Von hier an blind

Wir sind Helden


"Rockstar, oder was?" Mit sympathischer Offenherzigkeit, sanftem Protest und eingängigen Melodien wurden Wir sind Helden zum größten deutschen Poperfolg der letzten Jahre. Vor der Wiener Livepremiere ihres neuen Albums sprechen Judith Holofernes und Pola Roy über deutsche Popidentität, Elvis Costello und bedingungslose Liebe. Ende 2002 waren Wir sind Helden ein völlig unbekanntes Berliner Quartett, dessen selbstproduzierte und im Eigenverlag veröffentlichte erste Mini-CD "Guten Tag" mit ihren charmanten Neue-Deutsche-Welle-Neudeutungen gerade einmal bei einigen alternativen Radiostationen für Aufregung sorgte. Ein Jahr später konnten sich nahezu alle auf die Band einigen, bei der "Protest" eher mit Mülltrennung als mit Kapitalismuskritik zu tun hat und die auch musikalisch das Eingängige eindeutig dem Sperrigen vorzieht. "Die Reklamation", das im Sommer 2003 veröffentlichte Albumdebüt von Judith Holofernes, Pola Roy, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette, hat sich bis heute mehr als eine halbe Million Mal verkauft. Und ohne sich anzubiedern, richtet sich der Anfang April veröffentlichte Nachfolger "Von hier an blind" trotz diverser Modifikationen im Detail neuerlich recht sicher zwischen Eigensinn und Massengeschmack ein. Falter: Erinnert ihr euch noch an euer erstes Wienkonzert? Pola Roy: Ich erinnere mich sehr lebhaft an das Konzert in diesem Club unter der Straßenbahn. Judith Holofernes: Chelsea! Ja, das war sehr klein, sehr heiß und sehr wild. Roy: Im Gasometer fand ich's dann auch super. Das war eines unserer ersten Konzerte in so einer großen Halle. Nicht nur in Wien hat sich euer Publikum innerhalb weniger Monate mehr als verzwanzigfacht. Wie erklärt ihr euch diesen Erfolg? Holofernes: Erklären können wir echt einfach gar nichts, wir kommen herzens- und verstandesmäßig gerade mal hinterher, das zu verarbeiten. Wie schafft man es, bei alledem nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren? Roy: Wir sind nicht Anfang zwanzig und dadurch alle schon ein bisschen unbeeindruckter. Als Band sind wir auch ein gutes Selbstregulativ; es wäre uns einfach unangenehm vor den anderen, blöd zu werden. Andersrum bemerkt man die kleinsten Veränderungen bei den anderen. Man spricht auch darüber - von wegen: Sag mal, meinst du das ernst, was du da sagst? Holofernes: Rockstar, oder was? Roy: Man tut auch gut daran, sich nicht zu stark mit dem medial vermittelten Image zu identifizieren. Gibt es, aus Ihrer Sicht, auch ärgerliche mediale Verzerrungen? Holofernes: Mich stört es, wenn Leute zum neuen Album meinen: Die Botschaft des Vorgängers war ja Konsumkritik - erstes Fragezeichen. Warum habt ihr euch davon abgewandt - zweites Fragezeichen. Dabei haben vielleicht drei Lieder von "Die Reklamation" irgendwie mit Konsum zu tun. Außerdem habe ich mich natürlich von überhaupt nichts abgewandt. Da schlägt das gleiche Herz für die gleichen Dinge; ich frage mich nur immer: Wer hat gedacht, dass ich dieselben Lieder zweimal schreiben würde? Ihr wurdet anfangs als "Alternative Pop" gehandelt, seid dann aber sehr schnell im Mainstream angekommen. Wie seht ihr diese Entwicklung selbst? Holofernes: In Deutschland bricht eine milde Verzweiflung aus, wenn sich dieses Schema auf eine Band nicht anwenden lässt. Mich persönlich hat das aber auch als Fan nie interessiert. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass wir "Mainstream" machen. Wenn es doch so ist: umso besser! Die Leute sind ja nicht alle blöd. Ist die Offenheit eures Auftretens nicht riskant, weil es kein Image als Schutzmantel gibt? Holofernes: Es macht viele Dinge einfacher, weil man nichts aufrechterhalten muss, was man nicht ist. Gleichzeitig fühlt man sich durch Kritik natürlich sehr direkt angesprochen. Andererseits war Musik für mich selbst auch immer dazu da, dass man über die besonders scharfzüngige Kritik an bestimmten Bands artikulieren kann, was für ein cooler Hecht man ist. Das Kölner Intellektuellenpopblatt "Spex" schreibt in seiner aktuellen Ausgabe: "Holofernes & Co gehören eher in die Kategorie der biederen Moderation von Berliner Republik-Versprechen als in die Klasse aufregender Popmusik." Holofernes: (Lacht.) Es ist interessant, dass "Spex" auf Englisch "Brillen" heißt ... Ich finde nichts an uns bieder, wobei das aber auch keine Kategorie ist, die mich sonderlich interessieren würde. Diese Kritik hat ja auch eine politische Komponente: Wie ist es, als Speerspitze eines neuen deutschen Popselbstbewusstseins gehandelt zu werden? Roy: Wir fühlen uns extrem unwohl, wenn ganz unterschiedliche Bands nur deshalb zusammengefasst werden, weil sie deutsche Texte singen. Für uns war das nie ein besonders wichtiger Aspekt; wir haben uns das auch nicht bewusst ausgesucht. Eure Kollegen von der Berliner Band Mia forderten vor nicht allzu langer Zeit, sich doch wieder unverkrampft positiv auf deutsche Identität zu beziehen. Wie seht ihr das? Holofernes: Wir sind sehr froh, dass wir mit dieser zum Teil recht hysterisch geführten Debatte nicht besonders behelligt wurden, weil das auch nicht unser Bezugsfeld ist. Welches Slogan-T-Shirt würdet ihr eher tragen: "Deutschland verrecke", das Hamburger-Schule-Statement zur Wiedervereinigung, oder "Ich bin stolz, Deutscher zu sein"? Roy: Natürlich "Deutschland verrecke", wobei ich eigentlich keines von beiden anziehen würde. Holofernes: "Deutschland verdrecke" finde ich schön, da arbeitet Berlin auch stark dran. Aber mein Lieblingsslogan ist "What's so funny about Peace, Love & Understanding". Ein Songtitel von Elvis Costello, den Sie ja überhaupt verehren. Was begeistert Sie an ihm? Holofernes: Lustigerweise auch die Boshaftigkeit, obwohl ich es mit der sonst nicht so habe. Ich mag auch das Geschliffene, vor allem in den Liebesliedern, in denen er es schafft, an alltäglichen Dingen genau den Punkt zu finden, wo es wahnsinnig weh tut. Sie sind - wie der Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow - in Freiburg aufgewachsen. Ist das eine geheime Kreativzelle deutscher Popmusik? Holofernes: Ich halte Freiburg für keine besonders brodelnde Kreativzelle, weil Freiburg sehr zufrieden und sehr satt ist. Es ist eine schöne Stadt zum Sichwohlfühlen, aber wenn man von Berlin nach Freiburg ziehen will, sollte man vielleicht zur Vorbereitung einen Umweg über Bremen machen, damit der Kontrast nicht ganz so hart ist. Zu Beginn eurer Karriere wurdet ihr als authentisches Gegenstück zum TV-Castingpopwahn gehandelt. Trotzdem wurde euer Song "Müssen nur wollen" im österreichischen Ableger "Starmania" nachgesungen. Roy: Wir haben das Gleiche mal in Deutschland gesehen, da wurde "Denkmal" von drei Sängerinnen interpretiert, die auch noch dazu getanzt haben. Nachdem man so etwas ja nicht verbieten kann, haben wir versucht, uns das mit viel Humor anzugucken. Holofernes: Bei "Starmania" brauchte man weniger Humor, um eine Coverversion zu verkraften, denn da waren ganz nette Leute dabei, und die Show war auch viel weniger trashig und boulevardmäßig aufgezogen als bei uns. Der vom Gesang her vielleicht markanteste Moment eures ersten Albums ist die Zeile "Wir sind gekommen, um die anderen Helden abzumelden" am Ende des Stücks "Heldenzeit". Was macht Helden im positiven und im negativen Sinn aus? Holofernes: Das Lied bezieht seinen Humor schon auch aus der überzogenen Dreistigkeit. Wobei es natürlich schön wäre, wenn wir den einen oder anderen Helden abmelden könnten. Roy: Damals war der Begriff "Helden" omnipräsent, als "Kriegshelden" etwa. Wir fanden die Energie des Wortes interessant, wobei ich eher Kinder vor Augen hatte, die von ihren Müttern mit "na, du Held" angesprochen werden. Holofernes: Da steckt auch die Romantik des Scheiterns mit drin; wie bei David Bowie: "Helden für einen Tag" - es hat auch immer etwas von Verglühen. David Bowie setzte sein "Heroes" 1977 ganz bewusst unter Anführungszeichen; die Stranglers veröffentlichten dann überhaupt eine Platte namens "No More Heroes". Holofernes: (Singt.) "No More Heroes any more ..." Das möchte ich ja unheimlich gerne übersetzen: "Wo sind die Helden hin?" Aber das wird schwierig, weil ich nicht weiß, wie man "Heroes" und "Shakespearoes" ins Deutsche übertragen soll. Roy: Shakespearisten? Holofernes: Shakespearelden! Auf eurer Homepage heißt es über Judith Holofernes' Freizeitgestaltung: "So zahm, dass es mir vor dem eigenen Bruder peinlich ist, wenn ich ihm Berlin zeigen soll." Standen Rock und Pop im Gegensatz dazu nicht irgendwann für Exzess und Grenzüberschreitung? Roy: Ja, aber ich fand immer schon: Mein Gott, wenn sich eine Band über ihren Bierkonsum definiert, wie langweilig muss die sein! Bei uns denken jetzt halt alle: Das ist aber eine brave Band, die trinken ja keinen Alkohol! Holofernes: Pop hatte immer eine exaltierte und überzogene Seite, aber eben nicht nur. Es gibt die David Bowies der Welt, die über Maske und Oper funktionieren, es gibt aber auch Künstler, die anders auftreten. Manche Leute entscheiden sich nur für eines, ich mag beides. Wie ist das, wenn man in Sachen Konsumkritik dezidiert Stellung bezogen hat und dann selbst zum Konsumprodukt wird? Holofernes: Da muss man sehr genau unterscheiden. Ich habe mich nie gegen Konsum gewendet, sondern immer für achtsamen Konsum ausgesprochen - wenn man überhaupt sagen will, dass ich mich für etwas ausgesprochen habe. In Wirklichkeit habe ich davon berichtet, was mir gut tut und was nicht. Es ging mir immer darum, keine Glücksversprechen zu verfolgen, die nicht aufgehen. Es erbost mich aber sehr, wenn ich merke, dass irgendwelche Firmen versuchen, auf diesen Erfolg aufzuspringen. Eine Bekleidungskette hatte beispielsweise einen Werbespot, in dem die Protagonisten irgendwas mit "Helden" in ihren Bart summten. Da denke ich dann nur: Ich kann nicht beweisen, dass ihr dabei an uns gedacht habt, aber wenn, dann schmort in eurer eigenen kleinen Hölle! Am Cover der neuen Platte stellt ihr euch als Comicfiguren dar. Mit welchen Figuren der Comicwelt könnt ihr euch am ehesten identifizieren? Holofernes: Mit "Herrn Hase" von Lewis Trondheim. Das ist ein philosophischer kleiner Hase, der, sozusagen aus Versehen, über Superkräfte verfügt - den finde ich ganz grandios. Überhaupt alles von Lewis Trondheim - sehr, sehr zu empfehlen! Ansonsten? Bei Asterix nehme ich am ehesten Idefix. Ich möchte noch drei Stücke des neuen Albums ansprechen: "Wütend genug" etwa ist eine Absage an Wut und Aggressivität. Holofernes: Mir ging es darum zu sagen, dass ich Klarheit, Bestimmtheit, Willenskraft und Eigensinn für sehr nützlich halte, aber nicht glaube, dass Aggressionen und Wut konstruktive Gefühle sind. Wut ist höchstens als Antriebsmoment nützlich, sollte dann aber besser fallen gelassen werden, da selten etwas Nützliches dabei rauskommt. Was ist mit Punk? Holofernes: Wenn du versuchst, mit Punkgefühlen ein Problem zu lösen, hast du nicht unbedingt eines weniger. Ich finde Punk als Attitüde wunderbar und hätte mir manchmal gewünscht, ich wäre einer, aber ich bin nicht "no future". Punk hat mir gefallen, als er aus Freiheit bestand; als Blondie und die Talking Heads und die Sex Pistols und die New York Dolls Punk waren. Als es aber auf die Sex Pistols reduziert wurde, fand ich es nicht mehr so interessant. "Geht auseinander" ist ein Aufruf, Beziehungen zu beenden? Roy: Ja. Jeder hat in seinem Bekanntenkreis doch Paare, die sich die größte Mühe geben, das Schlechteste aus dem anderen hervorzukitzeln, und wo der eine die Augen verdreht, wenn der andere was sagt. Ich glaube, es ist wichtig, in Beziehungen einen langen Atem zu haben, aber irgendwann ist es auch wichtig, zu erkennen ... Holofernes: ... wenn der Atem stinkt! Den Song "Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst" verstehe ich schließlich nicht wirklich. Holofernes: Es geht darin um das Ideal bedingungsloser Liebe, das nur sehr schwer zu erreichen ist und mit der romantischen Liebe oft nur wenig zu tun hat. Wenn man liebt, möchte man ja meistens, dass alles immer so bleibt, wie's ist. Auf der anderen Seite gibt es die Liebe, die nur im Lieben besteht, und diese Liebe halte ich für sehr viel beglückender - wenn man also lieben könnte, ohne zurückzubrauchen. Für mich ist es deshalb auch am romantischsten zu sagen: Du bist derjenige, an dem ich das üben möchte! Aber man tut sich doch selbst nichts Gutes, wenn man den anderen selbst dann noch bedingungslos liebt, wenn er weg ist. Holofernes: Doch, weil "bedingungslos" bedeuten würde, dass die Liebe nicht davon abhängt, ob der andere noch da ist oder nicht. Das impliziert auch, loslassen zu können. Als Geliebter würde ich es allerdings vorziehen, wenn die Intensität Ihrer Liebe den Höhepunkt nicht erst im Moment meines Gehens erreicht. Holofernes: "Üben" heißt ja, dass man dem immer näher kommt! Wenn man sagt "Ich werde mein Leben lang üben, dich so zu lieben, wie ich dich lieben will, wenn du gehst", bedeutet das, dass ich ab jetzt versuchen will, dich zu lieben und gleichzeitig loszulassen. Was sich ja auch im Alltag ganz gut bewähren kann - wenn man nicht zu sehr an Vorstellungen hängt, wie das alles funktionieren kann, und man nicht zu bedürftig ist. Hm. Holofernes: Die Helden wieder - mit ihrem verschrobenen Scheiß!

in FALTER 16/2005



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