Erste Begegnung

Angelika Kirchschlager, Barbara Bonney


"Was tu ich eigentlich?" Angelika Kirchschlager ist eine der besten Mezzosopranistinnen in Konzertsaal und Opernhaus. Vor ihrem neuen Liederabend sprach sie mit dem "Falter" über Marketing und Zeitmanagement, schreckliche Inszenierungen und das Schlagwerk. Achtunddreißig. Wer unbedingt wissen möchte, wie alt Angelika Kirchschlager ist, braucht nicht besonders lange zu googeln. Bei einer klassischen Sängerin, zumal bei einer international gefragten, ist das ziemlich ungewöhnlich. In der Regel achten selbst Debütantinnen schon peinlich genau darauf, dass sich auf dem Abendzettel ja kein Hinweis aufs Geburtsjahr findet. Warum das so ist? Man weiß es nicht. Fachliche Gründe gibt es jedenfalls keine. Der Stimme hört man ohnehin an, ob sie noch jung und frisch, schon reif und auf der Höhe ihrer Zeit oder bereits ausgeleiert und am Ende ist. Angelika Kirchschlager hat offensichtlich kein Problem mit ihrem Alter. Überhaupt gilt die in Wien lebende Salzburgerin als eine der sympathischsten Erscheinungen in der alles andere als schnösel- und zickenfreien Sangesbranche. Das mag auch ein bisschen damit zusammenhängen, dass Kirchschlager Mezzosopran ist. Die marottenanfälligen Publikumslieblinge, die Divas, sind zumindest dem Klischee nach eher die Soprane und Tenöre, für die auch die ganz großen, prominenten Opernarien geschrieben wurden. Jene von Mozarts Königin der Nacht zum Beispiel. Und dafür fehlen Kirchschlagers Stimme nach oben hin drei, vier Halbtöne. Für die noch spektakuläreren Partien des dramatischen Fachs, für "Tristans" Isolde etwa, fehlen ihr außerdem ein paar Phon und ein paar Pfunde. Kirchschlagers schlankere und tiefere Stimme ist geeignet für ein ganz anderes Fach: für George Bizets "Carmen" zum Beispiel, oder für Opern von Gioacchino Rossini, von Richard Strauss und vor allem von Mozart. An der Wiener Staatsoper ist sie regelmäßig in fast allen ihren wichtigen Partien zu hören: als Dorabella in "Così fan tutte" und Cherubino in "Le nozze di Figaro", als Orlofsky in der "Fledermaus" und als Octavian im "Rosenkavalier". Daneben gibt sie, anders als die meisten der gewichtigeren Wagner-Sängerinnen, immer wieder Liederabende: demnächst auch in Wien, mit einem ungewöhnlichen Programm. Sich selbst und auch die meisten Kolleginnen und Kollegen aus ihrem Fach zwischen Mozartoper und Lied hält Kirchschlager für "fröhlich und unkompliziert". Im Gespräch mit dem Falter jedenfalls hat sie diese Selbsteinschätzung bestätigt. Obwohl: Mit der unerwarteten Ankunft von Fotograf Heribert Corn hatte sie dann doch ein kleines Problem. Ungeschminkt und noch nicht allzu lange auf den Beinen, wollte sie sich allenfalls fürs Blattinnere ablichten lassen. Die Option auf ein Falter-Titelblatt lehnte sie dankend ab. Falter: Sie haben sich grade am Handy bei Ihrem PR-Mann erkundigt, weshalb Sie nichts davon wussten, dass ein Fotograf zu unserem Gespräch kommt. Sorgen Sie genau dafür, welches Bild von Ihnen verbreitet wird? Angelika Kirchschlager: Es arbeitet niemand an einem Bild von mir, das dann gezielt in der Öffentlichkeit verbreitet wird. Das ist Gott sei Dank in unserem Business noch eher die Ausnahme. Wer macht das denn schon? Die Anna Netrebko. Und die Renée Flemming, aber die ist ja auch Amerikanerin. Das mit meinem PR-Mann ist in Wirklichkeit viel einfacher: Ich brauche jemanden, der meine Interviews koordiniert, der mir hilft, meine Zeit gut zu nutzen. Werden Sie nicht einmal von Ihrer Plattenfirma gedrängt, Marketing zu betreiben, mit den entsprechenden Fotos und Homestorys? Nein, das gibt's bei mir alles nicht. Ich hab ja noch nicht einmal eine Homepage. Mein PR-Mann soll bloß dafür sorgen, dass ich medial präsent bleibe. Aber so, wie ich bin. Es ist unglaublich, aber wahr: Selbst Operndirektoren lassen sich von einer Coverstory der Opera News beeindrucken. Wenn du da auf dem Titelblatt bist, steigt die Nachfrage nach dir. Und auch bei den Platten schlägt sich mediale Präsenz auf den Verkauf nieder. Das erlaubt es mir, das zu machen, was ich will, oder überhaupt meinen Vertrag zu behalten. Denn wenn sich meine Platten nicht verkaufen, werd ich irgendwann mal rausgeschmissen. Von Ihnen wird's also kein sexy Video geben wie von Anna Netrebko? Nein, das passt doch gar nicht zu mir. Können Sie im Betrieb noch selber entscheiden, was zu Ihnen passt? Da bin ich beinhart. Ich brauch auch ehrlich gesagt keine Plattenfirma. Vielleicht bin ich auch deswegen so gut dabei, weil es mir total egal ist, ob ich Platten aufnehme oder nicht. Eine Platte ist für mich ein nettes Souvenir, eine Dokumentation, mehr nicht. Auch die letzte mit Barbara Bonney ist nur entstanden, weil wir beide einmal viel Zeit miteinander verbringen wollten. Dafür ist es super: Man ist stundenlang zusammen im Studio, man wohnt im gleichen Hotel, sitzt am Abend gemeinsam in der Bar - und nebenbei entsteht eben zufällig auch eine CD. Trotzdem haben Sie noch einen Exklusivvertrag. Das ist heute schon eine Seltenheit. Ja, ja, ich halt mich eigentlich schon ziemlich lange. Ich mach auch nicht jedes Jahr eine Platte. Bei mir dauert das immer so lang. Ungefähr alle drei Jahre schaff ich's dann. Und die Firma drängelt nicht? Doch! Die würden gern jedes Jahr eine Platte machen. Die Leute stellen sich das ja nur so vor: Diese Opernsänger singen an zwei Abenden die Woche irgendwas, was sie eh schon so oft gesungen haben. Also, was tun die eigentlich den ganzen Tag? Das frag ich mich ja manchmal selber! Und? Ich tu echt die ganze Zeit! Ich könnte acht Stunden täglich meine eigene Sekretärin sein. Deswegen versuch ich jetzt auch, mein Leben umzustellen. Ich versuch, es zu vereinfachen: Simplify your life. Wie das? Ich hab keinen Anrufbeantworter mehr, kein E-Mail, keinen Computer, gar nichts. Nur noch ein Handy. Oder meine Liederabende: Die hab ich bislang immer zusammengestoppelt: für den einen Veranstalter dieses, für den anderen jenes und für den dritten überhaupt was ganz Neues. Am Schluss weiß man nie was, wann, wo und muss mit dem Pianisten jedes Mal neu proben. Das war mir zu kompliziert. Jetzt lern ich jedes Jahr ein komplett neues Programm auswendig - und fertig. Ihr aktuelles Programm ist ziemlich ungewöhnlich zusammengestellt, mit Liedern von Haydn, Grieg und Liszt. Haben Sie das selber so kombiniert? Gemeinsam mit meinem Begleiter Helmut Deutsch. Die französischen Lieder von Liszt und Poulenc sind dabei, weil ich jetzt auch das französische Opernrepertoire angehe. Und zum Ungarn Liszt, der auf Französisch schreibt, passte dann der Norweger Grieg, der auf Deutsch schreibt, und der Österreicher Haydn, der auf Englisch schreibt. Wieso gehen Sie das französische Repertoire an? Dahinter steht eine Persönlichkeitsentwicklung. Bis jetzt hab ich halt vor allem Mozart gemacht, und langsam möchte ich raus aus dieser Ecke. Ist es kurz vor dem Mozartjahr 2006 nicht ein schlechter Zeitpunkt, um die Mozartecke zu verlassen? Schon, aber bis auf "Idomeneo" im Theater an der Wien sing ich 2006 eh keinen Mozart. Die Salzburger Festspiele haben mich nicht eingeladen. Das find ich überhaupt total witzig: Da werden alle 22 Mozartopern aufgeführt und es hat sich nicht eine einzige Rolle für mich gefunden. Eigentlich bin ich fast schon erleichtert, dass ich mich mit dem ganzen Mozartwahnsinn nicht auseinander setzen muss. Dieses Gedenkjahr wird total an mir vorübergehen. Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie früher Journalistin werden wollten. Stimmt, das war eine Option. Das, was Sie jetzt grade mit mir machen, das hätt ich auch gern gemacht. Viele Künstler behaupten ja, keine Kritiken zu lesen. Tun Sie's als Fastjournalistin doch? Nein, mir ist die Kritik eines Orchesters viel wichtiger. Die sind unbestechlich. Ich hab einen sehr guten Freund bei den Wiener Philharmonikern, wenn der nach dem Konzert nicht zu mir raufschaut, dann weiß ich: Heut war's nix. Ein anderer Ihrer Berufswünsche soll Schlagzeugerin gewesen sein. Stimmt auch. Ich hab sogar klassisches Schlagwerk studiert und im Orchester gespielt. Mir hat das viel gebracht, nicht nur fürs Rhythmusgefühl. Als Opernsänger bist du sozusagen ganz oben in der Musik, über allen Stimmen. Und ganz unten ist das Schlagwerk, die Basis. Auf diese Instrumente hört ein Sänger normalerweise gar nicht. Dabei hilft es irrsinnig. Was tun Sie eigentlich, wenn Sie mit der Regie einer Opernproduktion einmal überhaupt nicht einverstanden sind? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Einmal, ganz am Anfang, bin ich aus einer Produktion sogar ausgestiegen, weil ich dem Regisseur bei einigen extremen Szenen nicht hundertprozentig vertrauen konnte und Angst hatte, dass das alles bloß peinlich wird. Dann gibt's die Fälle, wo man die Inszenierung als solche entsetzlich findet, richtig schrecklich und am Stück vorbei. Aber wenn mir am Stück selbst nicht so wahnsinnig viel liegt, zum Beispiel an einer Operette, dann mach ich's halt. Wozu soll ich mich auf Diskussionen einlassen wie "ich kann das nur so und nicht anders verkörpern". Mein Gott, dann soll die lustige Witwe halt von links nach rechts hupfen. Und wie schaut's aus, wenn von einer Inszenierung gar nichts mehr übrig ist: in einigen der jahrzehntealten Produktionen der Wiener Staatsoper etwa? Na ja, da kommt's halt auf die Menschen an, die sich in diesem alten Bühnenbild bewegen. Die sind ja jung und frisch. Und dann ist es auch egal, wenn die Kulisse halb zusammenbricht. Wenn Sie im Ausland auf Tournee sind, bemerken Sie dann etwas von den Imagebemühungen Österreichs, sich als Musikland zu präsentieren? Nein. Dass ich aus Österreich bin, spielt überhaupt keine Rolle. Das ist ja das Schöne an meinem Beruf. Es gibt keine Klassenunterschiede, keine Nationalitätenprobleme, nicht einmal Probleme emanzipatorischer Natur. Die Frauen verdienen wirklich so viel wie die Männer. Oder sagen wir lieber so: Mezzosoprane verdienen genau so viel wie Baritone, und Soprane genau so viel wie Tenöre.

in FALTER 7/2005



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