Ruby Blue

Roísin Murphy


"Ich höre keine gute Musik" Mit dem Elektroniker Matthew Herbert hat Roísin Murphy ein erstaunliches Album zwischen Ursprünglichkeit und Futurismus aufgenommen. Im Gespräch erklärt die Moloko-Sängerin, warum sie vom aktuellen Pop so gelangweilt ist. Viel zu selten lassen Musiker in Interviews die langweilige Maske der Professionalität fallen. Da wird herumgedruckst, dass bisweilen der Eindruck entsteht, es säßen einem angehende Diplomaten gegenüber, keine freigeistigen Künstler. Und alles nur, um ja niemanden zu verschrecken: die immer zögerlicher zugreifende Tonträgerkäuferschaft; die Kollegen, mit denen man gemeinsam im sinkenden Dampfer der großen Musikindustrie sitzt; die Aktionäre der eigenen Plattenfirma. Roísin Murphy ist erfrischend anders. "Ich höre keine gute Musik mehr", sagt die irische Sängerin unverblümt, als im Falter-Gespräch die Frage auftaucht, ob sich ihr gewagtes Soloalbum "Ruby Blue" auch als Indiz dafür nehmen ließe, dass im Pop generell wieder mehr Spannendes passieren würde. Ganz im Gegenteil, findet Murphy: "Es ist alles so langweilig heute. Dance-Music halte ich nicht mehr aus, den ernsthaften Singer-Songwriter-Mist sowieso nicht, und diese vorgetäuschte New Wave momentan ist besonders schrecklich." Ein persönliches Foul im Nachtreten geht sich auch noch aus: "Ich bin sicher, Björk weiß, wo es heute gute Musik zu hören gibt, aber ich nicht." Ihre Fans mögen Roísin Murphy dafür, dass sie keinen Genierer kennt. Bei ihrer letzten Tournee als Teil des Duos Moloko trug sie auf der Bühne mit Vorliebe Dreimannzeltkostüme und tanzte wie eine wild gewordene Animateurin an ihrem freien Abend. Dennoch schaffte sie es zuletzt wie kaum eine andere Sängerin, mit ihrer Erscheinung wieder ein wenig Glamfaktor in den geschäftsmäßigen Popalltag der Gegenwart zu bringen. An der Seite ihres Moloko-Partners Mark Brydon, mit dem sie die längste Zeit auch privat ein Paar bildete, verwandelte sich Murphy in den letzten zehn Jahren von einer unscheinbaren TripHop-Vokalistin nach und nach in eine schillernde Sirene. Entsprechende kommerzielle Erwartungen ließen sich im Vorfeld an ihr erstes Soloalbum knüpfen, doch Roísin Murphy macht dem Business mit einer neuen Metamorphose einen Strich durch die Rechnung. Denn "Ruby Blue" ist anders. Anstatt den Hörer zu umarmen, wie es die Refrains der Moloko-Erfolge "Sing It Back" oder "Familiar Feelings" tun, weist die introspektive Intimität der neuen Lieder "Dear Diary" oder "Sinking Feeling" erst mal dezent ab, öffnet sich Murphys Solowerk nur langsam. "Ich bin nicht mit der Einstellung ins Studio gegangen, eine verrückte Platte zu machen, damit mich mein Label rausschmeißt und ich endlich frei bin", erklärt die Sängerin mit einem Seitenhieb auf Kollegen, die sich von ihrem Plattenvertrag kreativ beschränkt fühlen. "Ich wollte einfach interessante Musik machen, die man noch nicht gehört hat." Überhaupt entspreche sie trotz ihrer Erfolge nicht dem ehrgeizigen Frauentypus, der heute im Pop vorherrscht: "Ich will nicht Tommy Mottolas neue Frau werden", sagt sie in Anspielung auf den Plattenmogul, der einst die Soulschmeichlerin Mariah Carey ehelichte und zum Superstar machte. "Für mich steht die Musik an erster Stelle." Daran lässt Murphy mit dem stilistisch eigenwilligen Hybrid "Ruby Blue" keinen Zweifel. Die zwölf Stücke des Albums pendeln zwischen futuristisch anmutenden Beats und Bezügen zu tribalen Rootsrhythmen, zwischen elektronischen Sounds und Verneigungen vor Swing, Blues und Jazz. Sie sind das Produkt einer neuen musikalischen Partnerschaft der Sängerin mit dem außergewöhnlichen Produzenten Matthew Herbert. Dieser hatte bereits anhand einiger Remixes von Moloko-Stücken gezeigt, wie vorzüglich seine Beatcollagen mit Murphys Stimme harmonieren. "Als ich nach dem Ende der letzten Moloko-Tour depressiv herumlungerte, war es nur natürlich, es gemeinsam mit ihm zu versuchen." Die Aufnahmen verliefen so organisch, wie eine Platte nur entstehen kann. "Mein Label wusste nichts davon, die waren ganz überrascht, als ich ihnen die fertige Platte überreichte", sagt Murphy schmunzelnd. Das Duo konnte also ohne Druck von außen frei vor sich hin experimentieren. Herbert regte die Sängerin zu Beginn der Sessions an, ihr persönlich wichtige Gegenstände mit ins Studio zu bringen. Deren Klänge und Geräusche nahm er auf, verwendete die Samples als Ausgangsmaterial für die Stücke. Was nach verschrobener Wissenschaft klingt, ist in Wahrheit ein besonders spontaner Zugang zur Musik, bei dem die Studioelektronik eine persönliche Erdung erfährt. Roísin Murphy hat die Produktion von "Ruby Blue" jedenfalls gut getan. "Die Platte funktionierte für mich wie ein Kreislauf. Als ich am Anfang ins Studio kam, hatte ich immer dunkle Kleidung an und war so richtig unzufrieden mit mir selbst. Am Ende kam ich mit einer tollen Föhnfrisur und war glücklich und verliebt. Herbert durfte einer Verwandlung beiwohnen." Auf dem Cover ist die Sängerin dennoch in gebrochener Pose abgebildet. Das Porträt des Künstlers Simon Henwood zeigt sie mit zerfurchtem Gesicht im Glitzerfummel, ganz so, wie man sich die schlecht gealterte Lola aus Barry Manilows Disco-Hadern "Copacabana" vorstellt. Ein Hinweis darauf, dass Roísin Murphy nicht vorhat, ewig im Musikgeschäft zu bleiben? "Musik hat für mich auch mit den Lebensumständen zu tun", sagt sie. "Ich habe gerade ein Grundstück in Irland gekauft, ich werde dort ein Haus bauen, und ich möchte eine Familie haben. Ich weiß noch nicht, wie ich das mit Moloko oder anderen Dingen vereinbaren kann."

in FALTER 23/2005



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