Arular

M.I.A.


Apocalypso now! Der gute HipHop, es gibt ihn noch: Die UK-Rapperin M.I.A. bringt auf ihrem Debütalbum den Widerstand zum Tanzen, der US-Finstermann Saul Williams demonstriert beim Donaufestival, wie fruchtbar Paranoia wirken kann. Die unerträgliche Seichtigkeit des HipHop ist inzwischen so weit gediehen, dass schon fast vom Austrocknen einer Kunstform die Rede sein muss. Es stört am Geschehen dabei nicht einmal so sehr, dass Rapper alles daran setzen, um jeden Preis Millionäre zu werden, denn das war schon immer so. Ärgerlich ist jedoch, dass Reichtum als scheinbar glücklicherer Lebensumstand oft nicht mehr mittels künstlerischer Fertigkeiten erreicht werden soll. Die sprichwörtlichen musikalischen skills sind längst zur Nebensache, zu einer lästigen Begleiterscheinung der Entfaltung vieler Exponenten als Schauspieler und Modeschöpfer verkommen. Wenn einem heute zum Beispiel 50 Cent in der Schnellbahnstation von einem Plakat Gloria Gaynors tiefsinnige Disco-Weisheit "I am what I am" entgegenblafft, dann tut er das nicht als Rapper, der seinen Zenit bereits überschritten hat - nein, er spricht in seiner Eigenschaft als Sportschuhverkäufer. Die anhaltende Krise des HipHop bringt aber glücklicherweise auch Gegenbewegungen hervor. Während sich US-Stars zuletzt auf das Abwickeln von Geschäften und die Einrichtung ihrer Eigenheime konzentrierten, wuchs im lange Zeit als HipHop-Entwicklungsland belächelten England eine sehr vitale Underground-Szene heran, die mit aufregenden neuen Beats frischen Wind entfacht. Grime nennt man die schnelle, raue, futuristisch anmutende HipHop-Variante aus Londoner Clubs, die zwar nicht erst seit gestern existiert, die aber, nach ersten Erfolgen eines Dizzee Rascal, Wiley oder Kano, in diesem Sommer wohl endgültig den Sprung in den Mainstream schaffen dürfte. Der Grund dafür heißt M.I.A., eine junge Musikerin, die momentan vom Elektronikfachblatt bis zum Rockmagazin allerorts hofiert wird. Aus gutem Grund, denn die Rapperin mit dem bürgerlichen Namen Maya Arulpragasam vereint auf sich alles, was nicht nur HipHop, sondern Popmusik ganz allgemein aufregend macht. Ihr Debütalbum "Arular" ist ein funkelndes Kaleidoskop aus schwungvollen Rhythmen, tiefen Bässen und Calypso-Anklängen, aber auch aus Feminismus, politischen Bezügen und Kunstreferenzen. M.I.A. bringt in ihrer Musik scheinbar spielerisch große Lebensfreude mit aufgeweckter Kritik zusammen und weiß in ihre unwiderstehlichen Aufforderungen zum Tanz auch eine gute Portion Widerständigkeit zu verpacken. Besonders schön am Hype um M.I.A. ist, dass das momentan heißeste Ding einmal nicht in Gestalt von vier männlichen Weißbroten auftritt, die sich an der Musik vergangener Dekaden abarbeiten. Auf "Arular" wächst Grime-HipHop mit so unterschiedlichen Stilen wie Dancehall, Electro und Weltmusik zu etwas tatsächlich Neuem zusammen. Inhaltlich wiederum sind die Stücke des Einwandererkinds durch Erinnerungen an die elterliche Heimat Sri Lanka geerdet, wo ihr Vater für die tamilische Minderheit kämpfte. Das Kürzel der Künstlerin steht für "Missing In Action" - im Kampf verschollen -, denn ihr Vater wurde zwar nicht getötet, verließ während seiner Soldatenzeit aber die Familie. M.I.A. bedeutet zweitens aber auch "Missing In Acton", verschollen in Acton, jenem Londoner Stadtteil, in dem die Musikerin eine Zeit lang eher einsam lebte. Erst ein Fotografinnenjob für die Britpop-Band Elastica brachte Verbindungen in die Szene und die Bekanntschaft mit der Elektropunk-Feministin Peaches, die M.I.A. die Grundfunktionen eines billigen Drumcomputers erklärte und damit ihre musikalische Laufbahn ins Rollen brachte. Dass "Arular" erst deren Anfang ist und die 28-Jährige trotz größtem öffentlichen Interesse an ihrer Person wohl den Kopf behalten dürfte, zeigt schon eine sympathische Ansage: Sie wolle dem kollaborationswilligen Macho-Rapper Jay-Z reimtechnisch die Stirn bieten und nicht als schmückendes Hot-Pants-Mädel dienen. In den inneren Kreis des US-amerikanischen Spoken-Word-Künstlers und Politaktivisten Saul Williams werden dagegen nur sorgsam ausgesuchte Kollegen aufgenommen. Auf dem neuen Album des düsteren Rap-Propheten finden sich mit Serj Tankian von den multiethnischen Extrem-Metallern System Of A Down und dem noch von Rage Against The Machine bekannten Zack de la Rocha ausschließlich solche Musiker als Gäste, die wie der verantwortlich zeichnende Gastgeber nicht erst seit dem Krieg der USA gegen den Irak die Apokalypse drohend nahe sehen. Wo M.I.A. die Verhältnisse zum Tanzen bringt, prangert der von der Slam Poetry geprägte Saul Williams sie wortreich an. Vier Jahre nach dem fulminanten "Amethyst Rock Star" hat sich bei dem Rebellen aus gutem Grund eine Menge angesammelt, das unbedingt gesagt werden muss. Die Kernforderung hält er dennoch erfreulich schlicht: Sowohl die herrschende HipHop- als auch die Weltordnung als solche müssen umgeworfen werden. Abgesehen von ihrer schieren Radikalität überzeugen Williams' Aussagen besonders durch eine für Rap-Verhältnisse ungewohnte Klarheit. Hier ist zwar einer schwer paranoid, aber nicht weil er zu viel kifft - das wohl auch -, sondern weil er nachgedacht, Zusammenhänge hergestellt und etwas verstanden hat. Aber das lässt man sich am besten von dem guten Mann selbst erklären. Besonders live sind seine Predigten ein echtes Erlebnis.

in FALTER 17/2005



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