Lady Sleep

Maximilian Hecker


Die Last der Welt Selten klang Weinerlichkeit so schön wie bei Maximilian Hecker, dem Sänger für Pubertierende aller Altersstufen. Am meisten fühlt man sich als Popstar, wenn man die erste Party seines Lebens besucht", sagt Maximilian Hecker. Der deutsche Sänger von ausgesucht schönem Kitsch-Kunstpop zwischen den frühen Radiohead und a-ha hat gerade sein drittes Album, "Lady Sleep", veröffentlicht und ist seiner Logik zufolge über die Starphase in seiner Musikerlaufbahn weit hinaus. Vor sieben Jahren, als der damals 21-Jährige aus dem ostwestfälischen Ort Heidenheim nach Berlin übersiedelte, am Hackeschen Markt in Mitte mit Straßenmusik von Nirvana bis Oasis seinen späteren Brötchengeber Patrick Wagner vom Label kitty-yo beeindruckte und damit den Grundstein zu seiner Karriere legte, sah das ganz anders aus. "Ich habe mich danach nie wieder so sehr als Teil des Glamours gefühlt", erinnert er sich. "Damals ist die Vision des Showbusiness noch vor mir geschwebt, und es gab noch keinen Schnittpunkt dieser Welt mit meiner realen Welt. Ich habe damals auch nie daran gedacht, etwas auszulegen, wo man Geld hätte reinwerfen können. Heute, wo ich von Musik lebe, ist alles mit einer größeren Schwerkraft behaftet." Auf "Lady Sleep", dem Nachfolger von "Infinite Love Songs" (2001) und "Rose" (2003), singt Maximilian Hecker denn auch mit aller Inbrunst, die sich in ruhige Musik legen lässt, gegen diese Schwerkraft sowie gegen die Last der Welt an sich an. Von Einflüssen der Jugendidole Kurt Cobain und Liam Gallagher ist keine Spur mehr zu vernehmen, statt Rock sind bei Hecker heute zerbrechliche Balladen angesagt. "Traurig" werden diese Lieder oft genannt, doch das trifft nur bedingt zu; eher geht es um eine bittersüße Melancholie, um die schöne Seite des Schmerzes. Hecker selbst, der im Verlauf des Telefongesprächs mit dem Falter immer häufiger Dinge sagt, die man so eher von André Heller als von einem jungen deutschen Songschmied erwarten würde, erklärt den Antrieb hinter seiner Musik als einen existenziellen: "Es geht um Glückseligkeit. Jegliches Sehnen, das sich in den Liedern ausdrückt, ist ein Sehnen nach einem körperlosen Zustand. Wenn ich von Dingen wie Todessehnsucht singe, ist das aber nicht morbid gemeint, sondern als etwas Befreiendes. Es geht um die Befreiung von der Last der Welt." Das Ergebnis kann dann schon mal ein wenig weinerlich klingen. Nichtsdestotrotz treffen einige dieser Songs mit Klavierbegleitung - die Gitarre von einst hat Maximilian Hecker inzwischen abgelegt - mitten ins Herz. Anders als andere deutsche Indiemusiker ist der 27-Jährige ein echter Könner, der weiß, wie er musikalisch eine bestimmte Wirkung erzielt. Als Figur lässt sich über ihn geteilter Meinung sein ("Bei den Aufnahmen einer Platte geht es darum, dass ich mich dadurch selbst erlöse", raunt er noch in den Hörer), seine Lieder jedoch sind frei vom Posenhaften, das sein Auftreten begleitet - als würden sich die inneren Kämpfe ihres Machers in den Stücken auflösen. "Lady Sleep" dürfte freilich einmal mehr polarisieren. Dies ist keine Platte für alle Situationen und Lebenslagen, aber sie enthält dafür auch kein lauwarmes Etwas, das schon als Hintergrundberieselung konzipiert wurde, sondern Momente höchster Intensität. Musik, in der sich baden lässt wie im Selbstmitleid der Pubertät. "Ich darf nicht Kurt Cobain nachmachen, ich muss er selbst sein", dachte der Sänger einst als jugendlicher Imitator. Heute ist er Maximilian Hecker und selber irgendwie ein Original.

in FALTER 6/2005



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