The Beekeeper

Tori Amos


Der Lärm der Stille

Mit ihrem neuen Album "The Beekeeper" verknüpft Tori Amos einmal mehr Piano, Pop und Poesie. Dem "Falter" erzählte die US-Songwriterin vom kreativen Einfluss der Mutter Gottes und erklärt, warum laute Musik für sie kein Thema ist.

Well", sagt Tori Amos - und lässt erst einmal eine sehr lange Pause folgen. Im direkten Sprechtempovergleich ginge ein Alexander Van der Bellen da beinahe schon als Rapper durch. Die 41-Jährige wählt ihre Worte extrem bedacht, um sie dann sehr leise auszusprechen. Dem grünen Professor aber hat sie etwas Entscheidendes voraus: Wirkt der zurückhaltende Sprechstil bei Van der Bellen eher einschläfernd, so führen die Verzögerungen bei der in England lebenden Sängerin und Pianistin zu einer Steigerung der Spannung.

Dass ihre Antworten manchmal nur bedingt mit der ursprünglichen Frage zu tun haben, macht die Sache nur interessanter. Dabei geht es dem einstigen Pianowunderkind nicht darum, sich durch kunstvolle Verrätselung wichtig zu machen. Amos, die dieser Tage auch ihre gemeinsam mit der Journalistin Ann Powers verfasste Biografie "Piece by Piece" veröffentlicht, lebt einfach ein Stück weit in einer eigenen Welt, ist aber auf sehr freundliche und einnehmende Art darum bemüht, verstanden zu werden.

Trotzdem kann die simple Frage nach der Bedeutung des Gospelchors in einzelnen Stücken ihres achten Studioalbums "The Beekeeper" zu einem verwirrenden Exkurs über Soul, den obersten Gerichtshof, die Zukunft der USA und den Fall des Römischen Reichs führen. "Anfangs war es einfach eine musikalische Entscheidung", endet sie schließlich. "Aber wenn du es dir als Theaterstück mit Richtern und Geschworenen vorstellst, macht das einfach Sinn. Es hätte auch eine Gruppe von Schlagzeugern sein können, aber ich fand den Gospelchor kraftvoller."

Amos mag Konzepte. Vor vier Jahren veröffentlichte sie die Coverversionenplatte "Strange Little Girls", auf der sie männliche Songs - unter anderem vom Rapper Eminem, den Metalbösewichten Slayer und den Synthiepoppern Depeche Mode - aus einer weiblichen Perspektive interpretierte. 2002 folgte "Scarlet's Walk", Amos' akustische Amerikarundreise auf der Suche nach ihren Indianerwurzeln. Mit "The Beekeeper" setzt sich die für ihre feministische Lesart des Christentums bekannte Songwriterin jetzt äußerst unkonventionell mit der Bibel auseinander.

"Religion spielt im politischen Alltag der USA derzeit eine enorme Rolle", erklärt sie. "Als Tochter eines Pfarrers werde ich bei gewissen Phrasen hellhörig, die dazu gebraucht - oder missbraucht - werden, die Massen zu überzeugen. Oft ist das einfach emotionale Erpressung: Sie sprechen von Jesus, von Freiheit und rechtfertigen damit den Krieg." Auf der Suche nach einem künstlerisch produktiven Umgang mit dieser Scheinheiligkeit landete Amos über verschlungene Pfade bei der Mutter Gottes. Die habe ihr, erzählt Amos, empfohlen, den "Samen zu pflanzen - und zwar nicht im Garten der ,Original Sin', sondern der ,Original Sinsuality'": einer Amos'schen Wortschöpfung, die sin, das englische Wort für Sünde, mit sensuality (Sinnlichkeit) verknüpft.

"Mein Sohn hat mit seinem Gebot, nicht von der Frucht der Erkenntnis zu essen, ziemlich schlecht abgeschnitten, daher sollst du in meinem Garten von den verbotenen Früchten naschen", habe die betont poetische Songwriterin von der göttlichen Maria erfahren. Das knapp achtzig Minuten dauernde Album reflektiert in 19 Songs jene Emotionen, die dieses Naschen auslöste. Trotz des komplexen Überbaus klingt "The Beekeeper" auffällig entspannt; die erstmalige Verwendung einer Hammond-B3-Orgel hat Amos' Musik gut getan, ohne ihrem spezifischen Charakter zu schaden. Die Orgel - ein Weihnachtsgeschenk ihres Mannes - versteht die Musikerin als "männliche" Ergänzung zu ihrem stets als "weiblich" definierten Piano. Der Hammond-Sound habe sie zu frühen Aufnahmen von Stevie Wonder, Marvin Gaye und Al Green gebracht; ihre linke Hand sei sozusagen vom Funk infiziert worden.

Während Amos betont, dass ihre Songs stets persönliche Erfahrungen oder Beobachtungen enthalten, ist die klassische Singer/Songwriter-Arbeitsweise der vertonten Weltsicht für sie kein Thema. "Das erschöpft sich schnell. Als Musikerin brauche ich aber die Inspiration durch unterschiedliche Arten, Geschichten zu erzählen. In einigen meiner Lieblingsbücher und -filme gibt es Charaktere, die ebenfalls die Welt beobachten, Odysseus etwa oder auch Frodo (aus "Herr der Ringe", Anm. d. Red.). Sie tun das aber mit einer Komplexität, die etwas mehr ist als ein schlichtes Hier ist mein Tagebuch'."

Dass die Musik zu ihren Geschichten meist zurückhaltend ausfällt, kommt nicht von ungefähr. "Es geht um den Inhalt, nicht um die Lautstärke", sagt sie. "Gib ein paar Vierjährigen Instrumente und sie können deine Trommelfelle zerstören. Ich habe dagegen immer eine andere Herausforderung gesucht. Lautstärke kann sehr trügerisch sein: Sie suggeriert, dass du etwas zu sagen hast, während du dich letztlich doch oft darauf beschränkst, die Ohren der Leute zum Bluten zu bringen. Schaffst du es mit deinen Konzerten dagegen, dass den Besuchern danach Fragen durch den Kopf gehen, die vielleicht sogar ihre Art zu denken verändern, dann ist das wirklich laut."

Über ihre persönliche Beziehung zur weniger kontrolliert gespielten Stromgitarre besteht dennoch kein Zweifel. "Rock 'n' Roll ist ein nicht wirklich abfüllbares Elixier. Es hat etwas von einer Taufe, denn als Frau wirst du dir durch dein erstes Rockkonzert deiner Weiblichkeit bewusst. Oder deiner Sinnlichkeit, deiner Lust. Viele Leute haben ein beträchtliches Interesse daran, die Sexualität der Massen zu kontrollieren, dir diesbezüglich ein schlechtes Gewissen zu machen und dir diese Musik vorzuenthalten. Entsprechend unwiderstehlich war sie für mich als Pfarrerstochter."

Gerhard Stöger in FALTER 8/2005



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