Out of Myself

Benjamin Diamond


Wenn Buben weinen Der französische Discosänger Benjamin Diamond erfindet sich auf "Out of Myself" als sensibler Popsongschreiber neu. Fast jeder hat Benjamin Diamond schon einmal singen gehört. 1998 lieh der Sänger seinem Freund Thomas Bangalter von Daft Punk für dessen Stardust-Projekt seine Stimme. "Ein paar Zeilen, schnell eingesungen", erinnert sich der Franzose heute im Interview, "woher hätte ich damals wissen sollen, dass jenes Lied herauskommen würde, mit dem mich die Leute wohl auf ewig assoziieren werden?" Die Rede ist vom sommerlichen Discohit "Music Sounds Better with You". Dieses Stück hat in den vergangenen Jahren vielen Menschen gute Laune gebracht, nicht aber seinem Sänger: "Es bleibt ein toller Track, aber für mich wurde es irgendwann zur Belastung, nur darüber definiert zu werden, dieser Discotyp zu sein." Dass sein von elektrischem Funkpop geprägtes Debütalbum "Strange Attitude" (2000) ebenfalls in dieses Bild passte, wurmt den Sänger heute: "Ich weiß, dass auch diese Platte gut ist und von vielen Leuten geschätzt wird. Aber ich musste mich von alldem befreien und etwas ganz anderes machen." Ganz klar: In der ohnehin nicht unbedingt für seelische Robustheit bekannten Spezies Musiker zählt Benjamin Diamond zur Gruppe der Dünnhäuter. "Ich glaube, dass ich ziemlich sensibel bin", sagt der Franzose, als würde er sein Herz nicht ohnehin in seinen Liedern wie ein offenes Buch präsentieren. Diamond hat sich auf seinem neuen Album "Out of Myself" darauf verlegt, fast ausschließlich über seine wackligen Gemütszustände zu singen. Solche autobiografisch motivierte Songzyklen, noch dazu mit selbsttherapeutischen Absichten geschrieben, können für den Hörer mitunter sehr anstrengend sein. Was interessieren einen die Problemchen von dem Typen? Benjamin Diamond schafft es dennoch, mit seinen Liedern nicht zu nerven und dabei auch noch sehr charmant rüberzukommen. Neben seiner einnehmend sympathischen Stimme liegt das wohl an der Leichtfüßigkeit der Musik, die sich zwar von Disco verabschiedet hat, aber dennoch nichts mit typischem Songwriter-Geraunze zu tun hat. Diamond verpackt seine naiv getexteten Seelenstrips in wunderschön zwischen Melancholie und dezenter Euphorie pendelnde Popsongs, die das Erbe von Mod-Beat, Siebziger-Psychedelik und neuromantischem Achtziger-Mainstream mit nur mehr leicht elektronisch angehauchten Sounds verknüpft. "Ein Schlüssellied für die Platte ist ,Boys Don't Cry' von The Cure", enthüllt der Sänger ganz am Ende des Gesprächs überraschende Inspirationsquellen. "Man denkt erst: Klar, warum sollen Buben nicht weinen dürfen? Aber dass das Stück so gut funktioniert, liegt vor allem daran, dass es diesen Text mit einer für The Cure geradezu unheimlich fröhlichen Musik unterlegt." Und so hält es dann auch Benjamin Diamond mit seinen tränenreichen Liedern - und gewinnt. Ob er will oder nicht: Zumindest für sensible Ohren klingt die Musik immer noch besser mit ihm.

in FALTER 22/2005



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