Waiting for the Sirens' Call

New Order


Eine Band wie das Leben

Die enorm einflussreichen New Order zeigen sich auf ihrem neuen Album als altersmilde Elektrorockcombo.

Alles an seinem Platz? Ja, Bernard Sumner will beim Singen, wie es sich für einen Mann aus dem Norden Englands gehört, den Mund auch weiterhin nicht wirklich aufmachen, den Bass bedient definitiv kein anderer als der freundliche Rowdy Peter Hook, und Stephen Morris versucht im Hintergrund einmal mehr, wie eine lebende drum machine zu klingen. New Order sind wieder da.

Vier Jahre nach dem triumphalen Comebackalbum "Get Ready" versucht sich eine der wichtigsten Bands des letzten Vierteljahrhunderts an einem würdigen neuen musikalischen Statement. Nach einer so langen Karriere kann das schon mal heißen: Nimm das Beste von früher und packe es auf eine Platte. Gerade bei New Order, die von düsteren Anfängen über ihre Dancephase mit eigenem Club "Hacienda", Popflirts und einer späten Hinwendung zum Rock zahlreiche Transformationen durchmachten, ist da über die Jahre eine ganze Menge zusammengekommen.

Nachdem die "Greatest Hits"-Hürde bereits 2002 mit der liebevoll gestalteten Anthologie "Retro" einwandfrei genommen wurde, brauchten die Herren aus Manchester für ihr Unterfangen allerdings neues Songmaterial. Sie entschieden sich für einen alle Fanlager ansprechenden Kompromiss - eine Synthese aus ihren kommerziell erfolgreichen Achtziger-Synthiepopsongs ("Blue Monday", "True Faith", "Bizarre Love Triangle") und den erfrischenden Rockausbrüchen von "Get Ready". Neben energetischen Highlights wie der Elektrorocksingle "Krafty" erweisen sich andere neue Stücke allerdings lediglich als halbwegs flotte Popsongs mit ein bisschen Gitarre und Keyboards.

Ebensolchen Schwankungen unterworfen ist die Qualität von Sumners Texten. Auf schöne Bilder - wenn etwa im Song "Road to Ruin" die auch nicht mehr gar so junge und erfolgreiche Technogeneration mit den Worten "You had the brightest future / Writing songs on your computer" angesungen wird - folgen kleine Schocks wie der Refraintext "You gotta hold your head up high / You know it's not too late to try", der auch vom neuen Sarah-Connor-Album stammen könnte.

Andererseits kommt es immer auch darauf an, mit welcher Einstellung man solche Sätze singt; und gerade einer Band, die in ihrer - zählt man die Vorgängerformation Joy Division dazu - bald dreißigjährigen Geschichte neben dem Selbstmord von Sänger Ian Curtis unzählige weitere persönliche und berufliche Katastrophen überstand, sei mit Ende vierzig ein langsamer Rückzug auf schmerzlose Gemeinplätze zugestanden.

In Wahrheit könnte Bernard Sumner selbst aus dem Telefonbuch von Manchester vorsingen, er würde immer noch unsere ungeteilte Aufmerksamkeit haben. Allein die einzigartig schlampige Intonation des geborenen Nichtsängers mit dem zeitlosen Jungencharme in der Stimme kann schlechte Tage erträglich machen. Und spätestens wenn Peter Hooks nach oben geschraubter Bass mit oft kopierter, aber unnachahmlicher Lässigkeit die Melodieführung übernimmt, löst sich für ein paar Sekunden alles in Wohlgefallen auf.

Waiting for the Sirens' Call" ist letztendlich eine Platte wie das Leben, und New Order sind eine Band wie wir: nur momentweise wirklich spektakulär, oft ein wenig hinter den eigenen Möglichkeiten zurückbleibend. Aber wahrscheinlich sind wir ihnen ja gerade deshalb so treu und werden auch diesem Album wieder ein schönes Platzerl im Plattenschrank freiräumen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 12/2005



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