Back to Bedlam

James Blunt


Captain Sensitive Eine Begegnung mit dem englischen Exsoldaten James Blunt, der den Militärdienst quittierte, um eine wunderschöne Platte aufzunehmen. Es ist noch nicht lange her, da war James Blunt einer unter Tausenden jungen Männern, die von einer Karriere als Popmusiker träumen. Er schrieb Songs, er produzierte Demobänder, verschickte sie an Plattenfirmen. Und irgendwann wollte er es dann genau wissen: Er gab seinen sicheren Job auf, um sich ganz auf seine Musik konzentrieren zu können. Keine drei Jahre später sitzt der 28-jährige James Blunt in einer Wiener Hotelsuite und gibt freundlich Interviews. Anlässlich der Veröffentlichung seines ersten Albums "Back to Bedlam" in Kontinentaleuropa hat ihn seine Plattenfirma auf PR-Tour geschickt. Dass ein Musiker gleich bei seinem Debüt den Durchbruch schafft, ist nicht die Regel. Noch ungewöhnlicher ist nur James Blunts erlernter Beruf: Er war Offizier bei der britischen Armee. Letzter Dienstgrad: Captain. Wie schafft man es in knapp zwei Jahren von der Kaserne auf die großen Konzertbühnen? "Natürlich hatte ich Glück", meint Blunt. Hauptverantwortlich für seine märchenhafte Karriere sei sein Manager Todd Interland, der ihn mit den richtigen Leuten bekannt gemacht habe - unter anderen mit der kanadischen Musikerin und Starproduzentin Linda Perry (Pink, Christina Aguilera). In England ist die Platte schon im Herbst auf den Markt gekommen, und zwar bewusst ohne großen PR-Hype. "Ich wollte, dass das Ding sozusagen natürlich wachsen kann - über Liveshows und Mundpropaganda." Das Konzept ist perfekt aufgegangen: Im Vorprogramm von so unterschiedlichen Stars wie Elton John oder Lloyd Cole und bei kleinen Club-Gigs machte sich Blunt innerhalb weniger Monate einen so guten Namen, dass er mittlerweile auch als Hauptact große Hallen füllt. Für Karrieren wie diese gibt es selten plausible Erklärungen. Abgesehen davon natürlich, dass "Back to Bedlam" ein ergreifend schönes Album ist. Griffige Melodien, erdige Gitarrensounds, dezenter Streichereinsatz: Zunächst ist das einfach ein exzellent produziertes Stück Erwachsenenpop. Das Besondere daran ist vor allem die ungeheure Intensität, mit der Blunt teils mit Kopfstimme seine extrem persönlichen Songs (Hauptthemen: Einsamkeit, unglückliche Liebe) zum Vortrag bringt. Das im Titel angesprochene Bedlam ist der Name einer historischen Irrenanstalt in London, in Wien würde die Platte also "Zurück nach Steinhof" heißen. Das ist britischer Humor, aber auch eine Metapher für "all die Gedanken und Ideen, die sich in meinem Inneren angesammelt haben und lange nicht herauskonnten". Back to Bedlam" ist nicht unbedingt die Platte, die man von einem Soldaten erwarten würde. "Ich war kein Außenseiter in der Armee", widerspricht Blunt. "Es gibt dort die unterschiedlichsten Typen. Nur in der Uniform sehen sie alle gleich aus." Der aus einer Soldatenfamilie kommende Blunt studierte Flugzeugmechanik und Soziologie und besuchte die berühmte Militärakademie in Sandhurst. 1999 war er ein halbes Jahr im Kosovo stationiert, den letzten Song auf der CD, "No Bravery", hat er damals geschrieben. Obwohl sie von den Gräueln des Bürgerkriegs handelt, ist es die leiseste Nummer des ohnedies nicht sehr lauten Albums. Die Frage liegt nahe, was Captain a.D. James Blunt über den Irakkrieg denkt. "Mein Vater, mein Onkel, mein Cousin und einige meiner Freunde waren oder sind im Irak, und sie sagen: Die Einheimischen wollen uns nicht. Im Kosovo war die Bevölkerung unglaublich dankbar, dass wir da sind. Das ist der Unterschied." Dass Soldaten anders über das Leben denken als Zivilisten, glaubt James Blunt übrigens nicht. Obwohl: "Ich bin sehr pünktlich, und mein Tourbus ist immer sauber."

in FALTER 8/2005



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