Am Ende der Sonne


"Es war klar: Du bist Punk" Farin Urlaub, der große Blonde von den Ärzten, veröffentlicht sein zweites Soloalbum, bevor er 2006 für ein Jahr verreist. Ein Gespräch über jugendliche Punks, alternde Popstars, Franz Kafkas Lebensfreude und geklaute Songideen. Farin Urlaub hat eine rare Fähigkeit: Das 41-jährige Gründungsmitglied des Berliner Spaßpunktrios Die Ärzte schreibt Teenagerhymnen, die man auch als Erwachsener noch ohne Reue gut finden kann. 2001 veröffentlicht der als Jan Vetter geborene Vegetarier, Antialkoholiker und Reisefan sein Solodebüt "Endlich Urlaub", dem jetzt "Am Ende der Sonne" folgt. Eine weitgehend im Alleingang aufgenommene und produzierte Rockplatte, die beweist, dass das in einem Dorf bei Hamburg lebende selbstironische Großmaul auch abseits des sicheren Humorterrains keine schlechte Figur macht. Falter: Auf Ihrem ersten Soloalbum haben Sie das jugendliche Hören von The Cure, New Order und vor allem The Smiths besungen. Waren Sie beim Comeback des Smiths-Sängers Morrissey als Hörer wieder mit dabei? Farin Urlaub: Das ist leider ein bisschen schief gelaufen, weil ich die Platte durch den enormen Hype einfach nicht mehr entdecken konnte. Sie hat fantastische Momente und Textpassagen, bei denen man echt neidisch werden könnte, ist letztlich aber kein Lieblingsalbum geworden. Zeitgleich mit Ihrer zweiten Soloplatte erscheint jetzt auch ein neues New-Order-Album. Darauf freue ich mich extrem, weil die letzte - die erste nach der langen Pause - so superklasse war. Alles, was New Order damals für mich ausgemacht hat, war da; trotzdem war es null staubig oder altbacken, und bis auf einen Text war alles von einem New-Order-untypischen Optimismus geprägt. Bei Joy Division hätte ich in diesem Fall wohl gesagt: "Moment mal, wo ist meine Depressionsdosis?" Aber hier hat das total gut gepasst. Wie Ihre Band Die Ärzte sind auch Morrissey, New Order und The Cure seit über zwanzig Jahren aktiv. War Rock- und Popmusik nicht irgendwann einmal jugendlich codiert? Wären Buddy Holly und all die anderen nicht so jung gestorben, würden sie auch noch Musik machen. Es gibt nur eine Hand voll Künstler, die sich nach einer kurzen, jugendlichen Hochphase wirklich zurückgezogen haben. Wer nach zwei Alben verschwindet, verschwindet für gewöhnlich nicht, weil er keine Musik mehr macht, sondern weil ihn niemand mehr hören will. Tun sich nicht gewisse Gräben auf, wenn man als 41-Jähriger vor teils sehr jungen Fans spielt? Ich mache von mir aus keine großen inhaltlichen Schritte in ihre Richtung. Man könnte jetzt natürlich unschmeichelhaft draus schließen, dass ich simpel genug gestrickt bin, um Texte zu schreiben, die auch für Zwölf- oder Fünfzehnjährige interessant sind. Es liegt aber wohl eher dran, dass wir - und das übernehme ich auch solo - uns nie als so furchtbar ernste Menschen dargestellt haben und dieses Sich-nicht-verstellen-Müssen einen guten Teil des Charmes ausmacht, den wir immer noch auf die Jungen ausüben. Wir sind nicht wie Franz Kafka, der bei all diesen verzweifelten Texten ein total lebensfroher Mensch war und auch noch in seiner Arbeit als unglaublich guter, fachlich versierter Mann absolut angesehen und beliebt war. Auf Ihrer neuen Platte sind dennoch deutlich weniger Gags. Ich habe mich einfach gefragt: Okay, wo siehst du dich in fünf Jahren als Musiker? Und ich will halt nicht als Dieter Hallervorden enden. Warum machen Sie überhaupt Soloplatten, kommen Sie bei den Ärzten zu kurz? Das klingt jetzt kokett, aber ich schreibe mehr Lieder, als ich solo und bei den Ärzten unterbringen kann. Durch die Soloarbeit bleibt zumindest nicht mehr ganz so viel liegen. Ihr bester selbstgeschriebener Song? Ich finde immer das am besten, was ich gerade gemacht habe. Ich kann es nicht auf einen reduzieren, denn jedes Stück ist ja doch ein bisschen einzigartig. Nicht im Gesamtkontext der Popmusik, aber für mich selber ist jedes Lied unwiederholbar. Gibt es Stücke, die Sie gerne geschrieben hätten? Ganz viele! Außer "When I'm Sixty-Four" und "Martha My Dear" beispielsweise so ziemlich alles von den Beatles, besonders aber die George-Harrison-Sachen. Dann ganz klar "Love Will Tear Us Apart" von Joy Division. "Going Nowhere" von Therapy? haben wir auf der letzten Solotour sogar gecovert, denn: So gut möchte ich mal sein! Es gibt auch Stücke, von denen ich fest angenommen habe, sie seien von mir, bis ich sie dann im Radio gehört habe. Während der Demophase zur letzten Ärzte-Platte lief beim Einkaufen in diesem furchtbaren Supermarktradio etwa plötzlich genau das Lied, das ich gerade aufgenommen hatte - Eagle-Eye Cherry! So etwas ist frustrierend, da gehst du dann nach Hause und zerreißt einfach alles. Auf der neuen Platte klingt des Öfteren auch die Frage nach dem Sinn des Lebens an. Der Religion wenden Sie sich deshalb - wie diverse andere prominente Musiker - aber nicht zu, oder? Nein, auf keinen Fall. Ich bin noch nicht mal unreligiös, sondern antireligiös. Jeder Glaube an irgendwas Höheres bedeutet für mich immer noch, Verantwortung abzulegen, und damit kann ich nichts anfangen. In Ihrer Biografie steht: "Punker ab 16." Das war also Ende der Siebziger? 1980 wurde der äußerliche Schritt vollzogen mit kurzen Haaren, komischen, selbstgebastelten Lederjacken, bemalten Schuhen und so. Gehört habe ich es schon früher, aber nicht exklusiv - Dire Straits und Stranglers waren da noch kein Widerspruch. Das hat sich erst nach einem vierwöchigen Londonaufenthalt geändert. Mit einem Freund habe ich mir da als Pflastermaler und Straßenmusiker Geld verdient. Abends sind wir dann auf Konzerte gegangen, und es gab einfach so ein dringendes Gefühl dazuzugehören. Es war einfach klar: Wenn du da hingehst, bist du Punk! Alles, was nicht Punk war, war völlig uninteressant und irrelevant. Das war Musik für Leute, die nicht am Leben teilnehmen. Ihr Kollege Rocko Schamoni hat mit "Dorfpunks" letztes Jahr einen autobiografischen Roman über seine Punkwerdung geschrieben, in dem das ländliche Umfeld eine große Rolle spielt. Wie war das für Sie in Berlin? Die Situation in Frohnau war eine spezielle, denn da wohnten die wohlbehüteten Leute. Als Beamte hatten meine Eltern groß Kredit bekommen und sind da hingezogen - und ich war dann der erste Punk in Frohnau, das ging 1980 noch. Ich wurde auf offener Straße beschimpft; wenn ich zum Bus kam, hat der Fahrer oft die Tür zugemacht und ist ohne mich losgefahren. Obwohl ich alleine und mit 16 auch keine furchteinflößende Gestalt war, gab es da etwas, das ihnen Angst machte. Das war natürlich Wasser auf meine Mühlen. Als 1983 die ersten Ärzte-Aufnahmen erschienen sind, war eure Deutung von Punk bisweilen nicht weit von alternativem Schlager entfernt. Das war absolut intentional. Bei der Ärzte-Vorgängerband Soilent Grün gab es zwei, die total politisch waren. "Ratten haben kurze Beine so wie alle Bullenschweine" wird als Text immer gerne zitiert. Bela und ich hatten etwas andere Vorstellungen; wir wollten uns hinstellen und sagen: "Wir sind Popstars!" Unsere Idole waren eher die Comedian Harmonists und Bands wie die Buzzcocks und die Undertones, deren punkuntypischen "Hey, ich bin ein Junge und die Welt ist groß"-Zugang wir supercharmant fanden. Es war aber nicht so, dass wir das naiv von uns aus gemacht hätten, sondern das war schon überlegt: okay, mehr Dion & The Belmonts als The Clash! Das aber wiederum mit unseren punkigen musikalischen Möglichkeiten und unserem eigentlichen Sozialisierungshintergrund - das war der eigentliche Witz an der Sache. Dass der so lange trägt, hätte keiner gedacht. Wie halten Sie's: Sex Pistols oder The Clash? Clash, ganz klar! Johnny Lydon (alias Johnny Rotten, Anm. d. Red.) hat zu dieser peinlichen Sex-Pistols-Reunion gesagt: "Nächstes Jahr machen die Clash das bestimmt auch, die haben uns ja damals schon immer alles nachgemacht." Da hat man gesehen, wie neidisch und verblendet er ist, denn natürlich haben die Clash anfangs die Pistols nachgemacht, sind dann aber weit darüber hinausgewachsen. Egomanisch wie ich bin, behaupte ich mal: ein bisschen so, wie wir die Neue Deutsche Welle hinter uns gelassen haben, die wir am Anfang durchaus noch im Hinterkopf hatten. Sie sind bekannt dafür, keinen Fernseher zu besitzen. Warum eigentlich? Es langweilt mich, dazusitzen und mir das Leben hinter Glas anzusehen. Ich gehe lieber raus. Und ich finde, dass man auch ohne die viel zitierten guten Dokumentationen auf Arte ein kulturell interessantes Leben führen kann.

in FALTER 12/2005



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