The Wonder of It All

Louis Philippe


Neigungsgruppe Narzissmus Rufus Wainwright, Antony, Patrick Wolf und Louis Philippe: Neues von vier Songwritern mit spektakulären Stimmen und ausgeprägtem Ego. Sie wissen so genau, was geschrieben, wie es gesungen und gespielt werden soll, dass sie gleich alles selber machen: Im Größenwahn des Pop stellt das Genre der Singer-Songwriter die Königsdisziplin des rasenden Narzissmus. "So ist das eben bei mir. Ich arrangiere, produziere und entwerfe sogar das Cover selbst. Eigentlich ziemlich anmaßend, oder?", bemerkt etwa Louis Philippe, Paradeexemplar seiner Gattung, mit gleichermaßen selbstgefälligem wie selbstironischem Glucksen. Der seit 1987 in London ansässige Exilfranzose verdient seine Brötchen unter dem bürgerlichen Namen Philippe Auclair als Korrespondent des Fußballmagazins France Football sowie als Livekommentator im französischen Sportradio. Erst am Tag vor unserem Interview musste er vom Ausscheiden des von französischen Spielern dominierten Nordlondoner Arsenal FC gegen Bayern München berichten. "Mein allerbester Song ist ein Fußballlied über George Best", sagt Philippe. "Er heißt ,When Georgie Died'. Ich hab ihn in Prag mit den tschechischen Philharmonikern aufgenommen." Dass Philippe den tragischen Fußballhelden, der in Wahrheit dank Spenderleber überlebt hat, sterben ließ, darf man als Zeugnis einer ausgeprägten melancholischen Ader deuten. In den zwei Jahren vor dem Erscheinen seines jüngsten Wurfs "The Wonder of It All" kämpfte Louis Philippe selbst gegen eine schwere Krankheit. Die zwangsläufige Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper vertiefte sein Verhältnis zur eigenen Stimme. Ihr helles Timbre kommt auf dem (aus Budgetmangel) vergleichsweise spärlich, aber immer noch elegant arrangierten neuen Album prominenter als zuvor zur Geltung - ob im zusammen mit Bestsellerautor Jonathan Coe geschriebenen träumerischen Titelsong oder in der zur Zeit des Irakkriegs verfassten Ballade "My England": "Oh mein England, das ich suche und nicht finden kann", singt der hoffnungslos anglophile Franzose. Auf der Coverrückseite ist er in der klassischen Pose des zerknirschten Wahlbriten zu sehen: an einem einsamen Tisch im Pub, eine selbstgerollte Zigarette in der Hand und das Kreuzworträtsel des Guardian vor sich - als hätte er gerade die britische Sicht des politischen Geschehens verdaut und sich resigniert in die heile Welt des Rätselteils geflüchtet. "Man ist desillusioniert", bestätigt Philippe. "Und man fragt sich, was man hier eigentlich tut." Philippes prominenter Genrekollege Rufus Wainwright geht als gebürtiger Kanadier in den USA dasselbe Thema von der entgegengesetzten Seite her an: "Man könnte sich fragen, warum ich meine Heimatstadt abfackeln will. Vielleicht ist es Bitterkeit", singt er nonchalant im von Mutter Kate, Tante Anna McGarrigle und Schwester Martha begleiteten "Hometown Waltz", nicht ohne im Promo-Waschzettel der Plattenfirma erklärend hinzuzufügen: "Trotz dieses Songtexts liebe ich Montreal. Seit Bush die Wahl gewonnen hat, habe ich vor, wesentlich mehr Zeit dort zu verbringen." Im Gegensatz zu Louis Philippe gab es für Wainwrights neues Album "Want Two" reichlich Taschengeld zur hemmungslosen Umsetzung orchestraler Ambitionen. Begann das Vorgängerwerk "Want One" noch mit Zitaten aus Ravels Bolero ("Oh What a World"), so ließ er sich diesmal von der Wut über den Krieg gar zu einem eigenen "Agnus Dei" inspirieren. Die präraffaelitische Ästhetik der Covergrafik wurde beibehalten (und durch ein amtliches "Parental Advisory"-Logo verschandelt), bloß ist Wainwright diesmal nicht der Weiße Ritter, sondern eine Art Lady of Shalott. Er selbst werde zwar nicht der schwule Messias sein, verrät Wainwright in "Gay Messiah", aber immerhin "Rufus der Täufer". Ein zumindest stimmlich geeigneter Kandidat für den Erlöser tritt im Schlusssong "Old Whore's Diet" in Gestalt des fließend zwischen Falsett und Tenor pendelnden Antony in Erscheinung. Der 1990 auf der Suche nach Unsterblichkeit aus Kalifornien nach New York verzogene Punk-Transvestit ohne Nachnamen hat seinerseits kürzlich das erstaunliche Album "I Am a Bird Now" veröffentlicht. Darauf wiederum gibt neben seinem Förderer Lou Reed, Boy George und Devendra Banhart auch - die Welt ist klein - Rufus Wainwright ein bravouröses Gastspiel. Begleitet von seinen gelegentlich auf ein schlichtes Klavier beschränkten, dann wieder zu einer vollen Band samt Streicher- oder Bläsersatz erweiterten Johnsons, singt Antony subtil majestätische Klage- und Jubellieder über geschlechtliche Identität, Todesangst und Hoffnung. "Aus Antonys Musik geht hervor, dass er nicht vom Rock-'n'-Roll-Testosteron-Bullshit, sondern eher von der Klaus-Nomi-Schule herkommt. Und so was sieht man gerne", sagt Patrick Wolf, 21-jähriger britischer Neuzugang zur Neigungsgruppe Narzissmus, der sein beeindruckend wandelbares Organ nach der von Meredith Monk geprägten Stimmtechnik ("Extended Vocal Technique") geschult hat. Für die Porträts am Cover von "Wind in the Wires", seinem zweiten Album nach dem aufsehenerregenden Debüt "Lycantrophy", hat Wolf zwar nicht sein Geschlecht, aber zumindest die Haarfarbe gewechselt - von Blond auf natürliches Dunkelbraun: "In ,Lycantrophy' ging es um meine verlorenen Jahre allein in London, als ich mit 16 von zu Hause wegzog und versuchte, ein Albino-Superstar zu werden. Als ich das verarbeitet hatte, konnte ich mich vom Gekünstel befreien", erklärt Wolf. Er ließ sich die Bleiche aus dem Haar wachsen und versöhnte sich mit seiner Familie, die auf "Wind in the Wires" - so wie bei Rufus Wainwright - hörbar zum Einsatz kommt: Vater Derek Apps spielt auf dem Titelsong die Klarinette, während Schwester Jo Apps auf "Teignmouth" den weiblichen Chorpart singt: "Die beiden waren eben die einzigen Musiker in meiner Umgebung", sagt das in Kompositionslehre geschulte Multitalent. Den Rest der mit elektronischen Kunstgriffen collagierten Instrumente (Ukulele, Geige, Bratsche, Klavier und was immer Saiten und Tasten hat) spielte er im Alleingang ein, während der Wind gegen die Wände seiner angemieteten Holzhütte an der Küste Cornwalls peitschte. Dort will Wolf irgendwann einmal gemeinsam mit seinem Klavier permanent hinziehen und "Gustav Mahler sein". In der Zwischenzeit muss er sich noch mit "diesem Popstarding" herumschlagen: "Ich wollte bis nach Land's End (am westlichsten Zipfel der Insel, Anm. d. Red.) radeln, aber die Plattenfirma orderte mich hierher zurück, um Promotion zu machen", mault Wolf. "Im Sommer ist ja gegen London nichts einzuwenden, aber wenn die Sonne weg ist und wir einander gegenseitig in die Telefone heulen, ist's Zeit abzuhauen."

in FALTER 11/2005



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