Nebelmaschine

Funny van Dannen


"Gegen das coole Getue" Funny van Dannen singt lustige Lieder, die helfen, die Zumutungen des Alltags zu ertragen. Der "Falter" traf das Multitalent, das mit neuem Album demnächst in Wien gastiert, in dessen Berliner Wohnung. Ja, super, jeden Tag aufwachen, Ja, super, jeden Tag aufstehn, Ja, super, sich jeden Tag anziehn, Ja, super, jeden Tag ausgehn, Und immer wieder duschen (...) Funny van Dannen: "Jeden Tag Leben" Die Bekanntheits- und Beliebtheitskurve von Funny van Dannen ist seit geraumer Zeit stark im Steigen begriffen. Zur großen Überraschung des Betroffenen. Als mit "Clubsongs" 1995 seine erste CD herauskam, war der Wahlberliner bereits 37 und hatte mit dem Gedanken an eine Musikerkarriere schon abgeschlossen. Nun aber legt der aus dem niederrheinischen Tüddern an der Grenze zu Holland gebürtige van Dannen bereits sein achtes Album vor, und seit seinem im vorigen Jahr erschienenen Buch "Neues von Gott" hat das Multitalent auch als Schriftsteller echten Erfolg - was von ihm mit typischem Understatement heruntergespielt wird: "Da hatte ich auch schon mit nix mehr gerechnet. Dass sich das letzte Buch dann auf einmal so gut verkauft hat, kann ich nur darauf zurückführen, dass man Bücher nicht brennen kann wie CDs. Jetzt waren sie halt gezwungen, den Scheiß auch zu kaufen." Der Scheiß, der unter anderem von behinderten Amseln mit aufgeklebten Bärten, entgleisenden Kneipenkonversationen oder Hoden handelt, die sich in Fuchsbauten verirren und der von van Dannen (wie auf dem soeben als CD erschienenen Lesungsmitschnitt zu hören ist) mit vernehmlichen Vergnügen an den eigenen Witzen vorgetragen wird, hat sich mittlerweile über 50.000-mal verkauft. Hätte aber nicht so kommen müssen. Hätte auch früher oder gar nicht passieren können, wie van Dannen weiß, der vor knapp zwanzig Jahren begann, Lesungen in Kreuzberger Szenekneipen zu machen: "Es war immer super Stimmung, und von zehn Lesungen waren neun echt spitze. Aber es blieb völlig folgenlos." Schließlich gelang dann doch noch ein erster career move: Die tontechnisch grausam schlechte Geburtstagsparty-Heimaufnahme des Songs "Nana Mouskouri" landete auf dem Trikont-Sampler "Wo ist zuhause Mama" - und Funny van Dannen hatte seine ersten "Hit". Er handelt davon, dass jemand einen Bekannten beim Besuch eines Nana-Mouskouri-Konzerts ertappt: ein typischer van Dannen, dessen Songs sich irgendwo auf dem breiten Spektrum zwischen Ironie und Sarkasmus, aber definitiv diesseits des Zynismus befinden. Auch wenn sich der Sänger auf seiner jüngsten CD "Nebelmaschine" die Frage stellt: "Warum soll man die Leute denn mögen? Was ist so toll an denen?" - um zu dem Schluss zu gelangen, dass ihm das eigene Volk "einfach zu blöd" ist ("Mein Volk"). Von mieselsüchtiger Misanthropie aber hat der Vater von vier Söhnen - "alle blond und braunäugig", wie er anmerkt, als müsste er sich dafür entschuldigen, ein genetischer Langweiler zu sein - schon in den Achtzigerjahren mehr als genug gehabt: "Das Lebensgefühl war destruktiv: Spaß am Kaputtmachen, am Obszönen und Brutalen. In Künstlerkreisen war Kinderkriegen das Letzte: Man setzt doch in eine so beschissene Welt keine Kinder. Diesen Gedanken habe ich auch wahrgenommen, aber ich hätte das Gefühl dazu nie haben können. Gegen dieses coole Getue und die zynische Einstellung zum Leben ist ja ein Lied wie ,Nana Mouskouri' überhaupt entstanden." Gegen die seltsame Lust, alles scheiße zu finden und das dann selbstgefällig als illusionslose Haltung zu verbuchen, wirft Funny van Dannen nun also die Nebelmaschine an. Er singt vom "Gelingenden Leben" und vom tollen "Humankapital", nicht ohne zu verstehen zu geben, dass sich da jemand die Welt schön singt - die andererseits aber schon auch schön sein kann: "Wir saßen da und freuten uns / Wir freuten uns einfach nur / Wir saßen da und freuten uns / Über die Infrastruktur." Diese Ein- und Ansichten sind nicht bloß behauptet, sondern durch eigene, durchaus auch schmerzvolle Erfahrung gedeckt: "Dass Künstler leiden müssen, um gute Sachen zu produzieren, ist Quatsch. Mir ist lieber, ich weiß, wovon ich nächsten Monat leben und dass ich für die Kinder ein paar okaye Klamotten kaufen kann. Daher kommt auch meine Zuversicht: dass wir die Jahre über weder gesellschaftliche Anerkennung noch die materiellen Grundlage, sondern nur uns selbst und unsere Kinder hatten. Es kommt schon sehr nahe an die Situation von Adele Tschüssikowski heran." Letzteres ist eine Anspielung auf den Eingangssong von "Nebelmaschine", in dem die Liebe zwischen der aus Polen stammenden Titelheldin und dem Italo-Berliner Arrivederci besungen wird, die allen widrigen, aber auch recht alltäglichen Umständen trotzt und fünf Kinder hervorgebracht hat. Schönfärberei? Ach was! "Mein Publikum ist kritisch genug, dem muss ich nicht auch noch die Augen für den Wahnsinn der Welt öffnen. Die Leute sollen Freude haben und Kraft aus der Sache ziehen. Selbst in einem traurigen Lied soll etwas Mutmachendes drinstecken. Ich möchte keinen hoffnungslos machen oder so 'n Quatsch." Funny van Dannen macht die Art von Kunst, die sich unter den gegebenen Umständen eben machen lässt. Er kann jetzt, nach dem Umzug von Kreuzberg in einen ruhigen und auffallend kneipenarmen Winkel von Tempelhof, sogar in den Keller singen, zeichnen oder schreiben gehen und muss nicht länger alles im Epizentrum des Familienlebens, der Küche, aufschreiben und ausprobieren. "Ich könnte nie einen Roman schreiben - das ist in meinem Alltag nicht machbar." Das Arbeitspensum ergibt sich aus der Arbeitsteilung. Ist seine Frau, die eine Boutique in Kreuzberg hat, zu Hause, kann sich van Dannen auch schon mal zwei Stunden am Stück in den Keller setzen. Der jüngste, siebenjährige Sohn geht in die Schule, die anderen sind zwischen 17 und 22 Jahre alt und dementsprechend selbstständig. Produktionsdruck erlegt sich van Dannen keinen auf: "Oft spiel ich halt so 'ne Stunde vor mich hin, kommt nix bei raus, is' auch okay." Er selbst sei ja am liebsten mit neuen Sachen befasst: "Wenn ich ein Lied aufgenommen habe, ist das für mich eigentlich erledigt. Ich muss das nicht auch noch zehn Jahre vor Publikum singen." Wenn aber das Publikum danach verlangt, stellt sich der Sänger halt "in den Dienst der Leute". Ginge es allerdings nur nach ihm, würde der unehrgeizige, aber keineswegs ambitionslose van Dannen mit der Musik auch wieder Schluss und woanders weitermachen: "In der Malerei würde ich schon mal gerne noch richtig loslegen - weil ich das Gefühl habe, dass ich da noch nicht das Letzte gegeben habe." Unter dem Vordach zum Garten stehen Dutzende übermannshohe Ölbilder, die eigentlich in den Wohnungen von Kunstsammlern enden hätten sollen. "Ich habe immer sehr auf die Malerei gesetzt. Ich dachte: Bis ich dreißig bin, kann ich davon leben. Das war aber leider nicht der Fall. Da habe ich angefangen, wieder verstärkt zu schreiben und das auch in Kneipen vorzutragen, am Schluss vielleicht zwei, drei Liedchen dazu zu singen." Wie die Sache ausgegangen ist, wissen mittlerweile erstaunlich viele Menschen: "Heute morgen waren die Schornsteinfeger da, und als sie gingen, meinte einer: ,Wann gibt's die neue CD?'" Vielleicht erkundigt sich der Mann das nächste Mal schon nach den Bildern. Noch sind sie erschwinglich: Etwa 2000 Euro kostet ein Ölgemälde. Wenn sich van Dannens Spätzünderkarriere nun auch noch in der Malerei ereignet, werden Bilder um diesen Preis in einigen Jahren als historische Schnäppchen gelten.

in FALTER 11/2005



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