KLAVKONZ NR.1-3

Boulez/cso/bph/lso, bela Bartok


Niemals zurück

Pierre Boulez, der Altmeister des musikalischen Neuerungswillens, wird diese Woche achtzig Jahre alt. Vier neue Alben geben einen Überblick über sein vielfältiges Schaffen als Komponist und Dirigent.

Am 26. März wird Pierre Boulez achtzig Jahre alt. Mit sechzig Jahren hatte er bei den Programmentwicklern seines Pariser Klangforschungsinstitutes Ircam eine Software in Auftrag gegeben, die er mit 73 Jahren, anlässlich der Uraufführung seiner "Anthemes 2", zum ersten Mal in einem Konzert einsetzen konnte. Noch bis heute wird an der Score following project genannten Software weitergearbeitet. Kurz gesagt geht es darum, dass sich während der elektronischen Echtzeitverfremdung instrumentaler Klänge der Computer nach dem Interpreten richtet und nicht umgekehrt. So speziell diese Anwendung auch sein mag: Pierre Boulez hat mit ihr das bisherige Verhältnis zwischen Mensch und Maschine auf den Kopf gestellt.

Für die zeitgenössische Musik ist Boulez längst so etwas wie der Altmeister des kompromisslosen Neuerungswillens - in allen seinen Disziplinen als Theoretiker, Komponist und Dirigent. In einem Falter-Interview wollte er letztes Jahr gar nicht erst von seinem unerschütterlichen Glauben an den musikalischen Fortschritt sprechen, sondern vielmehr von einer "Kraft", die ihn immer vorwärtstreibe: "Ich denke, dass man einfach nicht zurückgehen kann. Sterbende Kulturen suchen immer nach einem goldenen Zeitalter, auf das sie sich berufen können. Dieser Mythos der goldenen Zeit ist ein Zeichen des Todes."

Boulez ist bis heute auf der steten Suche nach dem adäquaten musikalischen Ausdruck seiner Gegenwart, und das, seit der 1925 in Montbrison an der Loire Geborene mit 18 Jahren die auf Wunsch des Vaters begonnene Ingenieurslaufbahn abbrach, nach Paris zog und dort binnen kurzem in die Kompositionsklassen von Olivier Messiaen und dem Webern-Schüler René Leibowitz aufgenommen wurde.

Bereits 1951, mit gerade einmal 26 Jahren, hatte er mit der Uraufführung von "Polyphonie X" in Donaueschingen seinen ersten Skandal als Komponist: Die lückenlose Berechnung aller musikalischen Parameter in diesem Stück brachte die Frankfurter Allgemeine dazu, von "entarteter Musik" zu sprechen - und sollte doch zu einem wesentlichen Anstoß für das die Nachkriegsavantgarde bestimmende serielle Komponieren werden. Boulez selbst verabschiedete sich bald wieder von der vollständigen Determinierung allen musikalischen Geschehens; so weit wie John Cage, mit dem er lange Zeit hindurch in einem regen Briefwechsel stand, nämlich bis zur freiwilligen Abschaffung des Komponisten-Ichs, wollte der Franzose aber doch nicht gehen.

In den drei zwischen 1946 und 1957 entstandenen Klaviersonaten wird Boulez' konsequenter Weg zum eigenen Kompositionsstil wie im Zeitraffer nachvollziehbar. Die Deutsche Grammophon hat gerade, fünf Jahre nach ihrer umfangreichen "Boulez 75"-Edition und rechtzeitig zum Achtziger, vier Boulez-Alben herausgebracht: kein systematischer, aber doch ein weiter Überblick über wichtige Arbeiten des Jubilars in verschiedenen Bereichen. Eines der Alben ist den Sonaten gewidmet. Der junge finnische Pianist Paavali Jumppanen, ein Wunschinterpret des Komponisten, spielt sie weniger mit Bedacht auf ihre historische Bedeutung als vielmehr mit Genuss an ihren musikalischen Reizen.

Mit diesen Reizen hat Boulez nie gegeizt. Die seit Debussy als so typisch französisch geltende Farbigkeit prägt bei aller Konstruktionsstrenge unüberhörbar auch das Gros der Boulez'schen Werke; und aller den Ausführenden abverlangten Virtuosität steht hörbar eine mühelos wirkende Leichtigkeit, beinahe Verspieltheit gegenüber, die jedes Vorurteil über Boulez als akademisch blassen Musikdenker Lügen straft. Schon seine frühen Gegner in Donaueschingen mussten dies indirekt zugeben, als sie versuchten, Boulez als Lieferanten "serieller Salonmusik" zu diskreditieren. Auch auf dem zweiten der vier Jubiläumsalben wird diese Qualität deutlich: Wenn Boulez das von ihm gegründete Ensemble Intercontemporain durch "Le marteau sans maître" (1955) und "Dérive 1&2" (1984/2002) dirigiert, tut er das mit einer souveränen klanglichen Ausdrucksstärke, die ihresgleichen sucht.

Seine Laufbahn als Dirigent hatte Boulez schon 1946 mit 21 Jahren als Kapellmeister des Théâtre Marigny von Jean-Louis Barrault begonnen, wo er nebenbei Gelegenheit hatte, zeitgenössische Musik vorzustellen; die dort gesammelte Bühnenerfahrung mündete schließlich auch in einigen heute legendären Engagements in Bayreuth, wo ihm gemeinsam mit Regisseur Patrice Chéreau 1976 der sogenannte "Jahrhundert-Ring" gelang - so wie er vergangenes Jahr mit Christoph Schlingensiefs "Parzifal" seit langem wieder einen Skandal auf dem Grünen Hügel heraufzubeschwören vermochte.

In den späten Fünfzigerjahren übernahm Boulez das Rundfunkorchester des Südwestfunks in Baden-Baden, wo er sich ohnehin ungehindert der musikalischen Avantgarde widmen konnte. Doch auch als Chefdirigent des BBC Symphony Orchestra (1969 bis 1975) und sogar als - von konservativen Kritikern heftig bekämpfter - Nachfolger Leonard Bernsteins bei den New Yorker Philharmonikern (1970 bis 1977) interessierten ihn weniger die musikalischen Bewahrer als vielmehr die radikalen Neuerer unter der historischen Kollegenschaft. Vieles von Schönberg und manches von Strawinsky, das meiste von Bartók und alles von Mahler hat er seither oft und mit den renommiertesten Orchestern aufgeführt.

Renommiert auch die Musiker, die auf den beiden weiteren Geburtstagsalben zu hören sind. Auf ihnen zeigt sich Boulez wie gewohnt als Dirigent, für den die deutlich nachvollziehbare Gestaltung musikalischer Strukturen - übrigens auch mithilfe ausgesprochen zügiger Tempi - im Vordergrund steht. Mit den Wiener Philharmonikern und den Solisten Thomas Quasthoff, Violeta Urmana und Anne Sofie von Otter hat Boulez Orchesterlieder von Gustav Mahler eingespielt. Mit dem Chicago Symphony und Krystian Zimerman, den Berliner Philharmonikern und Leif Ove Andsnes sowie mit dem London Symphony und Hélène Grimaud hat er Bartóks drei Klavierkonzerte aufgenommen. Dass er auf den Coverfotos aller vier CDs immer dasselbe Sakko und Hemd zur selben Hose trägt, dürfte wohl damit zusammenhängen, dass der Vielbeschäftigte auch mit 79 Jahren nur Zeit für einen einzigen Fototermin hatte.

Carsten Fastner in FALTER 12/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×