Bucovina Club II

DJ Shantel


Fett, aber nicht fettig Der deutsche DJ Shantel alias Stefan Hantel hat Balkan-Musik auf den Dancefloor geholt. Jetzt gastiert er mit seinem Bucovina-Club in Wien. Ein bisschen sieht Stefan Hantel so aus wie seine Musik. Der Produzent, DJ und Musiker aus Frankfurt am Main hat sich nach der Art mancher männlicher Balkanrepräsentanten eine mächtige dunkle Mähne wachsen lassen und trägt Vollbart. Ungepflegt ist aber definitiv anders: Die Barthaare sind adrett gestutzt, und auch das Haupthaar ist unter Kontrolle. Ähnlich klingen die Sounds auf "Bucovina Club II", der zweiten Balkan-CD des eloquenten DJ-Masterminds: Die wilde Blasmusik Südosteuropas wurde digital gezähmt und in eine clubtaugliche Façon gebracht: sehr tanzbar, aber eben auch in ihrem Anarchismus zurückgestutzt. Fett, aber nicht fettig. Nicht, dass der europaweit erfolgreiche DJ Shantel einfach so - oder gar aus rein kommerziellen Gründen - auf den groß in Mode geratenen Balkanexpress aufgesprungen wäre. Das Interesse an der Turboblasmusik hat in seinem Fall eine lange Geschichte, die weit in seine Familiengeschichte zurückreicht. "Meine Großeltern stammen aus Czernowitz und wurden nach 1945 aus der Bukowina vertrieben. Meine Mutter wurde in einem Flüchtlingslager bei Wels geboren." Die Familie ließ sich in Deutschland nieder. Ihre Feste, das Essen und die Musik schmeckten und klangen nach der alten Heimat, die längst untergegangen war. Für Stefan Hantel waren sie der "alltägliche Soundtrack der Kindheit". Bis er sich als DJ dieser familiären Wurzeln erinnerte, brauchte es allerdings einiges an zeitlicher Distanz. Erst vor wenigen Jahren fing er damit an, am Ende seiner DJ-Sets in den angesagtesten Clubs Europas die Blechblaspower des Balkans auszutesten. Ermutigt durch die positive Resonanz, lud er im Frühjahr 2002 zum Bucovina-Club ins schauspielfrankfurt. Da fanden sich dann Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien ebenso ein wie das angestammte Clubpublikum und schlugen sich zu Shantels eingängiger Mischung aus Elektropop und Balkansounds die Nächte um die Ohren. Mit der Veröffentlichung einer gleichnamigen CD, auf der Shantel einige der besten Balkanbands mit ihren besten Nummern versammelte, sollte das Bukowina-Kapitel eigentlich abgeschlossen werden, zumal sich auch die Kollegen der Musikindustrie von den ungewöhnlichen Klängen einigermaßen irritiert zeigten. Die Resonanz auf die Kompilation habe ihn dann allerdings einfach umgehauen, erzählt Shantel, der sich seitdem ganz seinem Bucovina-Projekt widmet, das er immer wieder als "virtuell" bezeichnet. "Denn das, was einmal die Bukowina war, also das multikulturelle Kronland im Südosten Europas, existiert längst nicht mehr. Das alte Czernowitz, das ist für immer verschwunden." Also arbeitet Shantel sowohl als DJ wie auch als Produzent und Musiker an allen möglichen Wiederbelebungen und innovativen Kreuzungen der Urgewalt des Balkanblechs mit den elektronischen Sounds der Gegenwart. Er hat sein eigenes Bucovina Club Orchestar gegründet, bei dem auch einige Musiker aus Österreich mitspielen und mit dem er gemeinsam live auftritt. Er fördert junge Bands der Region - etwa die ziemlich sensationelle Mahala Rai Banda, deren erste Platte er mitproduzierte - und hat mit "Bucovina Club II" selbst eine zweite CD aufgenommen. Die rohen Sounds des Balkans wurden darauf sehr viel stärker elektronisch verfremdet, und die mitunter selben Nummern klingen um einiges Dancefloor-gestreamter als noch auf der ersten Platte. "So etwas wie Reinheit hat es gerade in der Musik nie gegeben", rechtfertigt sich Shantel gegenüber den Authentizitätsbewahrern. Der Tanzbarkeit hat die digitale Nachbearbeitung jedenfalls ganz und gar nicht geschadet: Der Sound klingt fetter denn je. Aber eben nicht fettig.

in FALTER 24/2005



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