The Principle of Superposition

The Famous Band Lasch


Wir sind Lasch Die mageren Jahre sind vorbei. Mit ihrem neuen Album spielt sich "The Famous Band Lasch" aus Graz im bekannten Quantenraum weit nach vorne. Wenn die Heisenberg'sche Unschärferelation gilt, wenn man also nie zugleich sagen kann, wo ein Teilchen - oder in unserem Fall eine Band - sich gerade befindet und wohin es strebt, dann ist es kein Wunder, dass auch die Verortung der berühmten Band Lasch in die unterschiedlichsten Richtungen geht. Jeder hört etwas anderes: die einen flotte Rhythmen, die anderen Slow Fox. Die einen Ambient-Elektronik von gestern, die anderen Barbarella-Soundtracks für das nächste Jahrtausend. Und der Jugendfunk hört tollen Pop - das totale Durcheinander! Als Diskurs geschulte Selbsthilfegruppe in Sachen aktueller Musikproduktion, als die Lasch vor rund sechs Jahren von Gernot Eichmann, Stephan Taul, Max Tertinegg und Valentin Ruhry an der Peripherie von Graz begründet wurde, hat die Band jetzt einmal selbst Position bezogen. "The Principle of Superposition" ist das erste Lasch-Album betitelt, das in der einfachen Sprache der Quantenphysik zum Ausdruck bringt, was im Inneren eines durchschnittlichen Heranwachsenden in seinen Zwanzigern vorgeht: wellenweise Überlagerungen, Verschränkungen, Nichtlokalitäten, Unruheffekte, schwache Wechselwirkungen bis hin zum Betazerfall und Strangeness ohne Ende. Jedenfalls alle Zustände auf einmal. Mehr ist mehr. Diese Superpositionseffekte lassen sich durchaus positiv nutzen. "Wir sind musikalisch ganz weit voneinander entfernt", gibt Valentin Ruhry zu, sieht diese stilistische Vielfalt in der Band aber zugleich als Chance. Obwohl jedes Mal beinhart zu verhandeln sei, "ob man das Publikum zum Tanzen bringen soll oder total allergisch reagiert, wenn jemand mit dem Popsch wackelt". Schön andererseits, wenn man das so gut kontrollieren kann wie Lasch. "Wir sind zur selben Zeit an zwei Orten." Max Tertinegg hat diesen Satz an der Wirklichkeit geschliffen. Die Verdoppelung lässt sich auch auf die typischen Produktionsprozesse eines Lasch-Stücks zurückführen. Am Anfang ist der Eigenzustand - in einem der Bandmitglieder denkt es. Meist im Rahmen eines der unzähligen, frei um den Bandkern flottierenden und lustig benannten Soloprojekte wie John Tokyo, max Min, Shannon Kimono, fiago oder Voxsta. Zur Verstärkung sind zuletzt übrigens noch der deutsche Thermodynamiker und Multiinstrumentalist Andreas Pirchner (aka wintermute) und die aus den Niederlanden stammende Sängerin Marie-Claire Trentelman zu Lasch gestoßen. Wird ein Stück schließlich für Lasch-tauglich befunden, dann wird es in den gemeinsamen Topf geworfen und im Proberaum kollektiv neu erfunden. Den Proberaum, der in die gemeinschaftliche Wohnsituation der Band - bis letztes Jahr im legendären Raaba-Haus an den Rändern der Stadt, jetzt in einem eigenen Hausteil zentral am Lendkai - integriert ist, darf man sich dabei eher als Diskussionsforum denn als Jam-Keller vorstellen. Die Band sagt zu diesem Prozess: "Lasch covert sich selbst." Oder: "Ein Stück wird verlascht." Was in der Regel auch bedeutet, dass die Band ab diesem Zeitpunkt alles daran setzt, möglichst alle zunächst elektronisch generierten Parts des Stücks analog einzuspielen. Das gilt auch für die seltenen Liveauftritte von Lasch, die mit bis zu zwei Schlagzeugen, mit Trompeten und dazu natürlich allem, was Elektronikshops so auf Lager haben, bestritten werden. Manchmal allerdings verlascht sich die Welt so sehr, dass sie beinahe zum Stillstand kommt. Von der fertigen Produktion bis zur Präsentation des Albums diese Woche sind immerhin 15 Monate vergangen. Das hat auch Gründe: die mühsame Suche nach einem Vertrieb etwa. Letztlich hat sich das Grazer Stammlabel kim mit Etage Noir aus Linz zusammengetan, um bei Soul Seduction unterzukommen. Andererseits waren zu der Zeit auch die Prioritäten einiger Bandmitglieder vorübergehend schlicht andere. Und dann wiederum ist dieser Zustand Lasch vielleicht auch eingeschrieben: "wie die scheibenwischer eines autos / hin und her / so vergeht die zeit / niemals ging etwas richtig weiter / trotzdem kamen wir so weit", heißt es in "Doppelspiel", einer der ersten Lasch-Nummern überhaupt, die mit ihren zwischen Soundtrack und Song schwebenden Flächen auch musikalisch einen Zustand der Zeitlosigkeit markiert. Und dabei trotzdem das Gefühl einer Zeit sehr aktuell auf den Punkt bringt. "Das Innenleben nach außen kehren", nennt das Max Tertinegg. Und dann wieder gibt es Zeiten, wo sich die Band richtige Veränderung wünscht, "wenn man gesehen hat, dass eh alles läuft und trotzdem nichts passiert", sagt Valentin Ruhry. Wenn man merkt, dass man regelmäßig im Radio gespielt und es nur einen kleinen Schubs braucht. Da wünscht man sich, in diesen ganz normalen Lebenszyklus einer Band zu finden. Mit Platte, Tour und wieder Platte. Und Erfolg. Es war einer dieser Zeitpunkte, als die Band beschloss, sich fortan "The Famous Band Lasch" zu nennen. Doch, schon ironisch. Aber auch ein bisschen Diva. Kleines Doppelspiel im Quantenraum.

in FALTER 14/2005



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