gewagt und nach mehr als 15 Jahren im Musikgeschäft mit Graffiti Records ihr eigenes Label gegründet. "Jetzt können wir endlich Platten veröffentlichen, wie wir wollen und wann immer wir wollen."

Was das betrifft, scheint Birch allerdings über ein sehr selektives Gedächtnis zu verfügen. Besonders motiviert, ständig neue Platten auf den Markt zu werfen, waren die Stereo MCs schon seit mehreren HipHop-Ewigkeiten nicht mehr. Nach dem dank unwiderstehlichem Funk, schweißtreibender Konzerte und großzügiger MTV-Einsätze zum Charterfolg geratenen "Connected" (1992) erschien gerade mal ein Album mit neuen Songs - das grundsolide, nach so langer Pause aber doch ein wenig enttäuschende "Deep Down and Dirty" (2001).

"Wir haben von 1989 bis 1992 drei Alben gemacht und sind pausenlos getourt", versucht der Mann mit dem unimitierbaren, so ganz unamerikanisch fließenden Reimstil eine Erklärung. "Danach waren wir ausgebrannt. Gleichzeitig lastete nach ,Connected' ein großer Druck auf uns. Und je länger wir den Nachfolger rausgeschoben haben, desto größer wurde er."

"Sorry, I got carried away", verkündet eine Stimme am Beginn von "Paradise", dem neuen Stereo-MCs-Album, mit dem die beiden Musiker eine Brücke zurück zu ihren ersten, mit einfachstem Equipment zusammengebastelten Platten "33 45 78" (1989) und "Supernatural" (1990) schlagen. "Sorry, ich habe mich mitreißen lassen" - ein Hinweis darauf, dass die StereoMCs erst wieder für geordnete Verhältnisse und ein angenehmes Klima sorgen mussten, um neue Musik produzieren zu können.

Das mit einer Polizeisirene unterlegte Album-Intro steckt aber auch den inhaltlichen Rahmen von "Paradise" ab, das von Gewalt und ihrer Überwindung handelt. Zu gut abgehangenen, sich von musikalischen Trends tunlichst fern haltenden Beats in entspannt funkiger Stereo-MCs-Manier erzählt Birch vom Leben in South London, das hier auch stellvertretend für globale Entwicklungen steht. "Manchmal fühlt es sich so an, als wolle jeder Krieg. Ob es nun Bush ist oder irgendein Typ auf der Straße. Man kann sehr leicht wegen sehr geringer Anlässe in gewaltsame Auseinandersetzungen geraten."

Diese Kriegermentalität sei in Brixton, wo das Duo lebt und arbeitet, besonders ausgeprägt, erklärt Birch: "Es ist wie auf dem Cover von ,Paradise': sehr bunt, aber es passieren auch viele verrückte Dinge dort. Manche Leute sind sich nicht im Klaren darüber, dass die nächsten zehn Minuten eine sehr große Auswirkung auf ihr Leben haben können. Sonst würden sie lieber etwas Positives aus ihrem Tag machen."

Ob der gehetzte Kleinkriminelle von nebenan allein durch positives Denken entspannter wird? Das klingt schon nach recht simpler Hippierhetorik. Aber wenn man auf diesem Weg vielleicht doch ins Paradies gelangt? "Wir leben doch schon im Paradies", ereifert sich Birch. "Ich meine keinen Strand mit Palme, dieses Klischee von Paradies, für das du dein Leben lang als Sklave arbeiten musst. Das Paradies ist hier und jetzt. Es ist dein Leben, es kann Himmel oder Hölle sein."

Sebastian Fasthuber in FALTER 35/2005



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