Western Skies

Roddy Frame


Warum nicht Weißbrot?

In den Achtzigerjahren kultivierten sie die Arrangierkunst des Pop, heute reduzieren Roddy Frame (Ex-Aztec Camera) und Green Gartside alias Scritti Politti ihre Songs wieder ganz aufs Essenzielle.

Ein sonniger Abend in der Innenstadt von Cambridge, matschbraune Studenten in Rugbytrikots radeln durch die leeren Gassen, Professoren debattieren an der Ecke, die eine Hand in der Hosentasche, eine prall gefüllte Mappe in der anderen. Hin und wieder ziehen gepflegte Pärchen in den besten Jahren an ihnen vorbei und verschwinden nebenan in der Corn Exchange, einem eindrucksvollen viktorianischen Backsteinbau. Vor nicht allzu langer Zeit schwitzten dort die Teenager zum Sound der Arctic Monkeys. Heute Abend dagegen ist das Parkett bestuhlt, und die Platzkarten belegen den Ernst der Sache.

Im schwarzen Hemd kommt Roddy Frame hallenden Schritts auf die Bühne. Der einstige Pinup-Boy des "Sound of Young Scotland" schnappt sich eine seiner vier Gitarren und spielt einen euphorischen Popsong nach dem anderen mit einer nonchalanten, nüchternen Virtuosität, die seinen Zuhörern ehrfürchtiges Schweigen gebietet: ein paar Nummern aus dem erhabenen Soloalbum "Surf", ein paar mehr von seinem neuen, dem nahtlos daran anschließenden "Western Skies" und reichlich Klassiker aus den Glanzzeiten seiner alten Band Aztec Camera aus den 1980ern, von "Birth of the True" bis "Oblivious". Als er mit anschwellender Intensität das Riff von Dylans "It's Alright Ma (I'm Only Bleeding)" aus den Saiten drischt, stellt sich Frame breitbeinig über einen am Bühnenrand positionierten Scheinwerfer - es bleibt das einzige Showelement des Abends. Im Schlagschatten wandelt sich seine schmächtige Gestalt zur Silhouette eines überlebensgroßen Rock-'n'-Roll-Helden.

Mit dem lausbübischen Lächeln und dem jugendlich knackigen Hintern in seinen Levi's sieht Roddy Frame locker halb so alt aus wie sein Publikum. Das in der Ansage zum Song "Rock God" verpackte Geständnis seiner Jugendliebe zum Glam Rock verrät indes sein wahres Alter: 42. "Damals fühlte es sich so an, als kämen Typen wie Marc Bolan, David Bowie und Bryan Ferry auf einem Zug durch meine Heimatstadt gefahren", erzählt Frame nach dem Konzert in der Garderobe in rumpelndem Schottisch, während sich die nagellackversiegelten Finger seiner rechten Zupfhand um eine wärmende Tasse Tee krümmen. "Die Kids aus den Wohnblöcken in Glasgow trugen plötzlich komische Kleidung und redeten seltsames Zeug über Ufos. Es war so, als hätte mir jemand einen Staffelstab in die Hand gedrückt und gesagt: ,Jetzt bist du dran. Du musst nicht dieses graue Leben führen. Da draußen gibt es eine andere Welt.'"

Vor einem satten Vierteljahrhundert war Frame bereits das gefeierte Wunderkind des schottischen Postcard-Labels. Wie viel er sich damals vom um vier Jahre älteren Labelgründer Edwyn Collins abgeschaut hatte, sei ihm erst nach dessen beinahe tödlicher Gehirnblutung im Februar vergangenen Jahres bewusst geworden: "Er war ein großer Bruder für mich, und ich nahm viel von seinem Humor, seinem Sinn für Kleidung, seinem Hang zur Romantisierung und seiner Vorstellung vom Songschreiben an. Er ging uns allen voraus, und ich bin ihm ewig dankbar dafür."

Nichtsdestotrotz suchte Frame bald einen Ausweg aus dem niedlichen "Indie-Ghetto" und fand ihn in glitzernden Popproduktionen, deren klinische Ästhetik nicht ganz vorteilhaft gealtert ist. Trotz seiner mittlerweile vollzogenen Wendung zu minimalen akustischen Arrangements blickt Frame ohne Reue auf die Studioexzesse der Achtziger zurück: "Ich hab nie verstanden, warum eine akustische Gitarre authentischer sein soll als ein Synthesizer. Außerdem muss ich dazu sagen, dass ich damals neben Edwyn ebenso stark von Green Gartside beeinflusst und enorm eifersüchtig auf die Platten war, die er mit Scritti Politti machte. Das war der Grund, warum ich nach Amerika ging und ein Album wie ,Love' aufnahm." (...)

Robert Rotifer in FALTER 23/2005



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