Expedition 87-04

Hans Platzgumer


"Muss immer aufräumen" Hans Platzgumer, weitgereister Säulenheiliger der hiesigen Musikszene, zieht mit dem autobiografischen Roman "Expedition" und einer CD-Anthologie Zwischenbilanz. Ein ordentlicher Mensch sei er, "sehr ordentlich sogar". In der Autobiografie des vagabundierenden Underground-Helden Hans Platzgumer überrascht eine solche, prominent platzierte Aussage dann doch. "So wie ich gerne einen aufgeräumten Schreibtisch habe, so gerne habe ich einen klaren Kopf", sagt der Musiker im Falter-Interview. "Ich habe als Teenager wohl zu oft ,Tetris' gespielt, deshalb muss ich immer aufräumen. Und später habe ich dann zu viele Tragödien mit Drogensüchtigen jeder Couleur erlebt." "Expedition", das soeben erschienene Buch des Ausnahmemusikers, weiß zwar auch mit Drogengeschichten, Rattenjagden in New Yorker Kellerwohnungen und wilden Tour-anekdoten über Platzgumers Reise von Innsbruck über beide US-Küsten, Brixton, Hamburg und München an den Bodensee aufzuwarten. Vor allem aber scheint der Autor, zwischen Erinnerungen an gute und andere Tage mit seiner bekanntesten Formation H.P. Zinker und der seitdem dominierenden Beschäftigung mit elektronischer Musik, darum bemüht, sich schreibend seines Platzes in der Welt zu versichern. Ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen, das macht schon angesichts des schieren Umfangs von Platzgumers Diskografie Sinn. Der ständig auf der Suche nach neuen Kicks befindliche Musiker hat in seinem Schaffen die Vielseitigkeit und den Stilwechsel zum Grundprinzip erhoben: Von Rockplatten (mit H.P. Zinker, Convertible und solo) über den Glam-Pop der Retro-Combo Queen Of Japan bis hin zu kühler Elektronik in allen Facetten, Soundtracks und Hörspielen reicht nach fast zwanzig Jahren Berufsmusikertum sein Ruvre, das ausschnittweise auch auf einer neuen Doppel-CD "Expedition 87-04" nachzuhören ist. Auf seiner literarischen "Expedition" ist die Musik hingegen überraschenderweise nicht alleiniger Mittelpunkt. "Die Musik ist der Aufhänger", sagt der heute leicht philosophisch angehauchte Mittdreißiger, der vom ungestümen 18-Jährigen seiner ersten Schallplatte "Tod der CD!" (1987) einen weiten Weg gereist ist. "Immer wichtiger wurde mir während der Arbeit an dem Buch der reflektive Aspekt. Das ist eine zweite Ebene, die sich parallel zu der rohen Geschichte der Romanfigur Hans Platzgumer entwickelt. Es geht um ein Bewusstwerden, um Hinterfragen, ein Schlüsseziehen, um Leben, Freiheit." Mit Platzgumers eigenen Worten ist es "die kleine ordentliche Welt eines kleinen ungewaschenen Mannes", die er in seinem ambitionierten Band - per Selbstdefinition ein "autobiografischer Roman" - vor dem Leser ausbreitet. Manchmal nähert sich der Erzählton zwar ein wenig dem Sprechduktus von André Heller, den der Musiker bei der Arbeit an dessen Platte "Ruf und Echo" kennen und schätzen lernte, meist jedoch bleibt Platzgumer sprachlich in angenehmer Bodennähe. Der Großteil der "Expedition" wirkt sogar derart mühelos geschrieben, dass man kurzzeitig vergessen kann, hier das Werk eines Neo-Autors und literarischen Autodidakten zu lesen. Tatsächlich stecken in dem Buch viel Blut, Schweiß und Tränen: "Anfangs konnte ich noch nicht schreiben, also im literarischen Sinn. Das war noch ohne jegliche Reflektion. Ich habe an keinem meiner Projekte so lange gesessen wie an diesem Buch. Hunderttausend Stunden habe ich damit verbracht." In diesen Stunden am Schreibtisch unternahm Platzgumer im Kopf noch einmal seine zahlreichen Reisen und Übersiedlungen. Heute, wo er als Vater zweier Kinder am Bodensee sesshaft geworden ist, versteht er die Ruhelosigkeit seiner Sturm-und-Drang-Jahre besser: "Einerseits war es Neugier und die Lust an Abenteuern, die mich antrieb. Andererseits waren die vielen Übersiedlungen auch immer eine Flucht, wenn mein Leben stagnierte und mir die Aufregung abhanden kam. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis ich die Notwendigkeit körperloser Reisen und eines tieferen Verständnisses von Freiheit erkannte." Seine gutbürgerlichen Tiroler Wurzeln, mit denen er als Teenager einige Kämpfe auszufechten hatte, sind heute kein großes Thema mehr für Johann Platzgummer, aus dem wegen eines Druckfehlers auf der Hülle seiner ersten Platte Hans Platzgumer wurde. Fast schon altersmilde lesen sich die Passagen über dieses Kapitel seiner Vita und die Beziehung zu seinen Eltern. In Innsbruck sei er heute zwar nur "zwei, drei Tage im Jahr", dann aber seien das "immer auch spezielle Momente, keine Frage". Heimat begreift der Musiker mittlerweile als hybrides Gefühlskonzept, das man nicht nur für einen einzigen Ort empfindet, sondern "für meine Familie, den Bodensee, meine Arbeit und die damit verbundenen temporären Ortswechsel". Auch in seiner Musik praktiziert Platzgumer heute ein ähnliches Nebeneinander. Wo er früher künstlerische Positionen verschwenderisch oft und manchmal scheinbar willkürlich wechselte, arbeitet er nun am liebsten parallel an disparaten Stilen wie Gitarrenrock (für ein neues Convertible-Album), tanzbarer Elektronik (im Duo hp.stonji), knackigem Elektro-R-'n'-B (im Trio e:gum) und Soundtracks. Der einstige Superstar der österreichischen Musikszene, den so mancher während seiner US-Phase vor zehn, zwölf Jahren schon als Teil der internationalen Rockprominenz sah, fühlt sich heute wohler als Teil eines kleinere Brötchen backenden, aber gut vernetzten Undergrounds. Obwohl: "Underground und Superstar muss sich nicht widersprechen. Auch Kurt Cobain war ein Underground-Musiker. Nur blieb ihm, als er seine Unabhängigkeit verlor, nur mehr die Schrotflinte. Das Musikerleben ist ein ständiger Grenzgang, doch wenn man im Kopf klar und seinen Ideen treu bleibt, dann kann man nicht so leicht abrutschen."

in FALTER 13/2005



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