Außenseiter/Spitzenreiter. Schönheitsfehler...

Schönheitsfehler


Schluss mit lustig Nach wechselvoller zwölfjähriger Karriere geht die Wiener HipHop-Institution Schönheitsfehler mit einem großen Abschiedskonzert in Pension. Es ist schon seit knapp zwei Jahren im Raum gestanden. Nach den Feierlichkeiten zum zehnjährigen Bestehen dachten die beiden Rapper Milo und Peman "Poser" Paul und ihr DJ und Produzent Burstup erstmals darüber nach, den Schönheitsfehler Schönheitsfehler sein zu lassen. "Da wir alle nicht unbedingt rückwärts, sondern eher vorwärts gerichtet sind, erschien uns das als cooler Zeitpunkt, ein schönes, großes Ding zu beenden", erinnert sich Milo. Den coolen Zeitpunkt haben sie verpasst, weil noch die Doppel-CD "Außenseiter/Spitzenreiter" und eine umfangreiche Abschiedstour dazwischenkamen. Am 18. Februar wird Österreichs bekannteste HipHop-Formation aber definitiv zum letzten Mal auf einer Konzertbühne stehen. "Wir sind nicht zerstritten, haben keine künstlerischen Differenzen, lieben die Musik nach wie vor und geben auch unser Studio nicht auf. Im Gegenteil: Wir richten es gerade her", lässt Burstup die Frage nach dem Warum eher offen. "Aber es muss nicht ewig weitergehen. Wir drei definieren uns nicht so sehr über Schönheitsfehler, dass wir die Band brauchen, um uns vollständig zu fühlen." Als die Wiener Rapper 1992 zu fünft begannen, stellte HipHop noch eine abseits des Popmainstreams angesiedelte Subkultur dar; deutschsprachiger Rap war ein absolutes Novum. Burstup & Co positionierten sich mit ihrer anfangs noch "Schönheitsfeler" geschriebenen Band geschickt zwischen den dogmatischen Polen der deutschen Kollegen, für die es damals nur zwei Varianten gab: hier der strenge Politrap, dort das kindische Geblödel. "Alleine unser Name hat für uns immer bedeutet, dass wir machen können, was wir wollen - auch wenn es nirgendwo reinpasst", meint der DJ und Produzent. "Die Band war im Prinzip immer eine Familie, wo man Narrenfreiheit hatte: Wir haben gemeinsam durchgezogen, worauf wir Lust hatten", bekräftigt sein rappender Kollege Milo, der heute die auf Bandmerchandise und poppige T-Shirts spezialisierte Bekleidungsfirma Merchzilla betreibt. "Irgendwie entstand bei uns von Beginn an aus Scheiße Gold; wir lernten, mit den bescheidensten Mitteln etwas zu machen", erinnert sich der Jungunternehmer an die Anfänge. Das erste Schönheitsfe(h)ler-Video kostete einen Schillingtausender; ihre erste Vinyl-EP "Broj Jedan" produzierten sie 1993 auf einem alten Amiga-500-Computer. Gepresst wurde die Platte in Tschechien, die Bandmitglieder selbst brachten sie anschließend per Fahrrad in die Wiener Plattenläden. Sieben Jahre später sollte Universal Deutschland die drei für Aufnahmen zum Ärzte-Produzenten Uwe Hoffmann nach Spanien schicken und einen sechsstelligen D-Mark-Betrag für ein Schönheitsfehler-Video ausgeben. Dazwischen liegt eine enorm wichtige Aufbauarbeit für Österreichs HipHop-Szene, die Schönheitsfehler mit ihrem Label Duck Squad - Texta aus Linz veröffentlichten hier ebenso ihr Debüt wie die Innsbrucker Total Chaos -, diversen teils in Kooperation mit der Musikindustrie entstandenen Samplern und der Veranstaltung von HipHop-Partys leisteten. Die eigene Karriere verlief nicht wirklich linear. Schönheitsfehler standen bei zwei großen Plattenfirmen unter Vertrag, um letztlich doch immer wieder in Independentstrukturen zu landen. Sie veröffentlichten mehr Tonträger als jeder andere heimische HipHop-Act, erreichten mit dem Album "Sex, Drugs And HipHop" Platz zwanzig der Austria-Top-40, reüssierten mit dem Song "Immer schön langsam" zeitgleich auf Ö3 und FM4 - und blieben in der Wahrnehmung doch ein "Alternative"-Act, obwohl ihre Musik häufig vor allem Teeniepop war. Von künstlerischem Purismus und der reinen HipHop-Lehre hielten Schönheitsfehler nie viel, was ihr Dasein zwischen den Stühlen nicht eben vereinfachte. Stilistisch gefiel sich ihre Musik in großer Offenheit, inhaltlich gingen Infantilität und Ernsthaftigkeit nicht nur einmal Hand in Hand. Nach einem Songtitel wie "Ich geh in den Zirkus und lass mich ausstellen als Vollidiot" sucht man bei der Kollegenschaft lange; ebenso aber auch nach einem im tendenziell von Homophobie und Sexismus geprägten HipHop geradezu radikalen Statement wie: "Ja, wir haben Sex, ich auch. Egal, ob Mann oder Frau, wir nehmen's nicht so genau." "Wir hatten an unsere Musik immer den Anspruch, dass sie auch unterhalten und live funktionieren sollte, denn wenn ich eine Lesung halten will, halte ich ohnehin eine Lesung", sagt Milo. "Gleichzeitig ist Musik natürlich eine gute Möglichkeit, seine politischen und künstlerischen Ansichten unter die Leute zu bringen." Manchmal steckte aber tatsächlich nicht mehr hinter einem Schönheitsfehler-Song als ein verblödelter Nachmittag im Studio. "Ich traf Falco und ich fand ihn nett", ihre posthume Hommage an die Wiener Poplegende, ist ein Beispiel dafür. Wie das Treffen im Rahmen der FM4-Sendung "Tribe Vibes" damals war? Milo: "Insofern befremdlich, weil Falco mit Lederfransenjacke, Cowboy-Boots und einer schwarze Kappe daherkam, auf der in Pink Wörthersee' draufstand. Diesen Auftritt hast du durch sein Gehabe und seine Antworten aber sehr schnell vergessen. Er war auf seine Art arrogant, aber nicht ungut, und er hat sich auch für uns interessiert, unseren Input aufgesaugt." Falcos Fransenjacke schaffte es übrigens nur in die Demoversion des Songs. Im fertigen Stück hat sie Milo des besseren Andenkens wegen durch einen schwarzen Anzug ersetzt.

in FALTER 7/2005



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