Another Day on Earth

Brian Eno


Das singende Ohr Auf seiner neuen CD lässt Brian Eno erstmals seit 1977 seine Stimme vernehmen. Jetzt fehlt nur noch, dass er bei Roxy Music wieder aushilft. Der Mann kann aber auch wirklich stur sein. Seit Jahrzehnten lehnt der heute 57-jährige Brian Peter George St. John Le Baptist Eno jede noch so freundliche Anfrage von seinem einstigen kreativen Widerpart Bryan Ferry betreffs Wiedervereinigung der Originalbesetzung von Roxy Music höflich, aber entschieden ab. Derzeit befinden sich die Götter des bittersüßen Glamrock erstmals seit fast 25 Jahren sogar wieder im Studio, um neues Material aufzunehmen. Wer Bryan Ferrys Soloarbeiten aus dem dazwischenliegenden Vierteljahrhundert ein wenig mitverfolgt hat, weiß, dass der King of Cool bei aller Liebe in kreativen Dingen Impulse von außen schon länger gut gebrauchen könnte. Ferry selber ist sich dessen bewusst und kennt aus Erfahrung auch die Idealbesetzung für diesen Part bei Roxy Music. Immerhin hat das "Ohr" Eno die ersten beiden Platten der nach den Beatles einflussreichsten Band der Popgeschichte mit seiner Soundarbeit entscheidend mitgeprägt: die visionären Rockpastiches "Roxy Music" (1972) und "For Your Pleasure" (1973). Durch selbstlose Studioezzes für die neuen alten Roxy Music könnte der Glatzkopf mit leichtem Hang zur Esoterik nun auf einen Schlag mehr Pluspunkte für sein Karma sammeln, als sich durch die Produktion schnöder irischer Stadionrockbands ("Achtung Baby", U2) oder von Entspannungsmusik für gestresste Vielflieger ("Music For Airports") in mehreren Leben hamstern lassen. Wir wollen dem guten Mann jedoch nicht Unrecht tun. Brian Eno folgt in seinem musikalischen Schaffen - daneben hält er Vorträge darüber, erfindet Duftnoten und einige andere Dinge mehr - schlicht einigen Grundsätzen, deren wichtigster das Streben nach Innovation ist. Der in retrolastigen Zeiten gern rückwärts gewandte Blick ist Eno fremd, Wiederholung ist ihm ein Gräuel. Eine schöne Ausnahme hat sich der Engländer jetzt doch gestattet. Zum ersten Mal seit "Before and after Science" (1977) stellt er auf dem eben erschienenen Album "Another Day on Earth" wieder seine Stimme ins Zentrum einer Platte. Endlich, muss man sagen, denn Eno ist ein außergewöhnlicher Vokalist, dessen bestrickend einfacher, ein wenig an Robert Wyatt erinnernder Gesang tief ergriffen macht und dessen frühe Soloalben wie "Here Come the Warm Jets" (1973) sich nicht im Schatten von Roxy Music verstecken müssen. "Ich singe eigentlich die ganze Zeit", hat Eno jüngst in einem Interview verraten. "Meines Erachtens ist Singen der Schlüssel zum Glück." Und das sagt ein Mann, der in seiner Musik seit dreißig Jahren vor allem damit beschäftigt ist, die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeuger auszuloten. "Ich habe lange Zeit Instrumentalmusik gemacht", meint Eno dazu. "Aber je fortschrittlicher die Geräte wurden, desto uninteressanter wurde es für mich." So ist der alte Soundforscher, der nie müde wurde, einen quasi wissenschaftlichen Blick auf den kreativen Prozess zu propagieren, am Ende doch wieder im Pop - wenn auch an dessen Rändern - angelangt. "Another Day on Earth" funktioniert mit seinen erhebend schönen Gesangsmelodien zu am Ruhepuls orientierten Beats ganz wunderbar als Zusammenführung von Enos weniger akademischen, gefühlvolleren Ambient-Platten mit dem gesungenen Frühwerk der Siebzigerjahre. "Natürlich wiederholt man sich in Wahrheit ständig", hat der Musiker kürzlich auch gesagt. Bitte, Brian, mach's noch einmal!

in FALTER 26/2005



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