The Bravery

The Bravery


"Dein Hut stinkt!"

Zwei Gitarrenbands erobern die Welt mit zwei grundverschiedenen Varianten schamloser Popmusik: The Bravery aus New York und The Kaiser Chiefs aus Leeds. Auf der Bühne eines ausverkauften Nordlondoner Clubs suhlt sich die New Yorker Band The Bravery gerade im Triumph ihres bisher größten britischen Konzerts. Sänger Sam Endicott spielt mit dem ganzen Repertoire seiner vor dem Spiegel eingelernten Gesten, wälzt sich auf der Bühne, rappelt sich wieder auf, stellt einen Stiefel auf die Monitorboxen und dehnt dabei die engen Jeans bis zur Grenze der Materialerschöpfung. Sein blasiertes Augenrollen erinnert an Morrissey, die Stimme an Bono, Robert Smith, Midge Ure oder ländliche Mittagssirenen. Gitarrist Michael Zakarin (der Pilzkopf) hält seine angewinkelten Knie parallel wie ein Skilehrer, Bassist Mike H (die Schlurf-Tolle) bevorzugt dagegen einen breitbeinigen, barbrüstigen Stil. Indessen wühlt Keyboarder John Conway (die Brille symbolisiert Intellekt) mit ungerührter Miene in der elektronischen Trickkiste der Achtzigerjahre, und Drummer Anthony Burulcich vereint - ganz im Stil des alten Blondie-Schlagzeugers Clem Burke - die scheinbaren Gegenpole von Disco und Punk zu vehement zischelnden Beats. An dem oft gehörten Vorwurf, The Bravery seien eine verkappte Boyband, ist was dran: Jeder von ihnen verkörpert eine Klischeefigur aus dem Rockstar-Bilderbuch. Wenn nur bloß alle Boybands auch so spielen könnten. Tags darauf steht der mit seiner kunstvoll zerrupften Stirnlocke und der engen schwarzen Uniformjacke selbst wie ein Bandmitglied aussehende Manager von The Bravery in einer Bar in Camden Town und schwelgt aufgeregt in Tratschgeschichten der vergangenen Nacht: "Hast du gesehen, Kate Moss war da!" Mike H, der sein nachts zuvor beim allzu ausgelassenen Hantieren mit der Bassgitarre selbst eingebläutes Auge unter dicker Schminke versteckt, packt seinen schnatternden Manager am Kragen und zerrt ihn an einen mit Tequila-Shots beladenen Tisch. "Er nimmt zwanzig Prozent von allem, was wir verdienen", erklärt Bandleader Sam Endicott aus der sicheren Distanz des Nebentischs, "also muss er auch zwanzig Prozent von unserem Tequila trinken. Das steht im Vertrag." Endicott selbst, der Mann mit dem Plan, bleibt freilich nüchtern. Der Londoner Auftritt soll bloß die erste Phase in der Laufbahn seiner Band sein, für die es in ihrer Heimatstadt nur wenig zu holen gab: "Wenn es in New York eine Szene geben sollte, dann gehören wir nicht dazu", gesteht er. "Wir kennen all diese Bands nicht, haben nie mit ihnen zusammengespielt. Vielleicht sind wir ihnen nicht cool genug, das kann schon sein." Endicott ist sich wohl bewusst, dass die Verfechter der Rock-Orthodoxie seiner Band ihren schamlosen Pop-Appeal sehr übel nehmen: "Nichts kommt aus einem Vakuum", kontert der Sänger unter Verweis auf die weit über Europa, Nord- und Südamerika verstreuten ethnischen Wurzeln seiner Kollegen. "Beim Rock 'n' Roll geht es nicht um Purismus, sondern darum, so viel verschiedene Einflüsse wie möglich aufzusaugen." Die suburbane, amerikanische Jugend sei vor allem mit HipHop groß geworden. Dagegen gäbe es zwar grundsätzlich nichts zu sagen, aber "wir wollen, dass die Leute Rock 'n' Roll wieder lieben lernen. Wir wollen unseren Teil dafür tun, dass in zehn Jahren wieder dauerhafte Rockbands an der Spitze der Charts stehen", formuliert Endicott seine Linie im wieder einmal neu aufgeflammten Ideologiekampf zwischen Rock-Authentikern und Pop-Poseuren. Dabei können Rock und Pop in Sachen Authentizität mitunter auch die Vorzeichen wechseln, wie das Beispiel der Kaiser Chiefs aus Leeds besonders schön illustriert. Vor zwei Jahren, als Bands wie The Hives aus Schweden oder Jet aus Australien mit pseudoauthentischem Neo-Garagen-Rock die britische Szene dominierten, rockten fünf junge Herren aus Leeds unter dem bedeutungslosen Namen Parva pseudoauthentisch um Anerkennung. Als ihr mit viel Müh und Ehrgeiz an Land gezogener Plattendeal in letzter Sekunde platzte, gingen Parva tief in sich und besannen sich ihrer Wurzeln in der musikalischen Folklore des Heimatlands: In den mittleren Neunzigern hatten sie ihre Teenagerjahre zu den Britpopklängen von Blur, Supergrass und den Super Furry Animals verbracht, die sich ihrerseits auf die von Bands wie XTC und Madness in den Achtzigern weitergereichte Tradition großer britischer Sixties-Bands bezogen. Nichts ging der vom Garagen-Rock desillusionierten jungen Band leichter von der Hand, als sich in diese historische Tradition einzuklinken. Ein neuerliches Britpop-Revival klingt zwar mäßig aufregend, aber bei einem englischen Sandwich geht es damals wie heute schließlich nicht ums Brot, sondern um die saftige Einlage. Und die Kaiser Chiefs (den neuen Namen hatten sie sich in der Zwischenzeit von einem südafrikanischen Fußballteam geborgt) wussten ihr wiederentdecktes angestammtes Format mit allerhand anregenden Geschichten über den nordenglischen Alltag zu füllen - von besoffenen Schlägereien auf der Straße ("I Predict a Riot") über Exfreundinnen ("Everyday I Love You Less and Less") bis zu den beschissenen Jobs, mit denen sie sich ihr Dasein als Band finanzierten ("Oh My God"). "Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir letzten Sommer einen ausverkauften Gig in Leeds spielten, eines unserer besten Konzerte überhaupt", erzählt der lockenhäuptige Bassist Simon Rix. "Und sechs Stunden später stand ich in einer Toilette und wusch jemandes anderen Kotze auf. Das war schon ein ziemlicher Dämpfer." Nachdem ihre Spielart populärer Musik gerade nicht den authentisch rockenden Stilvorschriften entsprach, fanden die Kaiser Chiefs keinen leichten Zugang zu den Scheckbüchern der Plattenindustrie, aber der Erfolg einer im Schlafzimmer von Schlagzeuger Nick Hodgson aufgenommenen ersten Single sowie ein paar Engagements als Vorband von Franz Ferdinand zeitigten den erwünschten Effekt. Dass die Kaiser Chiefs ihr erfrischendes Debütalbum "Employment" mit Ex-Blur- und Smiths-Produzent Stephen Street aufnahmen, der sich um diesen Job auch noch selbst beworben hatte, blieb nicht der letzte feuchte Traum, der da in Erfüllung gehen sollte. Am Tag vor unserem Treffen hatten die Kaiser Chiefs auf Einladung von Who-Sänger Roger Daltrey gemeinsam mit ihren Freunden Franz Ferdinand und ihrem Jugendidol, dem Ex-Blur-Gitarristen Graham Coxon, ein Wohltätigkeitskonzert für den Teenage Cancer Trust in der Royal Albert Hall gespielt. Besser wird das Leben kaum. Gitarrist Andrew White und Sänger Ricky Wilson hatten für diesen öffentlichen Startreff ihre feinsten neuen Anzüge angelegt. "Das ist die Ironie daran", erklärt Keyboarder Nick "Peanut" Baines, der seinen speckigen grauen Porkpie-Hat nie ablegt: "Zuerst kannst du dir nicht einmal ein paar Schuhe leisten, und dann, wenn du Erfolg hast, werfen sie dir Gratisanzüge nach. Die hätten wir vor zwei Jahren gut gebrauchen können." "Was du dringend brauchst", entgegnet sein Kollege Rix, "ist ein neuer Hut. Deiner stinkt schon."

in FALTER 15/2005



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