Fakes

dZihan & Kamien


While the city sleeps Vom gehypten und einst auch international stark beachteten Vienna Sound ist wenig geblieben. Jetzt muss sich die Clubmusikszene neu erfinden. Es ist sehr still geworden um die einst - auch in diesem Blatt - so hochgelobte Wiener Szene und um den vielzitierten und selten definierten, weil in Wahrheit ziemlich heterogenen Vienna-Sound, der jahrelang für volle Clubs sorgte. "Der Hype ist verschwunden und einer gewissen Gleichgültigkeit gewichen", meint Rudi Wrany, der es als Groove-Beauftragter des Flex wissen muss. Das gilt nicht nur für die Clubnächte mit Stars wie Kruder & Dorfmeister, es betrifft auch das Echo, für das einschlägige Produktionen noch sorgen. Im vergangenen Jahr fielen da neben der Ausnahmeerscheinung Gustav allenfalls I-Wolf, Klaus Waldeck mit Saint Privat und Rodney Hunter auf, der Rest aber eher durch die medialen Aufmerksamkeitsraster. Es wird zwar nach wie vor viel produziert und auch gekauft (siehe Interview mit Soul-Seduction-Boss Alexander Hirschenhauser im Kasten), aber angesichts einer von Grund auf veränderten Musiklandschaft und der großen Rückkehr des Rock bekommt man davon nicht mehr allzu viel mit. Erst hochgelobt, später mitunter belächelt, immer öfter einfach ignoriert - entsprechend gespannt ist das Verhältnis manches Szeneprotagonisten den Medien gegenüber. "Wir sind in der Hinsicht schon etwas dünnhäutig", meint Mario Kamien vom Erfolgsduo dZihan & Kamien (D&K). "Was mich stört: Der Diskurs reduziert sich ein bisschen auf Sympathie oder Antipathie. Es gibt in gewissen Blättern Artikeln, die verurteilen zum Beispiel Veranstaltungen, bevor sie überhaupt stattgefunden haben." Auch auf die Frage, ob die neue Doppel-CD "Fakes" mit Remixen und Jazzversionen von Stücken des letzten Studioalbums "Gran Riserva" nicht nur ein Ausräumen der D&K-Archive darstelle, reagiert Kamien leicht verschnupft: "Sachen aus dem Archiv können ja immer noch eine Berechtigung haben. Und die Jazzplatte war eine eigene, aufwendige Produktion. Das nur als Recycling zu betrachten, würde der Sache nicht gerecht werden." Man plane zwar auch schon, neues Originalmaterial aufzunehmen, dieses brauche aber seine Zeit. Vielleicht ist es ja nur Zufall, dass auch das Debütalbum des Elektro-Kollektivs KonsortenTM vorwiegend älterer Stücke versammelt, aber spannende musikalische Entwicklungen sucht man in der Szene zur Zeit eher vergeblich. Wo bei dZihan & Kamien eindrucksvoll produzierter Wohlklang auf hohem Niveau vor sich hin plätschert, warten die Konsorten auf "Paradies der Tiere" mit einer bunten, doch nicht immer zwingenden Mischung elektronischer Tanzmusiken der vergangenen beiden Jahrzehnte auf. Was so ähnlich schon für den frechen Neo-NDW-Hit "Lang-auf" (2002) galt, trifft auch auf das jüngste Album zu: Der Hang zum "bewusst Uncoolen" (Konsorten-Mastermind Peter Zirbs) ist zwar ganz sympathisch, musikalisch aber nicht besonders interessant. Wobei die Konsorten ihr Album vorrangig als akustisches Dankeschön an ihre treue Partyfangemeinde verstehen. Und überhaupt regiert hier nach einem kurzen Flirt mit einem Major-Label Bescheidenheit: "Jede Nennung des Namens ist schon erfreulich." Das klingt ungesund unambitioniert, ist aber durchaus angemessen. Während sich nämlich Platzhirsche wie Kruder & Dorfmeister rar machen (Ersterer produzierte das demnächst erscheinende Debütalbum von Urbs, Letzterer tüftelt an einer neuen Tosca-Platte), drängt eine neue Generation von jungen Aktivisten nach, die momentan eher auf Achtungserfolge denn au große Karriere hoffen darf. Angeführt wird sie vom Label temp~ sowie Produzenten wie dB und Parov Stelar, die beide im letzten Jahr sehr beachtliche Alben veröffentlichten, oder der Band TNT Jackson, die gerade an dem ihren bastelt. Hervorgegangen aus Treffen eines Amanda-Lear-Fanclubs haben die zwischen Elektropop, Dancerock und Techno pendelnden TNT Jackson gute Chancen, heuer durchzustarten. "So etwas wie Stadtfame ist momentan sicher leichter zu erringen als noch vor einigen Jahren, eben weil diese Wiensache ziemlich abgeklungen ist", weiß TNT-Drittel Florian Obkircher um die Vorteile ruhiger Zeiten. Und vielleicht ist die derzeitige Ruhelage ja nur der Erholungsschlaf vor dem nächsten kreativen Schub.

in FALTER 5/2005



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