We Are All Gold


Fang das Licht

Der in Berlin lebende Tiroler Florian Horwath war FM4-Moderator, DJ, Model und Elektropopper. Auf seinem späten Solodebüt betört er als sixtiesinfizierter Songwriter mit entwaffnend unzynischen Liedern für eine glücklichere Welt. Ein Wiener Gürtellokal an einem Samstagabend im April. Die Lautstärke ist noch erträglich, die Musik fernab des spätnächtlichen Zwangs zur guten Partylaune gehalten. Ein junger Mann kommt zum DJ und erkundigt sich merklich angetan nach den Interpreten des gerade laufenden Stücks. "Flotation Toy Warning", erfährt er, zückt sein Handy und tippt eine Notiz. Kurze Zeit später kommt er, ähnlich beseelt, noch einmal zurück. Ob das jetzt schon wieder Flotation Toy Warning sei, will er wissen. "Nein", sagt der DJ. "Ist aber auch schön: Florian Horwath!" Der junge Mann nickt, murmelt "ja, auch schön - Florian Horwath" und greift noch einmal zum Funktelefon. "Ein Traum", freut sich Horwath über diese Geschichte, sei er doch selbst gerührt von der ungewöhnlichen Londoner Band. Und seine Musik ziele ja durchaus auf etwas sehr Ähnliches ab wie jene von Flotation Toy Warning: zu berühren, Nähe herzustellen, Glücksmomente zu erzeugen. Genau das gelinge dem 32-jährigen in Berlin lebenden Tiroler wie schon lange niemandem mehr, schwärmt sein Labelboss Patrick Wagner. Er geht sogar so weit, die Wirkung von Horwaths Konzerten mit jenen der noch unbekannten Peaches zu vergleichen. Wie die kanadische Elektropunkperformerin schaffe es auch der österreichische Songwriter, ein seiner Musik gegenüber noch jungfräuliches Publikum durch ein Konzert wahlweise zu verschrecken oder völlig in den Bann zu ziehen. Wagner sollte wissen, wovon er spricht, hatte er doch die auf der Durchreise befindliche Peaches einst nach einem Berlinkonzert von der Bühne weg für sein damaliges Label Kitty-Yo engagiert. Naked Lunch teilen Wagners Euphorie. "Dieser Typ ist kein Musiker", bemerkte die Klagenfurter Rockband kürzlich, nachdem Horwath sie als Toursupport begleitet hatte. "Das ist ein Religionsstifter." Horwath selbst lacht über diese Einschätzung; ein bisschen verschämt, aber durchaus auch erfreut. "Es gibt tatsächlich ein gewisses Sendungsbewusstsein: Meine Platte soll dazu beitragen, den Glauben an sich selbst zu finden. Extrem ausgedrückt will ich vermitteln, dass das Göttliche in jedem von uns schlummert." Horwath, der das Wort "Hippie" dezidiert nicht als Beleidigung empfindet, hat dabei freilich keine neoliberale Ich-AG im Sinn, ganz im Gegenteil. "Es wäre schön, wenn jeder dieses Geile in sich aufweckt und wir uns dann die Hände reichen und gemeinsam Yeah!' schreien." An dieser Stelle lacht Horwath wieder. Ein bisschen tut er das über sich selbst; vor allem aber lacht er, weil er das schon so meint und sich einfach über diese Vorstellung freut. Als unverbesserlichen Träumer oder gar als esoterisch angehauchten Spinner sollte man ihn deshalb nicht gleich abtun. Dieser leicht von Melancholie umwölkte Sunnyboy ist einfach reinen Herzens, und genau dieses Herz trägt er ganz unzynisch auf der Zunge. "Zynismus ist nur eine Maske, die man sich überzieht, um dann cool, stark oder laut sein zu können", sagt Horwath, der selbst durch eine gerade innerhalb der sogenannten alternativen Musikszene ungewöhnliche Herzlichkeit und Offenheit auffällt. "Mich interessiert das weder als Zuhörer noch als Musiker." Sehr wohl interessiere ihn dagegen jemand wie Bruce Springsteen. "So dröge man ihn vielleicht manchmal finden kann, aber Bruce Springsteen ist einfach ein sehr beeindruckender Typ, der in allem, was er macht, er selbst ist. Auch darin, dass es manchmal ziemlich einfach gehalten ist, aber ich liebe das. Einfachheit ... Kompliziertes ist mir meistens zu kompliziert." Sein Anfang Mai erscheinendes Debüt "We Are All Gold" sei ein Versuch, mit sich selbst ins Reine zu kommen, sagt Horwath, dessen Biografie ihn auf den ersten Blick durchaus als ambivalenten Typen ausweist. Nach dem Abschluss eines Jusstudiums landete er Mitte der Neunziger nicht etwa in einer Anwaltskanzlei, sondern als Moderator bei FM4. Dazu kam bald sein nächtliches Alter Ego DJ Tschamba Fii, das Horwath zu einem der spannendsten und zuverlässigsten Partybeschaller Wiens machte. Im Flex betrieb er den Elektropopclub "Softmachine", um als Sänger des Duos Grom ("Sadness Sells") irgendwann auch aktiv in diesem Genre mitzumischen. Nebenbei verkaufte er seinen Körper als Model an die Werbeindustrie, schrieb fürs lifestyleorientierte Jugendkulturblatt IQ style und hatte doch keine Probleme damit, gleichzeitig auch mal in Omas Strickjäckchen herumzulaufen. "Wie das alles zusammenpasst, weiß ich auch nicht", sagt er; als einen Zerrissenen sieht er sich deshalb aber nicht. Wodurch er denn jetzt, jenseits der Dreißig, plötzlich zu seiner musikalischen Sprache gefunden habe? "Mysteriöserweise war es umgekehrt: Die musikalische Sprache hat mich gefunden. Gerade so, als sei eine Lichtquelle aufgestellt worden, zu der die Fliegen hinfliegen - dieser Ort ist die Platte." Formale Vorgaben gab es keine, Horwath hat seine Songfliegen zuerst einmal in spontan hingeworfenen Demoversionen eingefangen; die eigentlichen Aufnahmen erfolgten anschließend bei Freunden in Schweden. Völlig analog innerhalb weniger Tage in einer Scheune eingespielt und gemischt, leben auch die fertigen Aufnahmen von einer unglaublichen Spontaneität, die trotzdem nie das Gefühl des Unfertigen erzeugt. "Jedes Lied sollte hingehen können, wo es hin will, und durch die beteiligten Musiker dabei unterstützt, aber in keine bestimmte Richtung gedrängt werden. Es ging eher darum, gemeinsam dahinzugaloppieren. Und manchmal auch zu traben - oder zu grasen." Der von risikofreudiger Brüchigkeit geprägte Gesang ist das eine markante Element des Albums, die in sich stimmige stilistische Vielfalt der schlicht, aber liebevoll arrangierten und durch eine unwiderstehliche Unmittelbarkeit geprägten Stücke das andere. Die Texte reflektieren dabei - typisch Songwriter - in erster Linie Horwaths eigenes Leben. Dabei ist es kein großer Widerspruch, dass die erste Single "When the Light Came Around" davon handelt, wie Cat Stevens 1974 beim Schwimmen in Malibu von einer Unterwasserströmung ins offene Meer hinausgezogen und durch eine wie aus dem Nichts kommende, womöglich von Allah persönlich entsandte Welle kurz vor dem Ertrinken an Land zurückgespült, dadurch "erleuchtet" und so von einem Tag auf den anderen zu Yusuf Islam wurde. "Ich bewundere die Konsequenz seines Weges", erklärt Horwath. "Dass er sagt: Okay, irgendwas stimmt nicht in mir, das schaue ich mir jetzt genauer an und mache dann auch etwas völlig anderes. Ich kenne ihn nicht persönlich und weiß nicht, was an den Fundamentalismus-Vorwürfen dran ist, aber ich glaube wirklich, dass mit dem einfach alles passt."

in FALTER 17/2005



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