Thalija

Thalija


Mahler mordet Morricone Das Konzept der Improvisationscombo Thalija ist nicht wahnsinnig neu. Aber geil. Das Schöne ist, dass ich einfach einmal einen Gig auslassen kann, wenn ich grade keine Lust habe oder wenn mir der Weg zu weit ist", sagt der eine Gitarrist. In der Tat macht es live wenig Unterschied, ob jetzt sieben oder acht junge Männer bei Thalija die Gitarren bedienen - immerhin gibt es noch drei Bassisten, zwei Drummer, einen Keyboarder und eine Vokalistin, die im Notfall Soundlöcher stopfen. Die Band, die eigentlich keine sein wollte, ist jetzt - nach demokratischem Mehrheitsvotum - zwar doch eine, aber es herrscht keine Anwesenheitspflicht. "Wenn wir auf die Bühne gehen, wissen wir nicht, was passieren wird. Wir stellen uns im Kreis auf und spielen einfach", erläutert der andere Gitarrist die einleuchtend simple Vorgangsweise der Band. Dieser Gestus der Improvisation, der Verzicht auf jegliches Songwriting hat handfeste Vorteile. Vor allem erspart man sich die aufreibende Arbeit im Proberaum, was angesichts der Tatsache, dass sich die Lebensmittelpunkte der Musikanten auf drei verschiedene Bundesländer verteilen (Wien, Kärnten, Steiermark), ohnehin ein unlösbares logistisches Problem wäre. Das Publikum wiederum kann davon ausgehen, bei jedem Thalija-Konzert garantiert neues Material vorgesetzt zu bekommen. Das kann auch gewaltig in die Hose gehen. "Natürlich gibt es Gigs, bei denen es mit dem Sound nicht so toll funktioniert; wir hören einander auf der Bühne nicht, werden unsicher und spielen dann schlecht. Aber das Risiko gehen wir ein", meint der eine Gitarrist. Das ist auch ganz in Ordnung so, denn oft sind die Resultate schlicht sensationell, wie unlängst am Kremser Donaufestival, als Thalija für eine Sternstunde in der Rockmusik des noch jungen 21. Jahrhunderts sorgten. Da pflügte sich die Band mit einer Inbrunst durch Major-7-Akkordfolgen, als ob - ich entschuldige mich vorab für das Namedropping - My Bloody Valentine und Curve sich zusammengetan hätten, um eine Mahler-Symphonie mit Ennio-Morricone-Licks anzureichern und das Ergebnis als Soundtrack für ein von Guillermo del Toro inszeniertes Remake von "Strange Days" zu verwenden. Aber trotz breit ausgewalzter Soundteppiche und der Freude an durch digitale Delays gejagten Feedbacks sind Thalija vom esoterischen Gesülze diverser hipper skandinavischer Bands so weit entfernt wie Eibiswald von Trondheim. Hauptverantwortlich dafür sind die fünf Herren von der Rhythmussektion, die dem Gedönze eine erdverbundene Uptempobasis verpassen. Ursprünglich wollte das im steirischen Grenzland gegründete Kollektiv, das sich entgegen hartnäckigen Gerüchten nicht ausschließlich aus in Wien ansässigen Kunststudenten zusammensetzt, bloß die lauteste Band der Welt werden. Diese zweifelhafte Ehre gebührt zwar nach wie vor dem Finanzbeamtentrio Killdozer, aber die Durchschnittslautstärke eines ordentlichen Thalija-Gigs bewegt sich im Regelfall doch deutlich oberhalb der Tinnitusschwelle - und Ohrenstöpsel sind was für Weicheier.

in FALTER 24/2005



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