Hurricane Bar

Mando Diao


Rattenbiss im Hinterzimmer Am Anfang stand eine große Lüge. Aber nun boomt die Londoner Liveszene tatsächlich wieder heftig: von Bloc Party über Ladyfuzz bis Mando Diao. Es ist ein offenes Geheimnis der Dienstleistungsindustrie: Hinter jeder Kellnerin in Hollywood steckt eine angehende Charakterdarstellerin und hinter so mancher Imbisstheke in Tübingen ein Summa-cum-laude-Germanist. Mindestens genauso lohnend kann es aber sein, den Kartenabreißern in Londoner Kinos vorsorglich Autogramme abzunehmen. Nehmen wir etwa die beiden jungen Menschen, die im Curzon Soho in der Shaftesbury Avenue in blauen T-Shirts ihre Stunden an der Saaltür abdienen. Sie, Liz Neumayr, ist Sängerin und Songschreiberin; er, Matt Lord, Gitarrist bei Ladyfuzz, einer der hoffnungsvollsten unter Hunderten Bands, die in der boomenden Londoner Liveszene um die Gunst der Kids konkurrieren. Mit ihrem von einem tanzbaren Rock-Riff vorangetriebenen Schlachtruf "Oh Marie" erreichten Ladyfuzz das Prädikat "Single of the Week" in der BBC-Show von Tom Robinson (der alte Tom Robinson von der Tom Robinson Band). Bei ihrer Plattenpräsentation im Barfly an der Chalk Farm Road mussten überhitzte Industrieagenten sich mit ihren Scheckbüchern Luft zufächeln. "Wir bekamen schon nach unserem zweiten Auftritt Deals angeboten", erzählt die gebürtige Eisenstädterin Neumayr, "aber wir sagten: Nein, wir müssen uns das erst verdienen." Also kratzte die Band ihr Erspartes zusammen, fuhr nach Berlin Tempelhof und probte dort einen Monat lang ein solides Programm ein. Nach London zurückgekehrt, holten Ladyfuzz sich mit ein paar Inkognito-Auftritten unter dem Tarnnamen The Squirrels den letzten Schliff. Und dann einen Anwalt, der die Angebote diverser Labels prüfte. Im Nachhinein klingt das alles wie ein Klacks, aber Neumayr hatte sich jahrelang als DJ durch die Szene geschuftet, ehe sie mit perfektem Timing aufs neu erstarkte Bandformat umsattelte. Das Livedebüt der Band Ladyfuzz vor zwei Jahren litt noch merklich darunter, dass dem damals ungeübten Schlagzeuger am Ende jeder Nummer die Luft ausging. Unübersehbar waren dagegen die bühnenfüllende Persönlichkeit und der metallisch hämmernde Stil des Aushilfsgitarristen Kele Okereke. Neumayr hatte ihn als Kartenabreißer-Kamerad im Curzon Soho kennen gelernt. "Er hat mir die Hinterkammer gezeigt und behauptet, dass dort einmal eine Ratte jemandem den Arm abgebissen hätte. Ich hab mich zuerst nicht mehr reingetraut, aber es war natürlich eine gemeine Lüge." Und Okereke bestätigt: "Ich hielt anfangs nicht viel von Liz. Sie kannte immer gleich alles und jeden. Aber mit der Zeit kam ich drauf, dass sie viel von Musik versteht. Wir wurden Freunde und zogen zusammen." Okereke schickte ein Demo seiner Band Bloc Party an die freundlichen Schotten Franz Ferdinand und bekam postwendend einen Gig als Vorband angeboten. Gemeinsam mit Ladyfuzz und aufstrebenden Bands wie Art Brut und Vichy Government tauchten Bloc Party zudem auf einer Compilation namens "New Cross - An Angular Sampler" auf. Die anfangs nur für eine Förderung von der Gemeindeverwaltung erfundene Fiktion einer lebhaften Bandszene im schäbigen Südlondoner Viertel New Cross wuchs sich laut Neumayr zur "großen Londoner Lüge" aus: "Wir waren nur ein einziges Mal da unten, um mit dem Label die Compilation zu besprechen." Die britische Musikpresse aber witterte in der vermeintlichen Szene das ideale Gegengewicht zur New Yorker Dominanz der letzten Jahre. New Cross wurde umgehend für hip erklärt. Zwischenzeitlich ist Bloc Party zur Konsensband des Moments gereift. Mit einem gleichzeitig an Gang of Four, den jungen Julian Cope, The Cure und die punkige Seite von Blur erinnernden Sound verkörpert ihr Debüt "Silent Alarm" die intellektuelle Front der blühenden Gitarrenszene. An der anderen, retrofixierten Front operieren Bands wie die kecken bis größenwahnsinnigen Mando Diao aus der schwedischen Industriestadt Borlänge: "Ein raues und kaltes Pflaster", erklärt Schlagzeuger Samuel Giers. "In Borlänge gibt es immer Krieg zwischen den Drogengangs. Wir verkrochen uns in den Probekeller, um uns davon fern zu halten." Gelegentlich steckten Mando Diao ihre Köpfe an die frische Luft, um als Vorgruppe im örtlichen Britpopclub größere, durchreisende Bands brutal von der Bühne zu blasen. Die Kunde ihrer manischen Shows sprach sich bald zur schwedischen Emi und in der Folge zur Rock-'n'-Roll-hungrigen Londoner Szene durch. Letztes Jahr erschien ihr Debüt "Bring 'Em In", eine Sammlung alter Proberaumaufnahmen als authentisches Dokument gelebten Garagenbeats. Ihrem alten Stammlokal, der "Hurricane Bar", haben Mando Diao nun den Titel ihres zweiten Albums gewidmet. "Mit Bring 'Em In' haben wir eigentlich 200.000 Demos verkauft", sagt Gitarrist Björn Dixgard. Das in drei Wochen aufgenommene, vom Geist prägender Revisionisten wie The Las und Oasis beseelte Nachfolgewerk "Hurricane Bar" sei Mando Diaos "erstes richtiges Album". Auf die anfängliche Begeisterung über den Erfolg im gelobten Land des Pop ist indessen Ernüchterung gefolgt: "Überall in London siehst du Drogen", meint Giers, "jede kleine Band will schon koksen." Und Dixgard ergänzt: "Schau dir die Libertines an: Die hatten die Welt in ihrer Hand und haben alles zerstört." Worte, die angesichts der aktuellen Festnahme des crackabhängigen Ex-Libertines-Sängers Pete Doherty wegen Raub und Körperverletzung einen düsteren Nachklang annehmen. Eine wie Liz Neumayr freilich hat für den in der Szene grassierenden Harte-Drogen-Chic schlicht keine Zeit: "Soweit ich das sehe, sind's nicht die Bands, sondern die ganzen Tussen und Typen von all diesen Labels und Managements, die sich zuknallen. Wir können uns das nicht leisten. Wir stehen früh auf und proben, oder wir arbeiten hier im Kino." Letzteres nicht mehr lange, wenn's so weitergeht.

in FALTER 6/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×