Stories

Michael Kahr Quartet


Auf zu neuen Wurzeln! Das Jazzfest Wiesen bietet nach Jahren erstmals wieder ein Programm, das zu Recht den Namen Jazzfest trägt. Mit dabei: Pianist Michael Kahr. Nach Jahren völliger Abstinenz haben sich dieses Jahr mit Chico Freeman, Barbara Dennerlein, Rebekka Bakken, Steps Ahead, Les McCann und Gato Barbieri erfreulicherweise wieder Jazzmusiker zu einem, wie viele andere zum Popfestival mutierten, Jazzfest verirrt. Einer der interessantesten Programmpunkte ist dabei das Quartett um den aus der Obersteiermark gebürtigen Pianisten und Trompeter Michael Kahr. Aufgewachsen in Bruck an der Mur, zwischen Zeltfest und klassischem Konzertsaal, entdeckte Kahr seine Liebe zum Jazz erst als 17-Jähriger, als Stjepko Gut mit seinen Bebop-Phrasen in Bruck gastierte. Bei seinen zahlreichen Reisen, die ihn außer nach Australien noch nach Serbien, Frankreich, Spanien, Finnland, Ägypten, in die USA und in den Senegal führten, begriff er, dass Jazz auch eine universale Sprache ist, mittels derer sich Menschen unterschiedlichster Kulturkreise und Idiome verständigen und kennen lernen können. Der Liebe wegen ging er 2002 nach Australien. Die privaten Bande zerbrachen bald, die zu Sydney, dessen Conservatorium of Music ihm bald einen Lehrauftrag anbot, wurden immer fester. Die nächsten drei Jahre wird Kahr dort seinen Ph.D. machen und die Arrangements des amerikanischen Jazzkomponisten Clare Fischer analysieren. Fischer, dessen Arbeit auch Herbie Hancock und George Shearing beeinflusste, ist in seiner Musik ständig bestrebt, die Jazzharmonik aus ihrer formelhaften, zu Klischees führenden Denkweise zu führen. Er seinerseits beruft sich dabei auf die chromatische Harmonik von Stravinski und Schostakowitsch. Neuland zu erforschen, musikalische Tiefen auszuloten ist auch das Hauptanliegen in Kahrs kompositorischer und improvisatorischer Arbeit. Denn, so Kahr, was vor fünfzig Jahren noch als dissonant gegolten hat, wird heute von vielen als harmonisch empfunden, die Hörgewohnheiten ändern sich ständig. Deshalb schreibt er auch für die verschiedensten Ensembles in verschieden Stilen, um neue Klänge kennen zu lernen und sein Spektrum zu erweitern, ohne dabei seine Integrität zu verlieren. Dazu gehören Chorwerke genauso wie kammermusikalische Arbeiten für Streichquartett, in die er auch seine obersteirischen Wurzeln einarbeitet, freie Improvisation, Liedkomposition und natürlich das "Michael Kahr Quartet", bei dem er mit Ewald Oberleitener am Bass auch einen Gründervater und Erneuerer (mit den legendären Neighbours) des Jazz in Österreich als Mitstreiter gefunden hat. Mit dem ausdrucksstarken Klemens Pliem am Tenorsaxofon und dem furiosen DusÇan Novakov am Schlagzeug nahm das Quartett sein von der Kritik viel beachtetes erstes Album "Stories" auf. Mit dem Gig in Wiesen bietet sich nun erstmals die Gelegenheit, den komplexen, virtuosen aber leidenschaftlichen Modern Jazz einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Nachdem das Jazzfest Saalfelden aus finanziellen Gründen leider ausfallen muss, ist zu hoffen, dass das Jazzfest Wiesen wieder zu alter Form aufläuft und auch weiterhin etwas mutiger programmiert wird.

in FALTER 29/2005



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