music with words - rhythms for dancing

Lepenik


Maximum Herzblut

Der Grazer Komponist und Produzent Robert Lepenik hat zwei neue Alben veröffentlicht: eins für das Kino im Kopf, eins für Experimente des Herzens. Ein Gespräch.

Beim Namen Melville denkt man zuerst an "Moby Dick" und vielleicht noch an die Gangsterstreifen von Jean-Pierre Melville. Nur wenigen wird geläufig sein, dass sich hinter Melville auch ein Grazer Komponist und Musikproduzent mit einer Diskografie verbirgt, die schon aus rund dreißig Tonträgerproduktionen und -beiträgen besteht und sich zwischen den Fronten Soundtrack, experimentelle Musik und Heavy Industrial Rock bewegt.

Dieser heißt Robert Lepenik und hat gerade zwei neue Alben veröffentlicht. Eines unter dem Pseudonym Melville mit dem Titel "17 TV Themes" und ein zweites, das schlicht "Lepenik: music with words - rhythms for dancing" benannt ist. Während "17 TV Themes" an die großen Soundtracks der Sechzigerjahre erinnert, ist "music with words" privater, experimenteller, weniger durchsichtig und nebulöser. So täuscht schon der Titel, denn alle Worte, die man auf "music with words" zu hören bekommt, sind weniger menschliche Laute als digital generierte Ergebnisse von Text-to-Speech-Softwarekalkulationen, alle Rhythmen sind zerhackt, wild in ihrer Synkopierung und die Regel des Viervierteltakts verhöhnend. Also schon Sound zum Tanzen, aber nur für Leute, die gern stolpern und die Damenwahl verpasst haben.

"17 TV Themes" ist hingegen viel eindeutiger, weltoffener und zugänglicher, auch für Hörer, die weniger Geduld und Zeit für Neues haben. Eine Platte, die nicht so sehr das intime Treiben im Lepenik'schen Wohnzimmer hörbar zu machen versucht, wo an dumpfen Beats und schrägen tonalen Eskapaden gefuhrwerkt wird. Sondern eine verlockende Einladung fürs Kino im Kopf. Eine Einladung, die Lepenik auch einer ganzen Reihe anderer Musiker ausgestellt hat: So besteht das neue Melville-Album aus einer CD mit Originalversionen und einer Remake-CD, auf der eine Gilde an Musikern aus den unterschiedlichsten Szenen, von Doom Metal bis hin zum Bar-Blues, Lepeniks Originalversionen neu interpretiert. Mit dabei sind viele alte Bekannte aus Graz und auch von weiter her: Ex-Fetish-69-Schreihals Christian Fuchs, die Grazer Heavy-Jungs Reflector, Mego-Darling Dr. Nachtstrom, die tonto-Acts Michi Posch und Helmut Kaplan, der Mitbetreiber und -gründer des Wiener niesom-Labels Jürgen Hofbauer oder die Wahl-New-Yorker Theremin-Künstlerin Dorith Chrysler.

Falter: Lang hat es gedauert, bis Ihr neues Melville-Album erschienen ist, das Album war ja schon 2003 fertig. Warum die lange Wartezeit?

Robert: Es gab Verzögerungen, und die Plattenfirma und ich hatten unterschiedliche Erwartungen. Vielleicht bin ich auch ein wenig schwierig für Labels und Vertriebe, weil ich gewissen "Hat-man so zu machen"-Bedingungen der kommerziellen Maschinerie nicht entsprechen möchte. Ich bin in meinen eigenen künstlerischen Positionen nicht sehr tolerant und lasse da nur einige wenige Leute meines Vertrauens hineinreden. Im Falle von "17 TV-Themes" hat es halt etwas sehr lange gedauert, was schon eine gewisse Zermürbung nach sich gezogen hat. Der Jammer bei solchen Endlosverzögerungen ist, dass sie die Weiterentwicklung des Projektes bremsen und Künstler daran hindern, Material abzuschließen und auf ein fertiges Produkt weiter aufzubauen, manchmal sogar, bis man die Nase vollständig voll hat.

Die Musik auf "17 TV Themes" weist klare Referenzen zur Filmmusik auf. Welche Werke haben die Produktion dieses Albums inspiriert?

Melville bezieht sich hauptsächlich auf das europäische Kino, im Speziellen den Film Noir, das neorealistische Filmschaffen, aber auch den italienischen Horror/Trash/Splatter-Film sowie diverse Chanson-Sänger der Sechziger und Siebziger. Als zwanghafter Charakter möchte ich nicht unbedingt fünf Meisterwerke besonders herausstellen. Allerdings verweist ja zum Beispiel schon der Projektname auf den großartigen französischen Regisseur Jean-Pierre Melville.

Das Album ist ein Konzeptalbum in Form einer Doppel-CD. Welche Idee

steckt hinter der Remake-CD?

Auf keinen Fall sollte es das 10.000. Elektronik-Remix-Album werden! Übertragungen - zum Beispiel von einem Genre in ein anderes - haben mich schon immer interessiert, und ich habe schon bei sehr vielen unterschiedlichen Projekten damit experimentiert. Mich hat interessiert, welches Element Künstler unterschiedlichster Prägung aus meinen Stücken herausgreifen und was sie daraus machen. Schon klar, ein anderer sagt einfach "Remix" dazu und damit hat sich's - aber ich bilde mir ein, da noch eine andere Ebene darin zu sehen.

Die Künstlerinnen und Künstler auf der Remake-CD kommen aus den unterschiedlichsten Genres und Szenen. Nach welchen Kriterien wurden sie ausgewählt?

Alle Bearbeiter sind Leute aus meinem persönlichen Umfeld, denen ich vertraue, mit denen ich befreundet bin und die Geduld mit mir haben. Das war mir während des ganzen Arbeitsprozesses am Projekt wichtig, von den musikalischen Gästen bei der eigentlichen Melville-CD bis zum wunderschönen Cover-Artwork von Edda Strobl bis zum Zusammenstellen der Liveband, alles Leute, die ich kenne und mag und mit denen ich oft schon lange zusammenarbeite.

Im Gegensatz zu "17 TV Themes" handelt es sich bei dem neuen Soloalbum um abstrakte Avantgardeelektronik. Zwei unterschiedliche ästhetische Paradigmen in einer Person?

Ich fühle mich mit der Genreisierung "abstrakte Avantgardeelektronik" überhaupt nicht wohl. Mein musikalischer Kick war und ist immer das Experiment. Das ist bei meiner Genesungswerk-CD deutlicher hörbar, weil ich hier eben weniger genrebezogen arbeite, mich daher freier bewege und auch tiefer gehen kann. Melville ist eine Meditation über ein Musikphänomen, das eben so ist, wie es ist, und das ich auch genau so verehre. Meine Genesungswerk-CD hat viel mehr mit meiner Person zu tun und damit mit viel zitierter künstlerischer Selbsttherapie.

Die Verwendung Ihres bürgerlichen Namens für Ihre abstrakten Elektronika weist auf ein hohes Identifikationspotenzial mit dem Material, das Sie als Lepenik veröffentlichen. Ist das Lepenik-Album die Musik, in der das Herzblut Robert Lepeniks fließt?

Ja!

Wo steckt mehr Herzblut drinnen?

Ich werde mich hüten, meine Arbeiten diesbezüglich zu bewerten - schon meines eigenen Seelenheils wegen. Beides ist wichtig für mich. Die eine CD ist halt etwas flockiger, die andere persönlicher, wirklich im Sinne von "näher an meiner Person". Ich kann aber ohne Zögern garantieren, dass in beiden Produkten ein Maximum an Herzblut steckt!

Sie sind auch Kurator des Crew 8020 Filmclubs, der jeden Donnerstag im Veilchen (Keller des Forum Stadtpark) stattfindet. Was war die Idee für diese Filmreihe?

Eine Arbeit, die mir sehr viel Freude macht. Die Idee war in etwa eine Alternative zum gängigen Hollywood-Blockbuster-Kino und vielleicht ein Wieder-aufmerksam-Machen auf die zahlreichen Alternativperlen der Filmgeschichte. Das Ganze bei "Whisky und Zigarre in heimelig-gemütlicher Clubatmosphäre", wie es in einer sehr koketten Aussendung einmal geheißen hat.Ein intimes Werk mit Hang zur Schräglage. Songfragmente stoßen auf zerhackte Beats und außerirdische Taktschemata in ungewöhnlichem Frequenzgewand. Lepeniks private Soundtüfteleien und Klangarrangements, deren roter Faden das akustische Experiment ist, sagen ganz laut "Melancholie!". Gedichte von Leonhard Cohen stellen die lyrische Basis für drei Tracks dar.

Christoph Marek in FALTER 29/2005



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