Bang Bang Rock & Roll

Art Brut


Endlich Aufregung

Die famose britische Sloganmaschine Art Brut und die rumpeligen Doc Schoko aus Berlin deuten die alte Tante Rock 'n' Roll als störrisches junges Gör.

Die Leute glauben, ich sei andauernd ironisch, dabei bin ich doch einfach nur enthusiastisch!", sagt Eddie Argos, der Sänger von Art Brut. So sehr ihm der Schalk auch im Nacken sitzen mag - man sollte ihm diesbezüglich nicht widersprechen. Schließlich hat Argos mit dem Art-Brut-Debüt "Bang Bang Rock & Roll" das entscheidende Argument auf seiner Seite: Ironie als Triebfeder kann unmöglich eine derartige Leidenschaft entfachen, echter Enthusiasmus im besten Fall durchaus.

Das nach einer Außenseiterkunstbewegung benannte Quintett aus Bournemouth weiß zwar offenkundig um die Geschichte der Rockmusik Bescheid, im Unterschied zu so vielen anderen jungen Gitarrenbands dieser Tage verlieren sich Art Brut aber nicht im versierten Umgang mit dem historischen Erbe, sondern setzten stattdessen auf erfrischenden Humor und ungezügelte Unmittelbarkeit. Ruppig, euphorisch und aufgekratzt brauchen sie keine sonderlichen technischen Fähigkeiten, um über das minimalistisch gehaltene eigene Schaffen in ein Entzücken zu verfallen, das äußerst ansteckend wirkt und wieder einmal verdeutlicht, dass Rock 'n' Roll bisweilen nicht weniger als das Allergrößte sein kann.

"Ich liebe Jonathan Richman", erklärt Argos, der in seiner Jugend durch extremes Pulp-Fantum auffiel und vermutlich auch mit dem Werk der großen britischen Rumpelkistenrocker The Fall ganz gut vertraut ist. "Seine Lieder handeln stets von seinem eigenen Leben, und genau das möchte ich auch erreichen: Es soll so persönlich sein, dass es einfach verstanden werden muss." Ganz in diesem Sinn singt er über die eigene Bandgründung ("Formed a Band"), seinen den Klischees des Rock 'n' Roll verfallenen kleinen Bruder ("My Little Brother"), die unterschiedliche Qualität von Kunsttempeln in London und Paris ("Modern Art"), Erektionsstörungen ("Rusted Guns of Milan"), die ermüdende Beliebigkeit gegenwärtiger Popkultur ("Bad Weekend") oder seinen Wunsch, dem britischen Wetter durch einen Umzug nach Los Angeles zu entfliehen und dort mit Axl Rose herumzuhängen, eine Harley Davidson zu fahren und mit Morrissey Cognac zu trinken ("Moving To L.A."). Am berückendsten aber ist die aktuelle Single "Emily Kane", eine Hymne an Argos' große Teenagerliebe: "Other girls went and other girls came, I can't get over my old flame. All my friends think I'm insane, I'm still in love with Emily Kane."

Das charmant Rumpelige ihrer Musik und die leidenschaftliche Verknappung aufs Wesentliche verbindet Art Brut mit dem nach seinem Frontmann benannten Berliner Trio Doc Schoko. Manchmal, so zeigt deren neues Album "Große Straße", genügen eben zwei Minuten, um mit einem Popsong alles zu sagen; gleichzeitig ist bei den 15 Stücken der vierzigminütigen Platte zwischen Monotonie und Eigenwilligkeit durchaus einiges möglich.

Garagenrock, Punk und The Fall dienen auch Doc Schoko als Background, dazu kommt die Begeisterung für deutsche Bands wie Fehlfarben, Trio und S.Y.P.H., die einst ebenfalls vom Punk kamen, ohne seiner Formelsprache zu erliegen. "Der Rock 'n' Roll ist keine leere Pose", sagt Doc Schoko, "er ist Lebensinhalt, Erinnerungshilfe und Zukunftsmelodie, ritueller Befreiungstanz, eine lebendige Religion."

Die Mutter dieser Überzeugung heißt wohl auch hier Enthusiasmus und nicht Ironie.

Gerhard Stöger in FALTER 33/2005



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