The Dresden Dolls

The Dresden Dolls


Weills Erben Das gefeierte US-Duo Dresden Dolls kommt mit seinem ausdrucksstarken "Brechtian Punk Cabaret" live über Wien. Der erste optische Eindruck täuscht. Diese weiß geschminkten Puppenclowns sind mitnichten das neue Traumpaar todessehnsüchtiger Gruftizirkel und haben generell mit finsteren Gothic-Gefilden nichts am Hut. Dazu trägt Brian Viglione, der männliche der Dresden Dolls, viel zu gern eine Kopfbedeckung, die in eine ganz andere Welt und Zeit gehört: die Melone. Das künstlerische Universum des aus Boston stammenden Duos dreht sich um die Goldenen Zwanziger, um die Gesten der Stummfilmära und die Musik von Brecht/Weill, gebrochen allerdings mit der Hysterie der "Rocky Horror Picture Show" sowie der Rotzigkeit von Punk. Die Dresden Dolls machen Musik, wie man sie so garantiert noch nie gehört hat. Gerade in Zeiten einer strengen Formatierung der Musiklandschaft und einer daraus resultierenden Austauschbarkeit der meisten Akteure stößt sie auf besonders offene Ohren. Entsprechend frenetisch werden das Duo und sein an sich bereits vor einem halben Jahr erschienenes Album, das jedoch immer weitere Kreise zieht, momentan allerorts gefeiert. Begonnen hat die gemeinsame Geschichte von Brian Viglione und Sängerin, Pianistin und Songschreiberin Amanda Palmer aber schon vor einigen Jahren, als sie sich bei einem von Palmer bestrittenen Hausmusikabend trafen und fanden. Seitdem begleitet Viglione ihre ausdrucksstarken Darbietungen mit seinem rumpelnden Schlagzeugspiel sowie drastischen pantomimischen Einlagen: Die Fratzen, die er schneidet, steigern Augenzeugenberichten zufolge noch einmal die Wirkung der Stücke beziehungsweise unterlaufen sie ironisch. In seiner ersten Karrierephase hatte das Duo dabei mangels größerem öffentlichem Interesse bei zahllosen Auftritten auf Off-Off-Kleinkunstbühnen viel Zeit, seine schräge Performance zwischen Musik und Theater nach und nach zu perfektionieren. Das Ergebnis ist eine runde Sache und kann doch polarisieren. Denn mit ihrer Musik und der Intensität, in der bisweilen auf die Instrumente eingedroschen wird und die Stimmbänder strapaziert werden, schießen die Dresden Dolls schon mal übers Ziel hinaus. Doch das liegt nur in der Natur der Sache. Lieber over the top und streitbar als langweilig und berechenbar, scheint das Motto der beiden zu sein. Und so findet in Liedern wie "Missed Me" oder "Girl Anachronism" zusammen, was gemeinhin wenig bis nichts miteinander zu tun hat: kecke Chansontexte über junge Mädchen, die sich ihrer Wirkung auf ältere Männer mehr als bewusst sind, und der Geist des legendären Punk-Clubs CBGBs; oder gefinkelt gebaute kleine Kunstlieder in der Brecht/Weill-Tradition und das hohle Pathos der großen Musicalbühne; oder ein düsterer Existenzialismus und Momente höchster Euphorie. Die leidige Frage nach der Halbwertszeit, die sich die Dresden Dolls wie andere erfolgreiche musikalische Grenzgänger der letzten Zeit (die Mopedrocker The Darkness oder die glamourösen Discowiedergänger Scissor Sisters) irgendwann stellen werden müssen, wollen wir fürs Erste ausklammern. Hier und jetzt bieten sie bestes Entertainment.

Sebastian Fasthuber in FALTER 8/2005



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