Innaron

Annelie Gahl


g-f-es-d Auf "Innaron" kombiniert Annelie Gahl barocke und zeitgenössische Musik. Vom Erfolg der CD ist die Geigerin ziemlich überrascht. Vielleicht hängt es daran, dass die dramaturgisch geschickte Gegenüberstellung von Alter und Neuer Musik gerade irgendwie in der Luft liegt. Möglicherweise spielt es auch eine Rolle, dass im letzten Jahr der 300. Todestag von Heinrich Ignaz Franz Biber weitgehend ignoriert wurde. Auch die gelungene Aufmachung hat sicher nicht geschadet, aber der wichtigste Grund dafür, dass die CD "Innaron" von Annelie Gahl derzeit in der kleinen Welt der feinen Musik einen so großen Erfolg hat, ist ganz sicher der: Gahl ist eine gute Geigerin. Und sie hatte eine gute Idee. Ins Zentrum ihres selbst produzierten Solodebüts stellte die 39-Jährige die sogenannte "Schutzengelsonate", eine Passacaglia, die den krönenden Abschluss von Bibers "Mysteriensonaten" (1670) bildet. Biber, als Komponist und bedeutendster Geigenvirtuose seiner Zeit eine Art Paganini des Barock, verwendete für diesen Zyklus Spieltechniken, die nicht nur zur Zeit ihrer Entstehung als kühn gelten durften. So muss etwa für jede der 15 Sonaten die Geige komplett umgestimmt werden; erst die abschließende Passacaglia greift auf die gewohnte reine Stimmung zurück und umspielt in nicht weniger als 65 fantasiereichen Variationen ein schlichtes Thema aus den vier absteigenden Tönen g-f-es-d. Im barocken Verständnis ist eine Passacaglia eine ziemlich beschwingte Angelegenheit. Auf ihrer CD aber spielt Gahl das Stück in selbstversunkener Ruhe fast als eine Art Meditation. Diese interpretatorische Freiheit wird auf dem Album noch zusätzlich - und ganz ungeplant - von außen bestätigt: Um die "Schutzengelsonate" herum hat sich Gahl von befreundeten Komponisten Stücke schreiben lassen, die auf Bibers Musik Bezug nehmen. Ohne ihre innige Interpretation zu kennen, fanden alle vier dabei zu ähnlich ruhigen Reflexionen über die barocke Vorlage: Katharina Klement lauschte den vier der "Schutzengelsonate" zugrunde liegenden Tönen fein differenzierte Grauschattierungen ab, Christian Muthspiel baute darum konzentrierte Momentaufnahmen; Fritz Keil ergänzte sein assoziationsreiches Stück mit perkussiven Elementen, und Klaus Lang vertraute wie so oft auf die Kraft größtmöglicher Reduktion. Durch die homogene Grundstimmung mag es "Innaron" - der Titel bezieht sich auf die mittelhochdeutsche Wurzel des Wortes "Erinnerung" - zwar an einem belebenden Kontrast fehlen. Doch fiel Gahls Interpretation der vier zeitgenössischen "Erinnerungen" so überzeugend aus, dass Jazzzeit und Salzburger Nachrichten begeisterte Rezensionen veröffentlichten, die Platte immer wieder auf Ö1 gespielt wird und mittlerweile auch das ORF-Fernsehen einen Beitrag für "Treffpunkt Kultur" plant. Diesem medialen Erfolg steht Annelie Gahl nun ein bisschen hilflos gegenüber: "Ich hab mir mit der Platte eigentlich nur einen alten Wunsch erfüllen wollen", sagt sie fast verschämt und versichert glaubhaft, dass sie angesichts des Überangebots auf dem CD-Markt nicht mit nennenswertem Interesse gerechnet habe. In den letzten Wochen jedenfalls war die in Wien lebende Salzburgerin ganz von ihren vier Berufen als Musikschullehrerin in Wien, Hochschuldozentin in Salzburg und Mitglied bei der Camerata Salzburg sowie der Wiener Akademie in Anspruch genommen. "Und da hatte ich wirklich keine Zeit, mir zu überlegen, was ich jetzt mit dieser Welle der Aufmerksamkeit machen soll." Vielleicht findet sich ja bald ein Konzertveranstalter mit einer Idee.

in FALTER 5/2005



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