Dread More Dan Dead

Ari Up


"Wir gegen die Welt" Udo Jürgens ist ihr Taufpate, Johnny Rotten ihr Stiefvater: eine Begegnung mit Ari Up, die als Sängerin der Frauenband The Slits eine der schillerndsten Figuren des britischen Punk war und jetzt ein Comeback versucht. Die Musikindustrie ist total verblödet und weiß überhaupt nicht, wo's langgeht", schimpft Ari Up in einer Mischung aus bayrischem Deutsch und jamaikanisch gefärbtem Englisch. "Im Gegensatz zu den Siebzigern wären die Leute längst bereit für mein Zeug, und eigentlich könnte ich doch auch kommerziell gut funktionieren. Durch die Punkzeit ist genügend Geschichte da, gleichzeitig stehen die jungen Leute auf mich: Den Mädchen taugt mein Look, die Jungs wollen sowieso mit mir schlafen. Wieso kommt die Industrie da nicht mit?" Fernab von Frustration und Größenwahn paaren sich bei der immer noch jugendlich wirkenden, vor Konfusion freilich nie ganz gefeiten 43-Jährigen kindliche Unschuld und Euphorie mit einer unglaublich starken Aura. Vor diesem Hintergrund sagt die Frau mit den imposanten Dreadlocks ohne Umschweife, was ihrer Meinung nach Sache ist. Den Anlass dafür liefert "Dread More Dan Dead", ihr von abwechslungsreichem Dancehall-Reggae geprägtes erstes Album seit mehr als zwanzig Jahren. Ein Bruchteil ihres Charismas genügt im Popbusiness häufig für eine passable Karriere, und anderswo würde man bereits aus der Fußnote ihrer Biografie einen Legendenstatus konstruieren. Ari Up dagegen ist eine echte Legende. Eine Legende aber, die außerhalb kluger rockhistorischer Bücher von Autoren wie Simon Reynolds ("Rip It Up and Start Again") oder Greil Marcus ("Lipstick Traces") und abgesehen von gelegentlichen Reverenzen junger Musikerinnen kaum präsent ist. Dabei gehörte sie mit ihrer Band The Slits zur ersten Welle des britischen Punk; noch lange vor der Riot-Grrrl-Bewegung der Neunziger wurde das männlich codierte Konzept "Rockband" hier weiblich (um-)interpretiert. Von dieser Pionierfunktion abgesehen, besticht das schmale Werk der Slits auch künstlerisch. Innerhalb weniger Jahre fanden sie vom lustvollen Gelärme über die Fusion von Punk und Reggae ("Cut", 1979) bis zur produktiven Beschäftigung mit afrikanischer Rhythmik ("Return of the Giant Slits", 1981). Es zählt zu den Mysterien der Popgeschichte, warum eine umfassende Würdigung und Neuauflage der auf eine Handvoll Tonträger beschränkten Banddiskografie bis heute aussteht. Musik wurde Ari Up ganz klischeehaft in die Wiege gelegt. 1962 kommt sie als Ariane Forster in München zur Welt. Ihre Mutter Nora - bei der Geburt selbst noch ein Teenager - arbeitet als Rockpromoterin, der Vater, Frank Forster, ist Schlagersänger. Ein damals noch unbekannter österreichischer Kollege wird Arianes Taufpate. Sein Name: Udo Jürgens. "Der Udo war dann sehr in seiner eigenen Welt drin und dadurch kein sonderlich guter Taufpate. Ich erinnere mich aber an sein altmodisch-hüttenmäßiges Haus in Kitzbühel. Da war ich als Kind zum Ski fahren mit Johnny und Jenny." Zu Hause in München sind regelmäßig internationale Musikgrößen zu Gast; Jimi Hendrix zieht die Forster-Wohnung seinem Hotel vor und Barry Gibb von den Bee Gees spielt für die kleine Ariane auf der Mundharmonika. Später übersiedelt sie mit ihrer Mutter nach London, und irgendwann gehen nicht mehr Hippies und Glamrocker, sondern Punks bei den Forsters ein und aus. "Unter anderem eben die Pistols und die Clash, die neuen Freunde meiner Mutter." Der schweigsame Clash-Frontmann Joe Strummer zeigt Ariane zu Hause im Wohnzimmer erste Griffe auf der Gitarre; der Sex-Pistols-Sänger sollte Nora Forster Jahre später sogar heiraten: John Lydon alias Johnny Rotten ist bis heute Ari Ups Stiefvater. Zur eigenen Band ist es da kein großer Schritt mehr; gemeinsam mit The Clash gehen die anfangs noch eher gegen- als miteinander spielenden Slits im Frühjahr 1977 auf die legendäre "White Riot"-Tour. Der Fahrer des Tourbusses muss eigens bestochen werden, um Ari & Co überhaupt in den Bus zu lassen. "Für den war es schon zu viel, dass wir nicht dem Bild eines typischen Mädchens entsprachen. Die Tour selbst war aber fantastisch. Durch die Unterstützung der Clash hatten wir die absolute Freiheit, wir selbst zu sein." Kurz davor war Ari Up nach einem Zeitungsbericht über ihre Band von der Schule geflogen. "Das war eine ganz strenge, böse deutsche Schule, aber mein Rausschmiss hat einen großen Tumult ausgelöst. Die Kinder haben gestreikt und so meine Wiederaufnahme erzwungen. Am Ende der Woche habe ich mich dann aber selbst gefeuert." Innerhalb der Punkszene war ihr Geschlecht damals kein Thema, erinnert sich Ari Up; außerhalb dafür umso mehr. "In unseren Kreisen war alles sehr brüderlich; alle waren uns gegenüber sehr, sehr anständig. Es gab keinerlei Druck, wie man als Mädchen sein solle, und es ging auch nie um Sex. Die restliche Welt war allerdings der Feind. Egal, ob Medien, Polizei, Discoleute, Mods, National-Front-Anhänger oder normale Spießer, es galt: wir gegen die Welt. Speziell für uns war es wie eine Hexenjagd, man wollte die Slits am Scheiterhaufen sehen." Ari Up ist 19, als der Band 1981 der Atem ausgeht. Zuvor hat sie noch bei der Gründung von Adrian Sherwoods einflussreichem Dub-Elektronik-Label On-U Sound die Finger im Spiel, betreibt mit ihm das Projekt New Age Steppers, tourt mit der Jazzlegende Don Cherry und macht dessen blutjunge Tochter, den späteren Popstar Neneh Cherry, zum Teilzeit-Slit. "Ich habe mich nicht zurückgezogen, das war ein erzwungenes Exil. In der anbrechenden Yuppie-Ära war kein Platz für die Slits. Ich brauchte neue Inspiration, und die war in England nicht mehr zu finden." Ari Up lebt vorübergehend im Dschungel von Borneo und Belize. Später gründet sie in Jamaika eine Familie, bekommt drei Kinder und wird unter dem Namen "Medusa" als Tänzerin und Sängerin Teil der Dancehallszene; in den letzten Jahren pendelt sie zwischen New York und Jamaika. Künftig will die Sängerin künstlerisch wieder deutlich präsenter sein, sogar eine Slits-Reunion in neuer Besetzung samt neuem Album steht bevor. "Ich möchte immer touren und Platten aufnehmen", erklärt Ari Up, die ihr Solodebüt gemeinsam mit der Wiener Reggaeband Dubblestandart Ende August beim Sunsplash-Festival in Wiesen vorstellt. "Ich habe sowieso zu viel im Kopf, und das muss alles raus."

in FALTER 30/2005



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