Round about Weill

Gianluigi Trovesi, Gianni Coscia


Schnitzel con Krauti Gianluigi Trovesi und Gianni Coscia gelingt mit ihrem Kurt-Weill-Projekt eine beachtliche Leistung deutsch-italienischen Kulturtransfers. Mit "Speak Low" und "September Song" hat Kurt Weill (1900-1950) im Exil zwei Klassiker zum Great American Songbook beigesteuert. Sein berühmtester Titel, "Mac the Knife" ("Moritat vom Mackie Messer"), stammt allerdings noch aus der in Kooperation mit Bert Brecht entstandenen "Dreigroschenoper" (1928). All diese Smash Hits fehlen auf dem soeben erschienenen Album "Round about Weill", das die beiden altgedienten Duopartner Gianluigi Trovesi (Klarinette) und Gianni Coscia (Akkordeon) im Sommer vorigen Jahres in einem Zürcher Studio eingespielt haben (siehe Rezension in Falter 12/05). Sie hätten sich eben in "den deutschen Weill" verliebt, erklären die beiden Musiker, die vor Beginn ihrer einwöchigen Österreichtournee in Wien Station machen; er sei für sie "der eigentliche Kurt Weill" - auch wenn Trovesi in der Musik des versatilen Komponisten Einflüsse von Strawinsky, Respighi und sogar Verdi ausmachen kann und dafür die riskante kulinarische Metapher des "insalata mista" gebraucht. Zum Glück hört sich dieses fulminante, aber völlig uneitle Duo-Album nicht nach gemischtem Salat an, auch wenn in das Programm, das sich fast ausschließlich auf die erste Kooperation von Brecht und Weill, das "Songspiel" "Mahagonny" (1927), konzentriert, fremdes Material eingeschleust wurde: So etwa klingt die zitierte "Tango Ballade" sehr stimmig mit "My Funny Valentine" aus, und in "Round about Weill II" verhallt "Blue Moon" wehmütig in den Tiefen des akustischen Raumes. Das Album ist das Produkt einer respektvollen, aber nicht ehrfürchtigen Aneignung. Umberto Eco fürchtete ursprünglich gar "um ihre musikalische Gesundheit", wie er in den liner notes zur CD schreibt: "An Weill rührt man nicht, sagte ich mir, schon gar nicht, wenn man kein Deutscher der Weimarer Republik ist." "Er hat eine relativ rigide Vorstellung von Weill", kommentiert Coscia seinen Schulfreund Eco, der aus dem gleichen Ort stammt - Allesandria (unweit von Mailand). Ganz so streng sind die beiden Instrumentalvirtuosen zum Glück nicht gewesen, auch wenn sie sich ein Jahr lang mit dem Projekt befasst und die Partitur Note für Note studiert haben. Letztendlich aber haben sie Weill nicht vom Blatt gespielt, sondern vielmehr mit ihm gespielt - etwas, wofür es im Italienischen, im Unterschied zum Deutschen, unterschiedliche Worte gibt: suonare und giocare. Um die Fusion dieser beiden Tätigkeiten sei es ihnen gegangen. Und so werden die insgesamt 23 Stücke von einer ganz eigenen Nostalgie durchweht, die aber nie ins Sentimentale kippt. Das Coverfoto des Albums könnte aus Fellinis "8 1/2" (1963) stammen, und etwas von dieser Atmosphäre - bis hin zu Anklängen an die Musik Nino Rotas - ist auch in "Round about Weill" zu spüren. Ausgerechnet der urbane, vom brummenden Berlin der Zwischenkriegszeit geprägte Weill wird von Coscia und Trovesi aufs Land geholt: "Wir wollten auch von einem kleinen Dorf vor vierzig Jahren erzählen und etwas von seiner bukolischen Ruhe vermitteln", erklärt Trovesi - um dann frisch wieder bei einer kulinarischen Metapher zu landen: "Ich hoffe, wir haben genug Enzyme, um Weill vollständig zu verdauen und daraus etwas Eigenes zu machen." Beim an das Interview anschließenden Mittagessen wird dann selbstverständlich Wiener Schnitzel gegessen. Gianni Coscia hat sich Sauerkraut dazu bestellt.

Klaus Nüchtern in FALTER 17/2005



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