Sleepwalks in the Garden of the Dead Room

Currituck County


Songs von der Bettkante

Neues von der Wandergitarre: Kevin Barker alias Currituck County zupft für die Boheme von Brooklyn, der ehemalige Slackerkönig Stephen Malkmus findet auf seinem dritten Soloalbum zu neuer Disziplin.

Von allen Orten, die eine Band in London bespielen darf, ist das Lyric Theatre zu Hammersmith einer der gesittetsten. Nicht richtig steif, aber schon mit Samtbezügen auf den Sitzen, genau die richtige Umgebung für jene Zielgruppe der Mittdreißiger, die gern in respektvoller Stille zu den spröden, aber herzzerreißenden Klängen von Micah P. Hinson in ihr schamlos überteuertes, belgisches Kennerbier heulen. Doch ehe der hoffnungslos verkühlte Hauptact die heiseren Hymnen seines hochgelobten Albums "...and the Gospel of Progress" vorträgt, gilt es noch zwei Vorbands abzusitzen.

Die erste besteht aus zwei langhaarigen, bärtigen, jungen Männern. Beide sitzen - der hinter dem Schlagzeug heißt Otto Hauser, der mit der Gitarre am Knie ist Kevin Barker, "bekannt" auch unter dem Pseudonym Currituck County. Das stoisch rhythmische Zupfen seiner Finger, die ständig wechselnden Stimmungen und vor allem die improvisierten Anklänge an indische Skalen zwischen angelsächsischen Folkphrasen erinnern zwangsläufig an Vorväter der kultivierten Wandergitarre wie Bert Jansch, Davy Graham, John Renbourne oder John Fahey. Auf seinem Album "Ghost Man on First" widmete er dem 2001 verstorbenen Fahey gar ein eigenes "Requiem". Aber Barker, der in Brooklyn in einer Wohngemeinschaft zusammen mit Gary Olson - dem Bandleader der chronisch unterschätzten Ladybug Transistor - lebt, ist mehr als bloß ein penibler Schüler.

In seiner High-School-Zeit betrieb er ein Punklabel und vertiefte sich in norwegischen Black Metal, während ihn gleichzeitig sein Interesse für obskuren Folk-Rock zur akustischen Gitarre trieb. Das nicht ganz logische, aber umso erfreulichere Ergebnis dieser seltsamen Sozialisation sind lieblich verkorkste Popsongs direkt von der Bettkante, von seinem selbst in der Nischenrezeption völlig übersehenen fabelhaften Debüt "Unpacking My Library" bis zu seinem jüngsten Wurf "Sleepwalks in the Garden of the Dead Room".

In der Zwischenzeit haben sich in Barkers Nachbarschaft neue Verbindungen aufgetan, die der einsamen Mission von Currituck County Aufwind geben. Insbesondere seine Kollaboration mit dem erfolgreichen, exzentrischen Barden Devendra Banhart könnte ihm nützlich sein, auch wenn Barker selbst nichts davon wissen will: "Es kommt darauf an, was man vom Leben will. Ein Teil von mir will immer noch konventionellen Erfolg, aber ich reise mit wunderbaren Leuten um die Welt, ich kann Musik mit Andy (Cabic, von der höchst empfehlenswerten Band Vetiver, Anm d. Red.), Devendra und meinem Schlagzeuger Otto machen, und ich habe auch schon mit Antony & The Johnsons gespielt. Worüber soll ich mich beschweren?"

Ganz abgesehen von der zunehmenden Tendenz, dem Haarwuchs freien Lauf zu lassen, trägt jenes Netzwerk der Boheme aus Brooklyn natürlich ganz unverkennbar hippieske Züge. Diese Phase wiederum bleibt keiner Generation erspart, blicken wir etwa zurück ins ferne Land der frühen 1990er. In jenen sorglosen Zeiten fragte man sich ernsthaft, ob die Jugendkultur denn überhaupt noch irgendwas hätte, wogegen sie sich auflehnen könnte. Lief nach dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht ohnehin alles selbsttätig auf einen globalen friedlichen Konsens hinaus? Desillusionierte Kiffer-Apathie, gepaart mit der gelassenen Verweigerung des Karrieregebots, präsentierte sich als alternativer Lifestyle für die satte Jugend aus den besseren Suburbs Amerikas. Man nannte sie die "Slacker", und Pavement waren ihre erwählte Hausband. Zwischen genialen Melodiefunken und großen Popmomenten wandelten sie unbekümmert am Rande des tonalen Zusammenbruchs. Mit seinem bübisch-schlampigen Charme gab ihr Sänger und Leadgitarrist Stephen Malkmus einen idealen Posterboy für diese "Bewegung" her.

Als ich Slacker-Hymnen' schrieb, fühlte ich mich ziemlich entfremdet", sagt Malkmus heute. "Alles, was die Gesellschaft uns zu bieten hatte, war, uns dazu zu animieren, von Bar zu Bar zu ziehen und Mädchen in engen Jeans anzusehen. Da gibt es ein Paradigma der Konsumkultur, das bestimmte Aspekte unseres Erwachsenwerdens verzögern will. Das impulsive Baby mit erwachsenen Geschmäckern ist vermutlich das Ideal."

Stephen Malkmus ist solide geworden, ohne seine Vergangenheit zu verraten. Statt Pavement seinen fortgeschrittenen musikalischen Ambitionen unterzuordnen, begann er Anfang des Jahrtausends eine von einer ihm hörigen Band namens The Jicks begleitete, unauffällige Solokarriere. Kürzlich erschien mit "Face the Truth" das dritte, bei weitem ausgereifteste Album dieser neuen Inkarnation. Da trifft eine grundharmonische Countryballade wie "Freeze the Saints" auf den Electro-Groove von "Kindling for the Master" oder die von Malkmus' bevorstehender Vaterschaft inspirierten rührigen Kindheitserinnerungen in "Mama". Selbst der obligate ausgedehnte Gitarrenjam ist im Falle von "No More Shoes" äußerst strukturiert, ja geradezu diszipliniert ausgefallen. "Das Gleichgewicht zwischen bourgeoiser Rechtschaffenheit (Disziplin) und tierischem Instinkt (Zufall, Spontaneität, Herz) ist im Rock 'n' Roll immer eine heikle Angelegenheit", meint der zu spontanen intellektuellen Ausbrüchen neigende Malkmus. "Wir wollen immer aus unseren Köpfen in unsere Körper fliehen, aber in einer Band braucht es Kooperation, also sind wir auf Strukturen angewiesen. Diese Balance muss man finden oder sich einfach von ihr finden lassen."

Am Ende hat die durcharrangierte Klarheit von "Face the Truth", aber vor allem einen einfachen praktischen Grund: Malkmus' neu gefundene Häuslichkeit des Familiengründers manifestierte sich in seinem Entschluss, einen Großteil des Materials im Alleingang in seinem eigenen Heimstudio aufzunehmen. Dieses selbstreflexive Tüfteln äußert sich einerseits in geschickt eingestreuten Zitaten von Kiss bis Dr. Hook, die laut Malkmus "zum Verständnis der Musik nicht essenziell notwendig sind. Das ist mehr so wie der Unterschied zwischen der Beschäftigung mit Fußballstatistiken und der puren Freude am Spiel."

Andererseits scheint die viele Zeit, die er dabei mit sich selbst verbrachte, ihn auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Muse verleitet zu haben. In "Post-Paint Baby" versprüht er in der Manier des zornigen frühen Dylan zynisches Gift über den "Dollar-dummen Erschaffer moderner kleinerer Meisterwerke für das ungeübte Auge". Und wer ist das Ziel dieser bösartigen anonymen Attacke? Malkmus zögert nicht mit der Enthüllung: "Es ist der Autor selbst."

Robert Rotifer in FALTER 24/2005



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